"Schlimm genug ist's — einerlei, wer's ist!" antwortete sie.
"Hast recht, Mutter!" Und er betete im Herzen sogleich für den armen Knirps, der da so jammervoll schrie. Aber nachdem das erledigt war, dankte er doch Gott, daß es nicht sein Junge war. Das mußte man ihm schon erlauben!
Währenddessen kam ein hochgewachsener Mann in hellem Anzug und Panamahut den Weg herauf. Die ganze Zeit über blickte er nach dem Haus und dem Garten. Der Pastor sah auch ihn an, erkannte ihn aber nicht. Der Fremde kam über die Straße herüber und geradenwegs auf die Treppe zu. Ein hochgewachsener Mann mit kurzem, sonnverbranntem Gesicht, einer Brille, und eigentümlich raschem Gang. Wer in aller Welt...? — Der Pastor trat vom Fenster zurück, eben als der Fremde die Treppe erreichte. Er mußte sie in zwei Sätzen genommen haben, denn schon erklangen Schritte im Gang. Es klopfte.
"Herein!"
Die Tür wurde geöffnet; doch der Fremde blieb draußen stehen.
"Edvard!"
Der andere antwortete nicht. "Aber, Edvard! Du hier! Und ohne Dich anzumelden? Bist Du's denn wirklich?" Und der Pastor lief auf ihn zu, streckte ihm beide Hände entgegen und zog ihn herein. "Willkommen! Herzlich willkommen, alter lieber Kerl!" Sein Gesicht strahlte vor Freude.
Edvards sonnverbrannte Hände drückten zur Antwort des Schwagers Hände, seine Augen glänzten hinter der Brille; gesprochen hatte er noch nicht.
"Warum redest Du denn kein Wort, Alter?" rief der Pastor und legte beide Hände auf Edvards Schultern. "Bist Du denn Deiner Schwester nicht begegnet?" — "Doch! Von ihr hab' ich erfahren, wo ihr wohnt." — "Und Du bist ihr davongelaufen? Wolltest wohl eher hier sein? Es ging Dir wohl zu langsam mit dem Jungen, was?" fragte der Pastor. Seine warmen Augen blickten voll ungeteilter Freude in die Augen des andern. — "Nicht nur deswegen. Du wohnst hübsch hier."
"Ja, nicht wahr? Und Du sollst gerade so hübsch wohnen, wenn ich auch unseren Stadtteil im Norden dem Zentrum vorgezogen hätte." — "Ich hatte ja wohl keine Wahl." — "Nein, das ist wahr. Wenn Du das Krankenhaus übernehmen wolltest, so mußtest Du auch die Doktorwohnung dazu nehmen; die beiden gehören zusammen. Übrigens nicht zu teuer — das sagen alle. Und sehr bequem — und eine Menge Grundbesitz dabei. Na, jetzt hast Du Dich aber auch lang genug draußen herumgetrieben. Wahrhaftig — mehr als lang — so in einer Tour. Aber warum hast Du denn nicht geschrieben? Warum Dich nicht angemeldet? Herrgott — ich hab' Dich ja nicht einmal gleich erkannt! Und dabei hast Du Dich eigentlich gar nicht verändert!" Er betrachtete das hagere Gesicht des Schwagers, das ihm nur weicher im Ausdruck erschien als früher. Dabei plauderte er unaufhörlich weiter, während sie auf und ab gingen oder am Fenster standen. Jetzt wandte Edvard sich zu ihm: "Aber Du, Ole — Du hast Dich verändert!" — "Wirklich? Das hätt' ich nicht gedacht. Die andern finden das nicht." — "Doch — Du hast so einen geistlichen Anstrich bekommen." — "Geistlich? Haha! Du meinst, ich bin ein bißchen dicker geworden? Ich kann Dir versichern, ich tue alles, was ein Mensch tun kann, um dem abzuhelfen; ich arbeite im Garten, ich mache weite Spaziergänge; aber — — — siehst Du, meine Frau pflegt mich eben zu gut. Und die Menschen hier sind zu liebenswürdig zu mir." — "Du solltest es machen wie ich." — "Wie machst Du's denn?" — "Ich lauf' auf den Händen!" — "Hahaha! auf den Händen? In meiner Stellung?" — "In Deiner Stellung? Wenn Du einmal durch das ganze Kirchenschiff auf den Händen liefest — das wäre eine Predigt!" — "Hahaha! Und Du kannst wirklich noch auf den Händen laufen?" — "Und ob!" — Und im selben Augenblick lief er auch schon. Die lose, kurze, rohseidene Jacke hing ihm dabei über den Kopf, der Pastor betrachtete sie, das Rückenteil der Weste, das Hemd zwischen Weste und Hosenbund, ein Stück von den Hosenträgern, die Hosen, die Strümpfe, die braunen Segeltuchschuhe mit den dicken Gummisohlen. Kallem hatte mittlerweile schon fast die Runde um das Zimmer gemacht. Der Pastor wußte nicht recht, wie er sich dazu verhalten solle. Kallem stand tiefatmend und erhitzt auf, nahm seine Brille ab, putzte sie und begann kurzsichtig die Bücherregale zu betrachten.