Nun fühlte der Pastor, daß irgend etwas vorgefallen war — etwas, worüber der Schwager sich ärgerte. Hatte die Schwester etwas gesagt, das ihn verstimmen konnte? Doch nein — was hätte das wohl sein sollen! Bei ihrer Bewunderung für ihn! Das beste war — gleich ehrlich und offen fragen; warum nicht lieber gleich Klarheit schaffen? Kallem hatte die Brille wieder aufgesetzt und ging an ihm vorbei, zum Pult; darüber hing ein Christus von Michelangelo — ein Holzschnitt. Er sah flüchtig zu ihm auf, dann auf das Heft, das aufgeschlagen auf dem Pult lag. Und ehe der Pastor noch eine Frage tun konnte, sagte Kallem: "Johnsons systematische Theologie? Die hab' ich mir gleich in Kristianssand gekauft." — "Die? Du?" — "Ja. Ich hab' sie seither nie bekommen können. Dort lag sie im Schaufenster aus. Es war wie ein Wahrzeichen der Heimat." — "Nein! Das ist nicht Norwegen!" sagte der Pastor. "Das ist in der Hauptsache nichts als unhaltbare Juristerei." Verwundert über diese Antwort des Pastors und den Ton, in dem sie vorgebracht wurde, wandte Kallem sich um: "Ist diese Denkweise unter den jüngeren norwegischen Theologen allgemein?" — "Ja. Ich habe mir das alles wieder zusammengesucht, um morgen die verschiedenen Ansichten über die Versöhnungslehre genau auseinandersetzen zu können." — "Aha! Na ja — eine ganz gute Manier!" — Kallem sah zum Fenster hinaus. Zum vierten oder fünften Male schon. Sicher — da stimmte irgend etwas nicht. "Da sind sie!" sagte er. Er stand am hinteren Fenster, der Pastor am vorderen, von wo aus er jetzt den roten Sonnenschirm seiner Frau über dem Musselinkleid auftauchen sah. Sie ging langsam und hielt den Jungen an der Hand, der anscheinend unaufhörlich plapperte, denn sein kleines Gesicht war fortwährend zu ihr emporgewandt, während er den unebenen Weg entlang stolperte. Die beiden gingen drüben auf der andern Seite. Aber hier unmittelbar am Zaun ging eine Dame ... Eben hob sie ihren grünen Sonnenschirm in die Höhe (wie hübsch der war!) — eine Dame, nicht so groß wie Josefine, aber schlanker; sie sah sich um; ihre Bewegungen waren merkwürdig leicht; ihr Haar war rotblond, und sie trug ein schottisches Reisekostüm von fremdartigem Schnitt; es mußte eine Ausländerin sein. Freilich, jetzt erklärte es sich, weshalb Edvard vorausgegangen war; er hatte allein sein und die beiden allein lassen wollen. "Wer ist denn die Dame, die da neben Josefine geht? Sie muß mit demselben Dampfer gekommen sein wie Du?" — "Ja." — "Du kennst sie?" — "Ja. Es ist meine Frau." — "Deine ... Du bist verheiratet?" Er sagte es so laut, daß beide Damen heraufsahen. Er zog den Kopf zurück und wandte sich um. Aber er sprach ins Leere. Der Doktor sah noch immer zum Fenster hinaus. Die Antwort kam auch von draußen: "Ja, seit sechs Jahren." — "Seit sechs —?" Des Pastors Kopf fuhr wieder zum Fenster hinaus; ein aufs höchste verwundertes Gesicht starrte Kallem an. Seit sechs Jahren! dachte er. Wie lang ist es doch her, daß ...? Mein Gott, es ist ja knapp sechs Jahre her, daß ...

Die Damen waren mittlerweile vor dem Garten angelangt, die Fremde dicht am Zaun, während Josefine und der Junge jetzt herüberkamen. "Du, Mutter, warum fallen denn kleine Jungs immer grad' auf den Kopf?" Keine Antwort. "Mutter, warum fallen sie denn nicht auf die Beine?" Keine Antwort. "Weil der Oberkörper schwerer ist, mein Junge!" Kallem sagte es. Alle drei sahen hinauf.

Im selben Augenblick verließ er das Fenster, um ihnen entgegenzugehen; der Pastor hinterdrein; aber er blieb auf der untersten Treppenstufe stehen.

Die Augen der Dame füllten sich mit Tränen, während Kallem auf sie zukam; vergebens versuchte sie, es zu verbergen, indem sie bald nach rechts, bald nach links blickte. Josefines Augen waren kalt. Der kleine Edvard war auf seinen Vater zugelaufen und erzählte ihm, Nicolai Andersen sei auf "die Leiter" hinaufgeklettert (er deutete dabei nach dem neuen Haus hinunter) "und 'runtergepurzelt". Und "die neue Dame" habe ihm ihr Taschentuch um den Kopf gebunden. Das schien den Pastor gerade jetzt nicht so stark zu interessieren, als der Junge erwartet hatte; deshalb lief er ums Haus herum zur Großmutter, um es der zu erzählen.

"Ich brauche sie Dir wohl nicht vorzustellen?" sagte Edvard Kallem, während er die Hand seiner Frau faßte und dem Pastor in die Augen sah. Dieser suchte nach Worten, fand keine und schielte zu Josefine hinüber, die jedoch keine Miene machte, ihm zu helfen.

Vor kaum acht Tagen hatte der eifrige Geistliche gegen die vielen Scheidungen mit darauffolgender neuer Ehe im "Morgenblatt" einen Artikel geschrieben mit der Überschrift: "Ehe oder Hurerei?" Und hatte darin mit unwiderleglichen Beweisen dargetan, daß nach der heiligen Schrift kein anderer Scheidungsgrund gelte als Untreue. Wer seinen Ehegenossen beim Ehebruch betreffe, sei frei und könne sich wieder verheiraten; wenn jedoch ein Mensch sich aus anderen Gründen scheiden lasse und sich wieder verheirate, während sein Ehegenosse noch lebe, so bestehe die erste Ehe fort und die zweite sei Hurerei. Vor noch nicht acht Tagen hatte er unter voller Zustimmung seiner Frau das geschrieben. Und eben, weil jene Begebenheit mit Kallem und Ragni Kule ihm noch frisch im Gedächtnis stand, erzählte er in diesem Artikel, wie die Frau eines kranken Mannes der Stellung, die Gott ihr zuerteilt hatte, überdrüssig geworden sei und heimlich ein Liebesverhältnis mit einem andern unterhalten habe, wie sie dann gleich nach der Entdeckung geflüchtet sei und sich habe scheiden lassen. "Gesetzt nun den Fall," schrieb er, "daß eine solche Frau sich wieder verheiratet und noch dazu mit dem, der ihr geholfen hatte, ihren Mann zu betrügen? Wer könnte eine solche Ehe anders nennen als fortgesetzten Ehebruch?"

Wort für Wort hatte er so geschrieben. Seine Frau stimmte völlig mit ihm überein; sie haßte die Frau, die ihren Bruder verführt hatte, im voraus. Und nun standen beide vor ihr. Und Ragni war des Bruders Frau.

Etwas Undenkbareres hätte das Wiedersehen gar nicht bringen können! Und dabei waren sie so sicher gewesen, daß der Bruder all solche Leichtfertigkeit von sich abgetan hatte! Er war ja jetzt ein Mann der Wissenschaft, dem schon eine Professur angetragen war, unter sämtlichen jüngeren Ärzten vielleicht der Mann, von dem die Kollegen am meisten erwarteten.

Das war eine Enttäuschung, die nicht zu verwinden war! Und der Gedanke, daß sie nun mit diesen beiden an einem und demselben Ort leben, sie ihren Bekannten in der Gemeinde als Herr und Frau Kallem vorstellen sollten! Nachdem Tuft unter seinem vollen Namen ihr Zusammenleben für Ehebruch erklärt hatte!

Natürlich hatte Kallem es gelesen, er, der so eifrig nach der Wesenseigentümlichkeit des zeitgenössischen Norwegens forschte, daß er sogar Johnsons Dogmatik las! Natürlich las er vor allem die Zeitungen. Er hatte es gelesen, und das erklärte alles! Sie stand da und wußte nicht wohin, klammerte sich bloß an ihn an. Und er? Sein rechter Arm umschlang sie jetzt, als wollte er sich laut zu ihr bekennen. Sie hielt mit ihrer Rechten hartnäckig den Sonnenschirm über sich, als könne der sie schützen; aber auf die Dauer ging das nicht, das Taschentuch mußte heraus, und weil sie ihr eigenes nicht hatte, nahm sie verstohlen das ihres Mannes.