"Wollen wir nicht hineingehen?" sagte der Pastor mechanisch. Das geschah. Er führte sie im Haus umher, während Josefine sich entfernte, um für Erfrischungen zu sorgen. Vom Studierzimmer, das nach dem Garten zu gelegen war, kamen sie ins Wohnzimmer, das nach der Straße ging, dann in die dahinter liegende Eßstube, von dort in die Küche, die an der Nordseite des Hauses lag und einen besonderen Eingang hatte. Auf derselben Seite lag noch die Speisekammer und ein Fremdenzimmer, das an das Studierzimmer stieß und eine Altane hatte, die mit der Treppe am anderen Ende der Fassade korrespondierte. Im Oberstock verschiedene Schlafzimmer usw. Das Herumführen dauerte kaum fünf Minuten. Von Seiten des Pastors nur die allernotwendigsten Worte; von Seiten Kallems ein paar spöttische Bemerkungen, erst als er aus mehreren Anzeichen ersah, daß der Pastor zurzeit im Fremdenzimmer schlief und Josefine mit ihrem kleinen Sohn oben, und dann, als er die seltene Sammlung von Bildern berühmter Theologen sah, die, um Luthers Bild gruppiert, an der großen Wand des Wohnzimmers hingen. Die Erfrischungen, die Josefine anbot, lehnte er ab, verabschiedete sich und ging.

Ragni war wie eine Unsichtbare nebenher gegangen. Jetzt, zum Schluß, glitt ihre lange, schmale Hand durch die Hände des Schwagers und der Schwägerin wie ein Hermelinschwänzchen durch ein Mauerloch. Die Augen huschten scheu über sie hinweg wie der Schatten eines Flügels. Der Pastor gab bis an die Treppe das Geleite; Josefine blieb an dem großen Fenster stehen.

Kallem ging so rasch, daß Ragni alle drei Schritt einen kleinen Sprung machen mußte. Der Pastor stand noch draußen und sah es. Diese Hast steigerte die Erregung, in der sie sich befand, und als sie ungefähr in der Mitte zwischen der Strandstraße und dem Pfarrhof waren, bat sie ihn, stehen zu bleiben, und fing zu weinen an.

Kallem stutzte über diese von der seinen so verschiedene Gefühlsskala; er war empört. Aber bald merkte er, daß sie wahrscheinlich gerade über seine eigene Art sich zu benehmen weinte. Er zog sie mit sich an den Zaun, und stellte sich mit dem Rücken dagegen: "Hab' ich mich nicht richtig benommen?" — "Du warst so böse — hu, so böse, und nicht bloß gegen sie und ihn, sondern auch gegen mich; ja, Du, — ganz besonders gegen mich! — Nicht angesehen hast Du mich — überhaupt nicht die geringste Rücksicht darauf genommen, daß ich dabei war!" — "Aber, liebes Herz, das hab' ich doch gerade Deinetwegen getan!" — "Dann laß mich lieber gleich wieder fort! Das halt' ich nicht aus!" Und sie warf sich an seine Brust. — "Aber, Kind, — hast Du denn nicht gesehen, wie Josefine war?" — "Ja doch!" erwiderte Ragni, und hob den Kopf; der Hut saß im Nacken, das Haar war zerzaust. "Sie wird mich noch einmal töten!" Und wieder flüchtete sie an seine Brust. — "Na, na!" sagte er, "sie soll Dir schon kein Härchen krümmen. Aber verteidigen werd' ich Dich wohl noch dürfen!" — Sofort tauchte ihr Kopf wieder auf. "Nicht so! Ich hätt' überhaupt nie geglaubt, daß Du so sein könntest! Es war so ... so unvornehm, Edvard!" Und sie faßte ihn am Rockkragen und zupfte daran. — "Nun hör' einmal", sagte er ruhig, — "das, was der Kerl über uns geschrieben hat, das war unvornehm! Und ihr Schweigen? Ich finde, das war noch schlimmer als alles, was er geschrieben hat." Hierauf erwiderte sie nichts. Nach einer Weile hörte er ein leises: "Ich passe nicht da hinein!" Er beugte sich über ihren Kopf; der Hut fiel zu Boden; keins von beiden achtete darauf. Leise redete er in ihr rotblondes Haar hinein: sie müsse nicht gleich so verzweifelt sein, nicht gleich von Sterben oder Fortgehen sprechen. "Wir müssen das mannhafter nehmen, verstehst Du, Schatz?" — "Ja." Ihr zerzauster Kopf richtete sich wieder auf. "Aber Du mußt nicht vergessen, daß ich jetzt dabei bin; Du kannst nicht so sein, als wenn Du allein wärst!" — Nein, das merkte er denn auch, und hatte ein recht böses Gewissen.


Zur selben Zeit war Josefine wieder in dem Zimmer, das nach der Straße hinausging; es hatte ein einziges Fenster, das größer als zwei gewöhnliche war, und da stand sie und lehnte den Kopf ans Fensterkreuz. Der Pastor stand hinter ihr. Er nannte es einen bösen Zufall, daß er das im "Morgenblatt" geschrieben hatte. "Dein Bruder hat mir erzählt, er sei schon seit sechs Jahren verheiratet." Josefine fuhr hastig herum. Aber nach einer Weile des Nachdenkens sagte sie nur: "Unsinn!" und wandte sich wieder zum Fenster zurück. Der Pastor meinte auch, das könne nur ein schlechter Witz sein. Sie hätten sich doch nicht trauen lassen können, ehe sie gesetzlich geschieden war. — "Ganz merkwürdig war er — auf einmal fing er an, auf den Händen zu laufen!" Wieder wandte sie sich nach ihm um, mit ihren größten Augen. "Jawohl, auf den Händen ist er gelaufen", versicherte der Pastor. "Ums ganze Studierzimmer herum. Er behauptete, so sollte ich einmal zum Altar gehen. Wenn er Luther verhöhnt, so muß ich mich ja wohl damit abfinden, daß er auch mich verhöhnt!"

Sie wünschte offenbar nicht, daß er gerade jetzt über diese Begegnung sprechen sollte; es tat ihr zu weh. Er zog sich ins Studierzimmer zurück; aber er sah keineswegs bloß mißvergnügt aus, während er sich seine Pfeife stopfte.

Josefine hatte sich so unendlich viel von dem Wiedersehen und dem Zusammenleben mit dem Bruder versprochen. Sie hatte nicht die leiseste Andeutung hören wollen, daß es möglicherweise anders kommen könne, als sie erwartete. Wer weiß — was sie jetzt litt, war ihr vielleicht ganz gesund!

Aber war er denn selber heut so gewesen, wie er hätte sein sollen? O ja, er glaubte doch wohl. Gebe Gott, daß er es nur immer so sanftmütig ertrug! Denn bei dem einen Mal blieb es nicht; das ahnte er wohl.

Die Pfeife schmeckte, und das Predigtheft wurde wieder zur Hand genommen; aber der Gedanke an Josefine drängte sich dazwischen. Nie hatte er in ihrem ehelichen Verhältnis die Sicherheit gefühlt, deren andere sich erfreuten. Sie hatte ihre schwierigen Zeiten — und dies letztemal war es schlimm gewesen. Zweifellos, weil alle ihre Gedanken sich mit dem einen beschäftigten, der nun bald zurückkehren würde ...