"Psst!"

"— Die Rechtfertigung ist eine Tat des Augenblicks in uns, ein Vorgang ein für allemal. Alle Sünden sind ausgelöscht; in Gottes Augen sind wir ebenso rein und heilig wie Christus."

[2]

Die beiden, die dort unten auf der Straße Frieden geschlossen hatten, wanderten Arm in Arm weiter. An der Ecke der Strandstraße stand auf einem Gerüst Maurer Andersen, ein vierschrötiger Mensch mit langem, braunem Bart und einer Schutzbrille — der ganze Mann weiß von Kalk. Er erkannte die hellgekleidete Dame wieder, die seinem Jungen beigesprungen war, und da sie jetzt Arm in Arm mit dem Brillenmann einherkam, den er vorher hatte hinaufgehen sehen, dachte er sich, das müsse der neue Doktor sein. Der Pastor war ja sein Schwager; von dem kamen sie jetzt jedenfalls zurück. Andersen hielt mit der Arbeit inne und grüßte; Ragni hielt ihren Mann an und sagte etwas — das sah Andersen. Er rief den Arbeitern, die da hämmerten, zu, sie möchten einen Augenblick still sein, und fragte dann, was sie gesagt habe. Sie wollte wissen, ob der Junge jetzt schlafe. Jawohl; aber sie möchten doch recht gern, der Herr Doktor solle nach ihm sehen, wenn er wieder wach sei; "Sie sind ja doch wohl der neue Herr Doktor?" — "Richtig geraten!" Jetzt kamen sofort die Leute im Haus drinnen an die Fenster, ebenso die im nächsten Haus; ein Vorübergehender blieb stehen, guckte die beiden an, ging weiter und erzählte es der ganzen Straße. Andersen benützte die Gelegenheit, auch gleich mit seinen schwachen Augen zu kommen. Jawohl, die würde sich der Doktor nächstdem einmal ansehen. Aus den Fenstern und auf der Straße sahen ihnen die Leute nach. Sie waren jung, was brauchte es weiter? Bald hatten sie vergessen, was kürzlich vorgefallen war, und fühlten — hier konnten sie heimisch werden!

Unter denen, die unwillkürlich grüßten, befand sich ein junger Mann mit fast zu üppigem Haarwuchs, blassem, merkwürdig gewölbtem Gesicht, schmächtig gebaut und hoch aufgeschossen; etwas Feines, Befangenes lag über ihm. Als sie ihn ansahen, errötete er. "Da hast Du wahrhaftig schon eine Eroberung gemacht!" flüsterte Kallem. Kurz darauf kam ein sonderbarer Gesell ihnen entgegen, lang, vornübergebeugt, in Bluse und Schurzfell. Schwarzes, verstaubtes Haar, das Gesicht ungewaschen, fast rußig. Er trug allerlei Handwerkszeug in seinen schmalfingrigen Händen; die hingen an außergewöhnlich langen Armen, die im Bogen hinter ihm herschlenkerten. Hätten sie im Takt geschwungen, sie hätten zusammenstoßen müssen. Eine Mütze trug er nicht; das kurzgeschnittene Haar ließ die ganze Kopfform erkennen. Die Stirn war weder breit noch hoch, aber ungewöhnlich fein gebaut. Die Wangenpartie länglich, mit vortretenden Backenknochen. In den kleinen, eiskalten Augen und um den zusammengekniffenen Mund etwas Höhnisches. Die Nase klein und flach, das Kinn ziemlich lang. "Du, sieh doch den!" flüsterte Kallem. "Pfui!" antwortete sie. Jetzt strich der Mensch mit forschendem Blick an ihnen vorüber. Kallem blickte ihn ebenfalls an, und als sie aneinander vorbei waren, drehten sich beide um. Eine alte Frau kam gewatschelt. "Wer ist der Mann da?", fragte Kallem. Sie sah erst Kallem an, und dann den andern. "Das ist Kristen Larssen." — "Ein Feinschmied?" — "Was für'n Ding?" — "Feinschmied." — "O ja. Aber Uhrmacher ist er auch. Und Büchsenmacher. Alles mögliche."

Der Strandweg war gegen die Bucht hin offen, ohne Steindamm. Im Wasser lag allerhand verfaultes Zeug, ebenso am Lande. Die ganze Stadt hatte etwas Unfertiges. Ein großes Haus neben einem kleinen; einmal ein steinernes Haus, dann ein hölzernes; und alles wie in der Eile und mit geringen Mitteln errichtet. Die Häuser lagen nicht einmal in einer geraden Linie, und die Straße war kaum eine Straße zu nennen. Die Leute, denen sie begegneten, noch nicht Städter, und doch auch nicht mehr Landleute. Durchgehends "mißtrauisch und freundlich", wie Kallem sagte. "Mischware".

Jetzt waren sie auf dem Marktplatz angelangt, von wo der Weg zur Kirche hinaufführte. Diese lag frei, hoch und schlank auf der Höhe. Hier waren sie Josefine begegnet, eben als sie hatten hinaufgehen wollen; denn dort oben, rechts von der Kirche, frei, in einem Park mit einem Garten vorn, lag ihr Haus. Von hier aus konnte man es nicht sehen.

Die Straße gabelte sich unmittelbar vor der Kirche und führte nach zwei Seiten weiter. An dem Weg rechts mußte ihr Heim liegen. Als sie sich der Kirche näherten, sahen sie den Park hinter ihrem Haus und darin das Dach des großen Krankenhauses. Endlich — sie gingen ganz langsam, voller Spannung, ohne ein Wort zu reden — endlich der große Garten, und darin ihr Haus! Ein Holzbau im Schweizerstil, etwas zu breit, die Fenster groß und alle weit offen. Eine Veranda auf einen sandbestreuten Platz hinaus, zu dem eine Treppe hinunterführte. Daneben der Blumengarten, weiterhin der Gemüsegarten, und zu beiden Seiten, der Stadt zu, ein ziemlich großer Obstgarten. Die beiden nahmen alles gleichzeitig in sich auf. Das also war es! Sechs lange Jahre hatten sie — jedes für sich — dafür gearbeitet, es erträumt in wer weiß wie vielen Formen — nur nicht in dieser! Es hinverlegt nach wer weiß wie vielen Orten — bloß nicht hierher! All die geträumten Bilder waren ausgelöscht von dem, was sie hier vor sich sahen! Beide wandten sich um, maßen Weite und Leuchtkraft der Landschaft, und wandten sich dann lächelnd einander wieder zu. Seltsam — gerade in diesem Augenblick kein Mensch zu sehen — kein Laut, kein Geräusch, das an etwas — nah oder fern — erinnerte! Sie und ihr Heim! Das eine von ihnen sah, was das andere sah; des einen Sehen und Fühlen wurde geschärft durch das Bewußtsein, daß das andere ebenso sah und fühlte. Ragni löste ihren Arm aus Kallems Arm, ging nach dem Zaun hinüber — er war aus Wachholderstäben —, faßte durch die Stäbe, und pflückte ein paar Gräser und einen grünen Zweig; damit kam sie zurück und befestigte es an seinem Rock. Er sah etwas weiter oben einen Büschel Glockenblumen, ging hin, griff durchs Gitter darnach und kam damit zurück; sie nahm sie und sammelte noch mehr dazu; als es schließlich viele waren, sah es hübsch aus.

Neben dem Haus und auf dem Hof lagen Kisten, unausgepackte Möbel, Stroh, Sägespäne, Matten. Ragnis großen Flügel hatte man augenscheinlich soeben ausgepackt und die Beine daran geschraubt; aber kein Mensch war zu sehen.

Ein großer, freistehender Taubenschlag war da. "Denk doch, wenn jetzt Tauben angeflogen kämen? Tauben müssen wir uns halten!" — "Aber denk erst, wenn ein Hund gesprungen käme! Einen Hund müssen wir uns halten!" — Von hier aus führte keine Tür ins Haus; erst vom Weg aus, der Park und Garten trennte. Hier blieben sie stehen und wandten sich noch einmal um, der weiten Landschaft zu.