In der reichsten Gegend vielleicht, die das Land besaß, der sonnenfreudigsten, da lag den beiden das eigene Heim, die Mitte des Kompasses. Ragni lugte seitwärts, ob das Pfarrhaus zu sehen sei. Keine Spur! Kallem ahnte, nach was sie sah, und lächelte. Sie hörten durch die offenen Fenster drin die Arbeiter; jetzt hörte man sie mit Radau und Gelächter die Verandatreppe herunterkommen; sie gingen auf den Flügel los, ohne die beiden zu beachten, die weiter oben standen. Sie schwatzten, probierten, mühten sich ab, unter all dem überflüssigen Gelärme, das eine Arbeit, an die die Leute nicht gewöhnt sind, zu begleiten pflegt. Dann zogen sie mit dem Flügel zur Veranda ab, und bald hörte man sie wieder auf der Treppe trampeln. Kallem und Ragni blickten in den Park; hohe, schöne Bäume und hinten zwischen den Stämmen das Krankenhaus, ein mächtiger Holzbau auf Steinfundament, mit großen, kleinscheibigen Fenstern. Dann gingen sie durch die Tür in den Garten und auf ihr eigenes Haus zu.
Zuerst ein kleines Wirtschaftsgebäude; sonst aber lag das Hauptgebäude nach allen Seiten frei.
Die Obstbäume fingen schon zu blühen an; es mußte warm sein hier oben. Und der Garten! Ragni dachte mit keinem Gedanken daran, daß der wohlbestellte Garten Josefines Werk war; sie freute sich darauf, selbst zuzugreifen. Das Haus mußte neu gestrichen werden; es sollte auch eine andere Farbe bekommen, nicht diese ärmliche gelbe. Ihr Haus, ihr Heim! Kallem trat dreimal fest auf die Erde; der Boden war sein! Er wollte gleich von hier ins Haus; aber nein, sie wollte zum Vordereingang hinein, die Verandatreppe hinauf. So gingen sie zwischen den Kisten und dem Stroh hindurch und guckten zu den Fenstern hinein. Das Haus war im Verhältnis zu seiner Länge und Breite niedrig, das Dach ragte weit vor und lag schwer darauf. Aber es war gut.
Auch die Veranda hatte keine Verhältnisse; sie war breit und die Treppe bequem.
Arm in Arm gingen die beiden hinauf; das erste, was ihnen in die Augen fiel, war eine Enttäuschung; die Eingangstür, eine Glastür, befand sich nicht in der Mitte des Zimmers, sondern ganz unten in der südlichen Wand. Sie sahen bald, daß es nicht anders möglich war, wenn die Veranda in der Mitte des Hauses liegen sollte; rechts lagen nämlich noch zwei Zimmer in einer Flucht mit dem Verandazimmer. Jetzt kamen die Männer, die den Flügel hineingetragen hatten, alle wieder heraus; sie dachten sich gleich, wer die beiden waren, und als sie Ragni erblickten, nahm erst der eine, dann nahmen alle andern Hut oder Mütze ab. Kallem grüßte, Ragni schlüpfte zu ihrem Flügel hinein, der mitten im Zimmer stand, holte den Schlüssel hervor und öffnete ihn, als müsse sie ihn gleich auf der Stelle genau prüfen; sie konnte nicht anders, sie mußte hören, ob er noch gestimmt war. Mit den Handschuhen an den Händen schlug sie Longfellows "Sweet home" an. Bei den ersten Klängen dieser Hymne an die Heimat nahm Kallem den Hut ab. Die andern sahen das, glaubten wohl, es sei ein Choral, und folgten seinem Beispiel.
Ragni hatte ihnen den Rücken zugewandt und bemerkte daher nicht, daß nun von rechts noch zwei Leute zum Vorschein kamen, ein Mann mit rundem, glänzendem Gesicht, und hinter ihm ein kleines Weibchen, das gern hereingeguckt hätte und doch auch nicht gern gesehen sein wollte. Aber jetzt öffnete sich auch die Tür gerade vor ihr, und ein Bauernmädchen spähte bescheiden herein, was das wohl für seltsame Töne sein mochten. Ragni dachte sich gleich, daß es ihr Dienstmädchen sei, das aus der Küche kam, und ging ihr entgegen. "Du bist Sigrid?" — Ja, freilich, es war Sigrid. — "Und wir sind Doktors." — "Kann mirs denken!" sagte sie und kam jetzt ganz herein, ein kräftiges, anmutiges Geschöpf. "Ist es das erstemal, daß Du bei fremden Leuten bist?" fragte Kallem. — Jawohl, es sei das erstemal. — "Und bei uns ist es das erstemal, daß wir haushalten," sagte Kallem; "das wird ganz famos gehen!"
Ragni ging mit hinaus in die Küche. Dort fiel ihr sofort ihr neues Tischservice in die Augen, das eben ausgepackt und abgewaschen war. Jetzt aber konnte sie es nicht mehr aushalten; sie ging hinaus in den Korridor und die Treppe hinauf; sie mußte allein sein. Die Tür zu ihrem Schlafzimmer stand gerade vor ihr offen; sie ging hinein und trat auf die Altane, die über der Veranda lag. Womit hatte sie solch großes Glück verdient? Was wog ihre Arbeit, ihre Sehnsucht im Vergleich zu dem, was hier in dem Haus eines reichen Mannes für sie bereit stand? Und doch — in diesem großen, unverdienten Glück war eine Angst ... Auch von hier spähte sie hinüber — gen Norden. Ob das Pfarrhaus zu sehen war? Nein, es war nicht zu sehen.
Josefine hegte einen Groll gegen sie; das hatte sie sogleich gefühlt. Und ob der Bruder das auch häßlich fand — er hing doch an seiner Schwester; ja, etwas war an ihr, das er ganz besonders liebte; in solchen Dingen täuschte sie sich nie.
Kallem besah sich die Räume unten. Das Paar an der Tür rechts hatte sich wieder zurückgezogen, und die Männer waren bei der Arbeit. Das Verandazimmer war groß; die Fenster gingen auf einer Seite nach der Kirche, auf der andern nach dem Garten; aber er würde Ragni vorschlagen, jene zu verhängen. Einfarbige, hellgraue Wände, die Decke hellblau mit goldenen Sternen; die Farben waren alt; nur der Fußboden war neu gestrichen, ebenfalls hellgrau. Im Zimmer links waren sie noch dabei, frisch zu tapezieren. Was, immer noch nicht fertig? Und auch im nächsten Zimmer noch nicht? Zwei waren dort an der Arbeit, der Mann und die kleine Frau, die vorhin in der Tür aufgetaucht waren. "Guten Tag!" grüßte Kallem. "Guten Tag!" erwiderte das runde, glänzende Gesicht mit dänischem Tonfall. Kallem trat näher an den Tisch heran, vor dem der Mann stand und die Tapeten zurecht schnitt. Die Frau hielt sich dicht an seiner Seite; jetzt verkroch sie sich ganz hinter ihm. "Ist das Ihre Frau?" — "Jawohl, meine Frau; und außerdem mein Gesell; Gesell und Frau; aber meine Gesellenfrau ist sie darum doch nicht!" Das kleine Weibchen hinter ihm kicherte, wenn auch fast unhörbar. Der Mann hatte hervorstehende rollende Augen, in denen ein Schelm saß. "Ich dachte, Ihr wärt fertig." — "Man arbeitet unter Hindernissen, Herr Doktor!" Sie gluckste vor Lachen, aber immer wie aus einem dicken Pack heraus. — "Ist Ihre Frau auch Dänin?" — "Nein, Norwegerin; aber wir passen trotzdem gut zueinander." Sie duckte sich, fortwährend kichernd, noch tiefer hinunter.
Der Raum, in dem sie standen, war lang und schmal; Kallem sah sofort, daß es das Eßzimmer werden mußte, wahrscheinlich auch das Wartezimmer für die Kranken. Das dahinter, mit den Fenstern nach vornheraus und nach Südost, war selbstverständlich sein Arbeitszimmer, in dem er Patienten empfing, wenn er nicht im Krankenhaus war. Er ging gar nicht erst hinein, sondern vom Eßzimmer gleich hinaus auf den Gang. Da war rechts die Küchentür. Auf dem Küchentisch sah er eine Reihe Bierflaschen stehen; einige leer, andere noch voll. "Wem gehören die Flaschen?" — "Dem Sattler." — "Sie meinen dem Tapezierer?" — Kallem begriff mit einemmal, was da für "Hindernisse" vorgelegen hatten, und daß der Mann betrunken war, und die Frau noch mehr. Darum waren die Männer so lang im Hause geblieben, bis sie den Flügel geholt hatten! Sie waren mit Bier traktiert worden. "Bitte, rufen Sie mir den Dänen mal heraus!" Das Mädchen ging, und sofort kam auch das runde, glänzende Gesicht mit hundert Schelmen in den Augen zum Vorschein und dahinter die Frau, die einmal rechts und einmal links davon hervorguckte.