"Die Flaschen da gehören Ihnen?" — "Nicht so ganz!" — "Ihr seid also mehrere?" — "Ja — beim Trinken!" — "Aber Sie haben sie bezahlt?" — "Das Bier, ja; aber nicht die Flaschen; die muß man zurückgeben." Die Frau kicherte.
"Darf ich fragen, wie Sie heißen?" — "Sören Pedersen heiss' ich, jawohl, Sören Pedersen!" — "Also hören Sie mal, Sören Pedersen, wollen Sie mir die Flaschen da verkaufen?" — "Das Bier, meinen Sie?" — "Das Bier." — "Aber gern!" — "Dann haben wir heut Nacht doch was zu trinken; wir müssen nämlich durcharbeiten heut Nacht; wir möchten morgen fertig sein. Wir arbeiten mit. Wollen Sie?" — "Wenn der Herr Doktor befehlen." — "Und dann darf ich Sie wohl bitten, heute mit uns zu Abend zu essen?"
In drei, vier Sätzen sprang Kallem jetzt die Treppe hinauf. Ragni stand im Sonnenglanz draußen auf der Altane. Sie wandte sich nach ihm um. Er fragte, ob sie ihr Gebet verrichtet habe. Ja; sie sei fertig.
Auch er blieb ein Weilchen auf der Altane stehen und sah nach dem Inselkindchen hinaus, das da vor seiner Mutter spielte — von hier aus konnte man es sehen — auf die Bucht mit den Wasserfurchen, auf die Berge dahinter in ihrer vornehmen Ferne. Er blickte hinüber, nach rechts, wo Pastors wohnten; sie merkte es wohl. "Sie können uns doch zum Donnerwetter nicht behandeln, als ob wir nicht verheiratet wären? Nicht? Das wollen wir doch sehen!"
Sie zog ihn ins Zimmer und wies auf die Farbe der Wände in ihrem Schlafzimmer; mattweißer Ölanstrich, wie sie es sich gewünscht hatte. Alles sollte weiß sein hier oben, mit Ausnahme der langen Gardinen und Portieren, die von der Decke herab über den beiden Betten, dem Altanfenster und der Tür hängen sollten. Die waren blau in Farbe und Muster, zu den Ornamenten an den Betten und übrigen Möbeln passend. Sie wurde ganz gesprächig; aber Kallem mußte das Krankenhaus besehen; und da wollte sie mit.
Das erste, was er auszusetzen hatte, als sie im Park davor standen, waren ein paar alte schöne Bäume: die standen viel zu nah — die mußten weg. Statt ihrer sah er im Geist schon einen großen freien Platz mit einem Springbrunnen in der Mitte, von dem nach allen Seiten hin Wege in den Park führten. Das Krankenhaus war zweistöckig, gelb gestrichen, mit ungewöhnlich großen Fenstern, aber sehr kleinen Scheiben. Im Unterbau, einem mächtigen Steinsockel, war die Wohnung für die Dienerschaft und den Verwalter eingerichtet. Es sah sehr behaglich aus; Gardinen an allen Fenstern, und Blumen davor. Der Eingang befand sich an der linken Seite des Hauses; ein dichtes, hohes Gitter hegte einen sehr großen Hofraum ein. Kallem freute sich, als er längs des Gitters Ahornbäume stehen sah; er wußte, in vierzehn Tagen konnten hier amerikanische Zelte für die Kranken aufgeschlagen sein — den ganzen Sommer über.
Die Haustür war offen; kein Portier. Im Fenster der Portierloge lagen fromme Schriften und Traktate zum Verkauf aus. Kein Anschlag an der Tür, der angab, wann Besuchszeit sei für die Kranken. Den Portier sahen sie dann im inneren Hof; ein älterer Mann mit ernsten, forschenden Augen; er trug eine Brille, über die er hinwegblickte, und die er abnahm, als er merkte, wen er vor sich hatte. "Sie sind der neue Herr Doktor?" — "Ja." Jetzt nahm er auch seine Mütze ab: "Willkommen!" Der Patient, mit dem er sich eben unterhalten hatte, schlich davon; er war bleich und trug — trotz des sommerlich warmen Tags einen dicken wollenen Schal um den Hals; er hielt sich in der Entfernung, grüßte auch nicht. Der Portier ging mit ihnen.
Das Haus hatte — zu beiden Seiten eines hellen Korridors — je eine Reihe Zimmer, die nach vorn groß, die nach dem Hof zu kleiner; in beiden Stockwerken gleich. Der Portier war nicht nur Portier, sondern auch Verwalter und ältester Aufseher des Hauses. Als solcher stellte er die übrigen Beamten vor, wie sie ihnen gerade in den Weg liefen. Ganz nette Leute, Männer wie Frauen; unter den letzten zwei Diakonissinnen, — die waren die allerfreundlichsten.
Das erste, was Kallem notwendig erschien, war, das Haus von den alten, verpesteten Typhusstuben zu reinigen und einen besonderen Typhuspavillon für den Winter zu errichten. Der Operationssaal war recht hell; aber ein neuer, gebohnter Fußboden mußte sogleich gelegt werden. Der Ventilationsapparat war miserabel. Mit Ausnahme dieser und noch einiger geringerer Mängel — z.~B. die kleinscheibigen Fenster — war das Haus gut; die Zimmer hoch, die Gänge geräumig; das Ganze machte den Eindruck von Helle; es gefiel ihm sehr.
Der Krankenbestand war in Anbetracht der Jahreszeit gar nicht gering. Sein Spezialstudium, die Tuberkulose, war durch drei Patienten vertreten — zwei Knaben und ein etwa zehnjähriges Mädchen, magere, wachsbleiche, armselige Geschöpfe. Er freute sich darauf, sie bald in seine amerikanischen Zelte legen zu können. Der frühere Besitzer des Krankenhauses, der alte Doktor Kule — ein Onkel von Ragnis erstem Mann —, war gestorben. Kallem hatte es sehr billig erstanden, da sich im Augenblick niemand anders fand, der es übernehmen wollte. Hier konnte er sich einrichten und seine Zeit einteilen, ganz wie er wollte; er hatte freie Hand. Der Bezirk gab einen Beitrag; ein Komitee, bestehend aus dem Distriktsarzt und einem zweiten Arzt, führte die Oberaufsicht; aber er war ganz sein eigener Herr. Dieser erste Besuch machte ihnen beiden Freude. Sie kehrten in ihre Wohnung zurück, guten Muts und fürchterlich hungrig, nahmen in der Küche eine kleine Vespermahlzeit zu sich, tranken ein Glas Wein dazu, und dann noch eins auf das große Ereignis: daß sie zum erstenmal im eigenen Hause aßen.