Im Wohnzimmer stand noch alles bunt durcheinander. Trotzdem ging Ragni an den Flügel. Sie hatte sich — seit fünf oder sechs Jahren — ganz heimlich an Übersetzungen aus der englischen Literatur, besonders der Versliteratur versucht. Ein bißchen warm vom Wein — ein bißchen verlegen — schlug sie ein paar Akkorde an — bat ihn, sich nicht vor sie hin zu stellen — schlug wieder Akkorde an und sang mit einer kleinen, weichen Stimme, die mehr rezitierte als sang:
Wir sind daheim!
Unser Wesen und Sein
Soll hier blühn und gedeihn
Aus zartestem Keim!
In Dingen, Gedanken,
In Stimmen, in Blumen,
Soll alles sich ranken
Um uns.
Hier wird mein Sinn
Durch dich offenbart.
Und du, der nun sehend ward,
Sieh, wer ich bin,
Die sündig und selig-fröhlich,
Beglückt dich und kränkt,
Und stets sich versenkt
Harmonisch und selig
In dich!
[3]
Den nächsten Morgen wachten sie durch ein lautes, anhaltendes Dröhnen auf. Als sie ganz munter wurden, merkten sie, daß es die Kirchenglocken waren, die zum Kirchgang läuteten; beide hatten lang geschlafen; aber sie hatten auch bis gegen drei Uhr, also bis in den hellen Morgen hinein, gearbeitet.
Eins, zwei, drei war Kallem aus dem Bett und im Badezimmer nebenan, wo er sich mächtig abduschte. Dafür hatte der alte Doktor also doch Sinn gehabt! Und kaum war er halb angezogen, so lief er auch schon hinaus auf die Altane, zu der herrlichen Aussicht. Er rief Ragni zu, sie solle ebenfalls duschen und sich ankleiden und herauskommen; aber sie hatte schon gestern gemerkt, wie gräßlich kalt das Wasser war und lag nun mit großen, offenen Augen da und überlegte, ob sie mogeln oder es wirklich wagen solle. Sie zog es vor, zu mogeln und stand gleich darauf in einem allerliebsten Morgenkleid neben ihm. Aber wie unschuldsvoll sie ihn auch anblickte, und wie eifrig sie die wundervolle Aussicht, den köstlichen Tag rühmte — er vergaß die Dusche nicht. Sie hatte gestern feierlichst gelobt, sie gleich vom ersten Tag an zu nehmen; eben weil sie sich so leicht erkältete, sollte sie sich's zum täglichen Brot machen, und ganz besonders hier, wo Wärme und Kälte so schroff wechselten. Also —! Sie setzte ihr kläglichstes Frätzchen auf — sie versuchte, darüber wegzuscherzen; aber er deutete unbeirrt auf das Badezimmer. Wollte sie ihr Gelübde brechen? Wenn sie's ein erstes Mal tat, so tat sie's später noch oft. Sie küßte ihn und sagte, er sei ein Scheusal; er küßte sie, und sagte, sie sei ein süßes Ding. Aber die Dusche! Sie rannte hinein, streifte ihren Morgenrock ab, als wolle sie unter die Dusche gehen ... Aber husch! lag sie wieder unter der Decke. Als er kam, zog sie die Decke über den Kopf. Da nahm er ohne weiteres Decke samt Inhalt und trug beides nach der Tür; und jetzt bat sie so rührend um Gnade, und das klang so verängstigt, daß er alles beides wieder zurücktrug. Sie schlang die Arme um ihn und zog ihn zu sich nieder; und vor ihren warmen Gliedern zerschellte alle Logik.
Die Glocken läuteten und läuteten. Wagen rollten vorüber, alle von der Stadt her. Kaum war der eine vorbei, so kam schon ein anderer. Die Tür stand offen. Sooft die Glocken nach ihren drei bekannten Schlägen aussetzten, hörte man im Zimmer das Surren der Fliegen, und von draußen die Vögel. Jetzt vernahmen sie auch von der Bucht her das Schnauben eines kleinen Dampfers; sie hatten ihn vorhin vom jenseitigen Ufer abstoßen sehen, vermutlich mit Ausflüglern an Bord. Irgendwo mußte ein Fest sein, zu dem die Leute strömten.
Von Südwest wehte eine leichte Brise, und bei jedem Windstoß füllte sich das Zimmer mit Wohlgeruch; es strömte förmlich von Bäumen und Wiesen herein. Zwischen dem Glockenklang flüsterte es und wisperte; die Luft war trunken.
Eine Weile später standen sie wieder auf der Altane und sahen die Leute zur Kirche gehen. Aber fortwährend zogen daneben mit Menschen vollgepfropfte Wagen an der Kirche vorüber und weiter. Der Dampfer war schon ganz nahe; da pfiff es auch von der Eisenbahn her. Beide verfolgten nun mit den Augen zwei Schwalben, die offenbar mit ihrem eigenen Schatten auf dem Sand vor der Veranda spielten. Über- und nebeneinandervorbei flogen sie — die Schatten auf dem Sand machten die Schwingungen nach; die Vögel waren bald ganz unten, dann wieder höher; wenn sie zu hoch geflogen waren und die Schatten verloren hatten, senkten sie sich wieder und suchten nach ihnen. "Nächstes Jahr", sagte sie flüsternd, "wollen wir Nistkästen anbringen!"
Sie kleideten sich völlig an, gingen hinunter und frühstückten. Sören Pedersen und seine Frau waren längst da und hatten längst gefrühstückt; sie waren schon in voller Tätigkeit.