Sie erfuhren jetzt, daß fast alle Leute in das benachbarte Kirchspiel fuhren, wo der Bezirkspfarrer Meek sein fünfzigjähriges Jubiläum feierte und zugleich seine Abschiedspredigt hielt. Seit heut früh seien schon die Fußgänger unterwegs; jetzt kämen die zu Wagen, und außerdem noch ein ganzes Schiff voll Menschen vom andern Ufer. Meek sei die ganzen fünfzig Jahre in einer und derselben Gemeinde gewesen — "ein ganz absonderlicher Mann". Kallem und Ragni frühstückten im Verandazimmer. Aber das Frühstück wurde unterbrochen. Es klopfte, und herein trat lächelnd, bescheiden, ein älterer hagerer Mann mit einer Hornbrille; es war Doktor Kent, der zeitweilige Leiter des Krankenhauses. Er kam eben von dort. Kallem und Ragni standen beide auf. Doktor Kent hatte eine angenehme, leise Stimme und ein ruhiges Lächeln bei allem, was er sagte. Er setzte sich etwas abseits, während sie weiter aßen, und machte einige kurze Angaben über die Kranken in der "Anstalt" und über den allgemeinen Gesundheitszustand in Stadt und Umgegend. Auf Befragen erteilte er bündigen Bescheid, welchen von den Beamten Kallem seine Aufwartung machen müsse, welches die Stadtverordneten, Gemeindevorsteher und Mitglieder des Amtsgerichts waren, deren Bekanntschaft wünschenswert sei. Selbst das rein Geschäftsmäßige klang freundlich in Doktor Kents Mund. Als sein leichter Einspänner vorfuhr — er hatte einen Krankenbesuch auf dem Lande zu machen — bat Kallem, er möge ihn mitnehmen; sofort war auch Ragni dabei, und so bestellten sie denn einen größeren Wagen und saßen bald alle drei darin. Als sie eben abfahren wollten, fiel Ragni ein, daß der Flügel leicht übergestimmt werden mußte, und sie fragte Sören Pedersen, ob er jemand wisse, der stimmen könne, wenigstens einmal fürs erste. Freilich — Kristen Larssen. So kam es, daß die Fahrt mit Mitteilungen über Kristen Larssen begann. Kent erzählte, er sei in einer der abgelegensten, elendesten Gemeinden aufgewachsen, und dereinst einer Lappalie wegen mit dem Gesetz in Konflikt geraten — Kent hatte eine schwache Erinnerung, als sei es geschehen, weil er einen Tanz, den er spielte, die "Vergebung der Sünden" betitelt hatte. Kristen Larssen sei Erfinder; eine jetzt ganz allgemein verbreitete Strickmaschine und verschiedenes Handwerksgeräte stammten von ihm. Er sei ein kalter Mensch — kalt, wie Eisen im Winter, und Sören Pedersen und seine Frau seien sein einziger Umgang. Was denn das eigentlich für Leutchen seien? — Ihre Antezedentien kenne er nicht; sie stamme aus hiesiger Gegend, er von Fünen. Beide tüchtig in der Arbeit; aber man habe bald gemerkt, daß sie tranken. Der Pastor hatte dem abzuhelfen versucht; er hatte sie liebgewonnen, während sie bei ihm in seinem Haus arbeiteten. Merkwürdigerweise glückte es; sie hörten nicht allein auf zu trinken, sondern Sören Pedersen wurde ein überaus eifriger Temperenzler und äußerst fromm; er konnte schließlich die ganze Bibel auswendig. Buchstäblich wahr — ganz auswendig! Er erzählte selber oft, daß es sein größtes Vergnügen sei, wenn Aase ihm zuhöre, und in kleineren Versammlungen trug er ganze Kapitel aus der Bibel aus dem Kopfe vor, während die Leute dabei saßen und nachlasen. Der Pastor meldete ihn in einer Bibelschule an, und er selbst hatte keinen höheren Wunsch, als dahin zu kommen; aber Aase mußte auch mit! Da man ihm hierin nicht willfahren konnte, verzichtete er auf die Bibelschule und wurde an allem irre.
So traf er mit dem Tausendkünstler Larssen zusammen, der sich gerade damals hier in der Stadt niederließ. Kristen Larssen hatte von Sören Pedersens Gabe zum Auswendiglernen gehört und versuchte, hinter den Mechanismus der Sache zu kommen. Aber da war keinerlei Mechanismus; "alles ist eine Gnadengabe Gottes; denn bei Gott ist kein Ding unmöglich."
"Das steht in Matthäus", antwortete Kristen Larssen; "aber im Buch der Richter steht, daß der Herr mit Juda war, aber Juda vermochte nicht den Feind aus dem Tal zu vertreiben, weil der Feind eiserne Wagen hatte!"
Der ehrliche Sören Pedersen erschrak aufs tiefste darüber, daß der Gott der Juden die eisernen Wagen nicht besiegen konnte. — "In einem und demselben Buch Mosis", fuhr Kristen Larssen fort, "steht ferner geschrieben: Du sollst nicht töten! — und gleichzeitig auch, daß der Herr unablässig gebot, zu töten. Also sind da Widersprüche."
Das war für Sören Pedersen etwas ganz Neues, trotzdem er die Bibel auswendig konnte. Er wollte wissen, wie das zusammenhänge, und verlangte nun in jeder religiösen Versammlung Auskunft darüber. Schließlich hatte er mindestens hundert Widersprüche herausgefunden, nach denen er fragte; es war nicht mehr auszuhalten. Die einen lachten sich halb krank, die anderen nahmen Ärgernis daran. Zuletzt wurden er und Aase von den Zusammenkünften ausgeschlossen. "Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen erzählen darf" — sagte Doktor Kent — "aber Ihr Schwager hat Sören Pedersen und Frau Aase eigenhändig hinausgeworfen — zum Betsaal hinaus! Sie waren früher als die andern gekommen und wollten nicht gehen. Ihr Schwager ist sehr stark; aber Sören Pedersen behauptete sich, bis der Pastor auf den Gedanken kam, erst Aase vorzunehmen, und nun rissen sie sich um die Frau, als sei sie ein Stück Holz." Kallem und Ragni lachten ausgelassen. "Ich habe selber einen andern Zusammenstoß miterlebt", fuhr Doktor Kent fort. "Der Pastor hielt Prüfung ab in der Schule; ich gehöre zur Schulkommission. Sören Pedersen und Frau Aase waren auch da und allen ahnte Unheil. "Gott kann nicht lügen!" sagte unter anderem der Pastor. Da stand Sören Pedersen auf: "Es steht geschrieben: Siehe der Herr hat einen falschen Geist gegeben in aller dieser seiner Propheten Mund." Wieder wurde Sören Pedersen hinausbefördert."
Die Landschaft, durch die sie unter solchen schnurrigen Histörchen fuhren, war eine hochgelegene, frühlingshelle freie Ebene, unterbrochen von größeren oder kleineren Stücken Waldes, oder besser gesagt — eines Waldes, der von bebauten Feldern durchzogen war. Die Gehöfte stattlich, die Felder fruchtbar, der Weg führte in Windungen abwechselnd durch Wälder und Felder, über Hügel und Bäche. Steingehege, wo man's am wenigsten vermutete, und Wege und Stege die Kreuz und die Quer. Wer von den Prärien Amerikas und dem Flachland Mitteleuropas kam, den mußte all diese Unruhe in gute Laune versetzen. Derselbe flimmernde Sonnenschein wie gestern, der gleiche kräftige Duft von Wiese und Wald — und dazu eine Blumenpracht und ein Vogelsang! Da rief der Kuckuck!
Es war kurz vor Johannis mit seiner üppigen Flora. Ragni freute sich über den Reichtum ringsumher. Von allen Fächern war ihr Botanik das liebste, und der Gegensatz zwischen der Flora, die sie studiert hatte, und dieser hier interessierte sie lebhaft. Sie fragte, ob in vielen Gegenden Norwegens Berberitze und Akelei wild wüchsen? Doktor Kent meinte, sie müßten vor langer Zeit einmal eingeführt worden sein, vielleicht von den Mönchen aus dem Kloster drunten.
Als sie aus den Wiesen wieder in einen kleinen Streifen Wald, größtenteils Tannenwald, kamen, sah sie zum drittenmal Linnäa; da hielt es sie nicht länger im Wagen; alle drei stiegen aus.
Die Linnäa hatte eben angefangen ihre glockenförmigen lichtroten Blüten zu öffnen. Ragni und sie begannen sogleich miteinander zu wispern und zu tuscheln: ach, wenn sie nur einmal miteinander allein sein könnten! Sechs Jahre lang hatten sie sich nicht mehr gesehen — nein, sie war ja im Frühling abgereist — also sechseinhalb Jahre! Sie hob einige zu sich empor; und da entdeckte sie auch die Pyrola uniflora[2] — einsam, mit wehmütig gesenktem Köpfchen. Kallem hatte gerade auch eine gefunden; sie fragte, wie sie auf norwegisch heiße. Er fragte Kent, ob man sie nicht den "Leuchter des heiligen Olaf" nenne. Er fragte wie ein Apotheker und erhielt Antwort wie aus einem Herbarium. Ragni verlor sich immer weiter von den beiden weg. Der Duft, der ihr aus dem Blütenkelch entgegenströmte, mahnte sie, weiter vorzudringen; die Blume war ja gesandt, um sie immer tiefer hineinzulocken. Tiefer hinein und ein bißchen weiter zurück — fort von den andern. Sie hörte sie plaudern; im Wald klingt jeder Laut so deutlich; sie hörte ein paar aufgescheuchte Vögel. Doch jetzt, nur ein Stückchen weiter weg, hörte sie bloß noch das Knistern ihrer eigenen Schritte auf dem Waldboden. Eine einzige kleine Sauerkleeblüte fand sie noch, einen kleinen Nachzügler. Verstimmt lugte sie aus ihren vielen kleeartigen Blättchen hervor; — ob sie wußte, daß sie ihre Genossen verloren hatte?
"Weiter, weiter!" sagten sie alle; ja, dort hinein lockten sie alle, die Linnäen und die heiligen Leuchter und der Sauerklee; bloß deswegen war der eine, letzte noch zurückgeblieben. Und jetzt war Ragni bei den Siebensternen[3], die große Familienzusammenkunft abhielten. Alle warteten darauf, sie zu sehen; kein Fuß noch war hier geschritten in diesem Jahr. Ragni kniete zwischen ihnen nieder und erzählte, daß sie von weit, weit hergekommen sei — erzählte ohne Worte; die waren unter ihnen nicht nötig: Tür um Tür hatte sie aufgeschlossen, um in Norwegen einzudringen; kaum hatte sie die eine geöffnet, so lag dahinter eine andere ... bis Ragni jetzt endlich zu ihnen kam. Gleich, als sie die Linnäa sah, wußte sie — jetzt stand sie vor der letzten Tür. Und hier war das Innerste. All das Große, Gefahrvolle draußen — vom Meer an — all das Mächtige und Böse, das Bunte und Geschäftige, all die Herrlichkeit und all die Schrecken,.. sie wiesen nur tiefer hier herein; hier herein müssen wir, um zu verstehen, weshalb nicht alles in tausend Stücke bricht. Ihr hier drinnen, ihr sitzt am Steuer.