Stundenlang lasen sie, jedes für sich, und wechselten kaum zehn Worte. Er versenkte sich immer mehr in ein langes, einsames Studium und ahnte nicht, was für einen Eindruck es machte, wenn er sich in einer Pause aufs Sofa warf, so lang er war, und sie ansah, ohne ein Wort zu reden, oder — wie es meist der Fall war — am Fenster stand und hinausstarrte. Kam er ins Zimmer zurück, so war es nur, um sich wieder ans Fenster zu begeben. Er behauptete, nirgends könne er so gut denken, wie da; das habe er von seinem Vater.
An seinem Heim hatte er eine große Freude; selten kam er nach Hause, ohne es zu rühmen, und dann wanderte er umher, sorglos und munter wie eine Schwalbe. Nach Tisch hörte er gern Musik, doch achtete er nicht immer darauf, was sie spielte.
Und sie? Von Tag zu Tag fühlte sie sich inniger in Wesen und Dinge ihres Heims ein. Ihn nannte sie wieder ihren "weißen Pascha", den Flügel "das Märchen". "Jetzt ein Märchen!" sagte sie, wenn sie spielen wollte, und gewöhnte es ihm ebenfalls an. Das Schlafzimmer nannte sie "zwischen den Sternen", die Tauben, die sie zu Pfingsten bekommen hatte, "meine Pfingstlilien", Sigrid "die Siebenarmige". Wenn sie und Kallem im Arbeitszimmer saßen und lasen, hatte sie das Gefühl, als segelten sie beide fort, jedes in seinem Boot, jedes nach seinem Land. "Wollen wir jetzt hinein und segeln?" sagte sie.
Er kannte dies Bedürfnis nach Bildern aus ihren amerikanischen Briefen. "Wir arbeiten uns jeder von einem Ende eines Welttunnels langsam zueinander hin", schrieb sie; und auf dies Bild vom Tunnel kam sie immer wieder zurück; zuletzt "waren sie einander so nahe, daß sie ihn sprechen hören konnte." Von den Dampfern, die "droben, über ihnen, aneinander vorbeischwammen mit ihren Briefen", schrieb sie: "die Sehnsucht des einen zieht und die des andern schiebt nach."
Eines Abends auf der Veranda — es regnete, aber sie selber saßen trocken unter dem vorstehenden Dach — sagte sie: "Solche Häuser müßten einen Kopf haben." — "Einen Kopf?" — "Ja, zwischen den Flügeln, wie jedes andere brave Huhn." — "Ach, so meinst Du's!" — "Ich habe immer das Gefühl, als säße ich unter Flügeln und würde bebrütet." — "Sag' mal, wie kommt es, daß Du in Deiner Kindheit nicht in den Bildern der Bibel heimisch geworden bist?" — "Weil ich einen Vater hatte, der mir, als ich zehn Jahr alt war, vom Ursprung der Arten erzählte; Pflanzen, Tiere und Menschen wurden zu einer Familie. Das war so etwas für mich. Als ich dann einen Stiefvater bekam, der Geistlicher war und behauptete, Erde und Menschen seien gleich bei der Erschaffung vollkommen gewesen und alles sei nur um der Menschen willen da, da glaubte ich das nicht. Außerdem war mein Vater ein stiller, kränklicher Mann, den ich lieb hatte, und mein Stiefvater ein starker, jähzorniger Mensch, den ich fürchtete."
Kallem fragte, ob sie ihm nicht einmal ihre Kindheit und Entwicklung schildern wolle. Aber darauf antwortete sie bestimmt: "Nein!"
Kristen Larssen arbeitete hin und wieder beim Doktor, — so bei der Einrichtung des Laboratoriums, des Ventilationsapparates usw. Mit einem schweigsameren, mißtrauischeren Menschen hatte Kallem es noch nie zu tun gehabt, aber auch noch nie mit einem klügeren. Eines Sonntags, Anfang August, kam er herauf, in seinem höchsten Staat — einem langschößigen, braunen Rock mit außerordentlich engen Ärmeln, einer karierten, zu kurzen Weste und einer grauen Hose von sogenanntem englischen Leder. Alltags trug er meist keine Kopfbedeckung; Sonntags, wenn er Staat machen wollte, trug er den Hut in der Hand; er konnte nichts auf dem Kopf ertragen, wenn es nicht ganz besonders kalt war. Jetzt stand er da im Studierzimmer, lang, hager, kurzgeschoren, reingewaschen, mit schwarzen Bartstoppeln. Das einzige halbwegs Freundliche an der ganzen Erscheinung war der über ein rotgewürfeltes Halstuch heruntergeklappte weiße Hemdenbund. Der Doktor bat ihn, Platz zu nehmen und fragte, was ihm fehle. Als Antwort kam erst ein forschender Blick, dann die Erklärung, er habe ja gar nicht gesagt, daß ihm etwas fehle.
Kallem merkte, daß es Larssen nach dieser Antwort nicht leicht fallen würde, mit seinem Anliegen herauszurücken; aber er dachte: Geschieht dir ganz recht!
Na ja, endlich sagte er denn, er wisse, die "Frau Doktern" sei fünf oder sechs Jahre in Amerika gewesen; ob sie ihm vielleicht ein paar englische Bücher leihen könne? Vielleicht würde sie ihm auch sagen, wie er sich am besten weiterhelfen könne; er habe auf eigene Hand ein bißchen Englisch gelernt.