Ob er denn ans Auswandern denke? — Ja, könnte schon sein; "aber hinübergehen, und drüben auch für die Norweger schuften ... dazu hab' ich keine Lust." — "Wie alt sind Sie?" — "O, so reichlich an die Vierzig!" Er sah aus, als sei er schon fünfzig. "Da fällt mir ein, Larssen, — meine Frau wird Sie sicher gern Englisch lehren, etwa abends." Nein, das wollte er unter gar keinen Umständen. Aber Kallem machte ihm begreiflich, daß man die Aussprache nur durch mündlichen Unterricht lernen könne. Im selben Augenblick kam Ragni herein, und der Doktor erklärte ihr, daß für Kristen Larssen die englische Sprache gleichbedeutend sei mit einem paar Flügel. Erst wurde sie ein bißchen rot; es war keineswegs die einzige unangenehme Aufgabe, die Kallem ihr aufbürdete; er schien wirklich der Ansicht zu sein, sie habe nicht genug zu tun. Sie selber war der Ansicht, daß sie gern möglichst frei sein wollte. Aber während sie so stand und Kristen Larssen ansah, und daran dachte, wie Kallem gesagt hatte, er habe noch nie einen klügeren Menschen getroffen, wurde sie von Mitleid erfaßt. Eben vertiefte er sich in ein englisches Buch; er verstand zur Not, wovon es handelte. Und da erbot sie sich nicht nur, ihm zu helfen, sie nötigte ihm ihre Hilfe geradezu auf. Schon am selben Nachmittag um fünf Uhr kam er, und sie saßen zusammen am Tisch und buchstabierten sich durch einen leichten Text durch. Kallem kam nach Hause und sah die beiden Köpfe über dasselbe Buch gebeugt, der eine lang, dunkel und eckig, der andere klein, feingeformt, rötlich; ein eiskaltes, dunkles Gesicht, durchfurcht, verkniffen — ein warmes Frühlingsauge, eine blendende Haut, eine sonnige Laune. Sie hielt ihr Taschentuch vor den Mund und mußte sich offenbar zwingen, neben ihm zu sitzen. Kallem erinnerte sich jetzt, daß auch ihm schon Kristen Larssens unangenehmer Atem aufgefallen war. Er sorgte sogleich dafür, daß sie zwei Bücher bekamen und daß jedes an einer Seite des Tisches saß. Sobald sie konnte, machte sie sich davon. Um das wieder gut zu machen, lud Kallem Larssen zum Abendessen ein und versuchte, ihn zum Auftauen zu bringen; aber als er ging, war er noch ebenso kalt und vorsichtig wie beim Kommen. Jetzt begann dieser Mann ihn zu beschäftigen. Was in aller Welt war das für ein Mensch, und wie war er so geworden?
Bei Gelegenheit suchte er ihn unter einem Vorwand in seinem Hause auf. Hier traf er die Frau, ein mageres, dürres Frauenzimmer, dessen Kopf dicht in ein großes Tuch eingewickelt war; was der Mann zu wenig auf dem Kopf hatte, das hatte sie zu viel. Kein Kind. Kein Feuer auf dem Herd; sie koche immer gleich auf mehrere Tage, sagte sie. Vorsichtig und mißtrauisch ging sie ab und zu und strickte. Kallem dachte sich, sie müßten wohl übereingekommen sein, so dürftig zu leben, damit sie für die Reise zurücklegen konnten. Nur um einen Vorwand zu haben, hatte er einen Revolver mitgenommen, der nicht richtig funktionierte; die Waffe lag in einem Kasten, und er hatte den ganzen Kasten mitgenommen, dachte aber jetzt erst daran, daß auch die Munition darin lag. Er zeigte es ihr. "Ach, bei uns liegt viel solches Zeugs herum!" sagte sie und nahm den Revolver ohne eine Spur von Furcht in die Hand. "Der ist aber fein!" Und sie legte ihn in den Kasten zurück, schloß ihn zu und stellte ihn auf ein Wandbrett über der Werkzeugbank des Mannes. Brett und Bank lagen voll Sachen zum Reparieren; "er hat jetzt zu viel außer dem Haus zu tun," sagte sie, "das Kleinzeug da muß warten!" Der eine Raum diente als Werkstatt, Küche und Schlafstube. Eine Uhr an der Wand, ein Tisch, ein Bett, eine Schlafbank, drei hölzerne Stühle; sonst alles kahl; und überall ein scharfer, übler Geruch.
Den Rückweg nahm er am Sattlerladen von Sören Pedersen vorbei, dem er bei der Etablierung eines Geschäfts geholfen hatte, das recht gut ging. Da stand Kristen Larssen; in der einen Hand hielt er ein Glas, in der andern eine Flasche, und Sören Pedersen und seine Frau schrien oder sangen Glas und Flasche an; es klang wie ein langgezogenes, klägliches Hundegeheul. Kristen Larssen lachte — ein Lachen, wie es nur aus den tiefsten Tiefen des Menschen kommt. Eine breite Seligkeit lag in diesem weitaufgerissenen Maul — die innerste Offenbarung eines bosheitsvollen Herzens, das wildeste Freudenhalleluja des Entdeckers. Vielleicht auch ein Interesse für die beiden — wer weiß? Ob er das Tag für Tag so trieb?
Das Talent Kallems, andere in Arbeit zu setzen, sollte Ragni noch in höherem Grade kennen lernen.
In einer kleineren Gesellschaft bei Doktor Kent sollten sie den alten Pastor Meek und seine Enkelin, Tilla Kraby, kennen lernen; die beiden waren von ihrer Reise ins Ausland zurückgekehrt, wollten aber bald wieder von hier weg. Während ihres kurzen und wahrscheinlich letzten Aufenthalts in der Gegend wurden sie sehr gefeiert; auch diese Gesellschaft wurde ihnen zu Ehren gegeben, und Kallem und seine Frau, die sonst ganz zurückgezogen lebten, gingen heute nur hin, um sie doch wenigstens einmal gesehen zu haben. Die Ehrengäste ließen auf sich warten; und unterdessen wurde Ragni eine ungewöhnlich starke Dame vorgestellt, kaum dreißig, lebhaft und hübsch; gleich ihre ersten Worte jagten der jungen Frau einen Schreck ein. "Ich weiß nicht, ob es Ihnen unangenehm ist," sagte sie — — "ich bin nämlich die Schwester von Sören Kule." Als sie Ragnis tiefe Verlegenheit bemerkte, zog sie sie schnell beiseite: "Denken Sie nur ja nicht, daß ich es nicht ganz genau ebenso gemacht hätte, wie Sie!" flüsterte sie. "Noch dazu, wenn man einen Mann findet, wie Ihren!" — — und sie drückte Ragnis Arm. Sie war sehr gewandt und fesch und hatte keine Ahnung, wie sie das feine Geschöpf peinigte, das sie da am Arm hielt. Schon daß ihr Gesicht und ihre Figur von der "Walfischart" waren, war ja genug; Ragni kannte das alles so gut — bis auf die eigentümliche Bewegung der "Flossen"; sie mußte an Tran denken. Jetzt sah man den alten Pastor Meek und seine Enkelin eintreten; der Gastgeber und seine Schwester — Dr. Kent war nicht verheiratet — gingen ihnen entgegen — auch die übrigen fast alle. Zwischen das "Guten Tag!" und "Willkommen!" der Vordersten klang das: "Nein! wie prächtig er aussieht!" und "Was diese Tilla für Reisen macht!" der Fernerstehenden. Und während der ganzen Szene fragten Kallem und Ragni sich, wem die beiden ähnlich sähen; diese Gesichter hatten sie schon irgendwo erblickt.
Pastor Meek war über mittelgroß, breitschulterig, ein bißchen wohlbeleibt. Den Kopf, der breit und leuchtend war, trug er stark zurückgeworfen; dichtes, weißes Haar umrahmte das Gesicht. "Jetzt weiß ich's!" flüsterte Ragni. "Sie müssen verwandt sein mit dem jungen Menschen, dem wir am ersten Tag begegnet sind. Du weißt doch — der so schön war?" — "Ja, richtig! Dasselbe gewölbte Antlitz! Man könnte glauben, sie gehörten zu den Bourbonen." — Der Alte dankte für die Willkommgrüße mit einer tiefen, wohlklingenden, langsamen Stimme. Die Augen waren nicht unbefangen — eher forschend und resigniert. Kein Eindruck von Sicherheit, wohl aber von großem Wohlwollen und von Nachdenklichkeit. Jedesmal, wenn einer der höheren Beamten ihn anredete, kam etwas altmodisch Zeremonielles, Reserviertes über ihn. Der "neue Doktor" wurde vorgestellt, und Frau Lili Bing sagte, wie aus einer inneren Eingebung heraus zu Ragni: "Sie beide müssen zueinander passen! Darf ich vorstellen: Frau Kallem — Fräulein Kraby." Ein bißchen schüchtern begrüßten sie einander und sprachen bald darauf von dem jungen Mann, der ihr so ähnlich sah. Es war ihr Vetter, und er war sehr musikalisch. Dadurch kamen sie auf Musik zu sprechen und gingen den ganzen Abend überhaupt nicht mehr voneinander.
Selten — ja, Kallem ausgenommen, vielleicht niemals — hatte Ragni jemand gefunden, zu dem sie sich gleich so hingezogen gefühlt hatte. Dies stille und zugleich so lebhafte blonde Wesen hatte eine so liebenswürdige Art, und alles, was sie sagte, war so ganz ihr eigenstes Denken. Und in wenigen Tagen verließ sie die Stadt für immer! Es gab ihrem Zusammensein einen eigenen, wehmütigen Reiz, daß sie sich heute wahrscheinlich zum ersten- und letztenmal sahen. Es bewirkte auch, daß Ragni später, als der Gastgeber sie in seiner schalkhaften Weise bat, etwas zu spielen, gleich bereit war. Sie wollte der neuen Freundin soviel von sich geben, als sie konnte.
"Bitte," flüsterte sie ihr zu, "stellen Sie sich so, daß ich ein vertrautes Gesicht vor mir habe!" Dann stimmte sie "Solvejgs Lied" aus "Peer Gynt" an. Man hatte ein Bravourstück erwartet, nicht ein einfaches Lied; aber als sie es auf dem Flügel zu Ende "gesungen" hatte, waren alle so hingerissen, daß der Bürgermeister, der bei solchen Gelegenheiten gern das große Wort führte, um Wiederholung bat. Sie spielte es noch einmal. Darnach den unvergleichlichen, humpelnden Gnomenmarsch aus derselben Suite; und gleich darauf Seimers "Kinderspiel" — der feinste, anmutigste Gegensatz. Sie spielte es mit derselben tiefeindringenden Interpretation des kleinsten Details. Dann eine Weise von Sinding — im alten Stil — jeder Ton ein Wort für sich; dann eine heitere, kernfrische Melodie von Svendsen; zum Schluß den Festmarsch von Seimers. Heute hatte sie keine Angst; ihre Augen wanderten mit reicher Botschaft zu Tilla, von ihr zu den anderen — — reine Märchenbotschaft! Die Gesellschaft war ganz hingerissen; der Bürgermeister wanderte durch die Zimmer wie eine schmetternde Trompete. Der alte Meek kam voll altfränkischer Ehrerbietung; "Großvater ist so musikalisch!" flüsterte Tilla.
Eine Stunde darauf verabschiedete sich der alte Meek; er blieb nie länger in Gesellschaft. Seine Enkelin begleitete ihn; Kallem und Ragni schlossen sich an.