Der Abend war milde, trotzdem es Ende August war, Tage, an denen die Übergänge in der Temperatur nach Sonnenuntergang meist schroff sind; immerhin nicht so mild, daß Sommermäntel und Überzieher überflüssig gewesen wären. Überall Spaziergänger. Als man beim Doktorhaus angelangt war, fragte Ragni, die sonst so zurückhaltend war, ob sie nicht mit hinein kommen wollten. Und der alte Pastor erwiderte voll Galanterie, wenn sie die Hoffnung hegen dürften, noch ein bißchen Musik zu hören, so sei ihnen die Einladung nur zu willkommen. Die Lampen im Verandazimmer wurden angezündet, der Flügel wurde geöffnet, und eine italienische Barkarole ruderte zu den offenen Fenstern hinaus. Der alte Meek war ganz beglückt und wagte sich mit der Frage heraus, ob nicht sein Enkel, der hier die Schule besuche, einmal kommen dürfe, um die Frau Doktor spielen zu hören — natürlich bloß, wenn es ihnen nicht ungelegen sei. Er sei leider ein solcher Musiknarr, daß er mit neunzehn Jahren noch nicht einmal sein Abiturium gemacht habe. Aber weil man das Unglück nun eben nicht ändern könne, so sei es immerhin das Beste, wenn er nur gute Musik höre. Ragni erwiderte, es würde ihr ein Vergnügen sein. Kallem fragte, ob er den jungen Mann aufsuchen und es ihm sagen solle. Dafür war der Alte ungeheuer dankbar und sagte, er wäre dem Doktor noch dankbarer, wenn er ihn auch gleich untersuchen wolle; denn irgend etwas sei da nicht in Ordnung. Kallem sagte, er habe das schon gemerkt; er glaube auch zu wissen, was es sei.
Jetzt setzte sich der Alte an den Flügel.
"Da sollen Sie eins von seinen Liedern hören!" sagte er. Und mit Fingern — viel weniger steif, als man es ihm zugetraut hätte — und einer Stimme, so leise, als ob man mit dem Finger an eine Kirchenglocke rühre — vor allem mit einer ganz eigentümlichen Anwendung der Fistel, summte er:
Wann wird es wirklich Morgen?
Wenn goldner Strahlenglanz
Über Firnen hüpft im Tanz,
Tief in den Abgrund dringend,
Beschwingend
Den zum Lichte kletternden Stengel,
Daß er sich träumt als seligen Engel.
Dann ist es Morgen,
Wirklich, wirklich Morgen.
Doch wenn's wettert und sprüht,
Und krank mein Gemüt,
Kann das Morgen sein?
Nein.
Wohl ist es wirklich Morgen,
Wenn Blümlein im Frühlicht blinken,
Und Vöglein Tautropfen trinken
Und zwitschernd dem Baum zum Lohne
Eine Krone
Von jungfrischem Grün versprechen,
Vom Meere erzählen den sehnenden Bächen.
Dann ist es Morgen,
Wirklich, wirklich Morgen.
Doch wenn's wettert und sprüht
Und krank mein Gemüt,
Kann das Morgen sein?
Nein.
Wann wird es wirklich Morgen?
Wenn die Kraft, die das Leid durchdringt,
Sonne der Seele bringt,
Wenn in deinen Armen
Erwarmen
Alle die Menschen, groß und klein,
Dann gegen alle nur gut zu sein.
Dann ist es Morgen,
Wirklich, wirklich Morgen,
Die gefährliche Kraft,
Die das Höchste schafft,
Ist sie's, die dir nah?
Ja.
Melodie wie Begleitung waren ganz eigenartig. "Wie das sich Hals über Kopf hinauswirft!" sagte Ragni. Kallem fragte, was das für ein Frauenzimmertext sei. Tilla erwiderte, er habe in irgendeiner Zeitung gestanden; wahrscheinlich eine Übersetzung. Als aber die andern gegangen waren, vertraute Ragni ihrem Mann an, der "Frauenzimmertext" sei eine von ihren Übersetzungen. Sein Vetter habe sie an ein norwegisch-amerikanisches Blatt eingeschickt, und von da sei sie weitergegangen. Dies Zusammentreffen bewirkte, daß Kallem schon am nächsten Tag Karl Meek aufsuchte, und daß dieser drei Tage darauf samt Klavier, Büchern und Kleidern in dem großen Giebelzimmer in Kallems Haus installiert war — in der Stube, die nach dem Park hinausging. Kallem hatte auch den stärksten Widerstand von seiten Ragnis überwunden.
[5]
Fortan saß ein langhaariger, aufgeschossener Mensch mit am Tisch, — die Beine um die Stuhlbeine geschlungen — und mit schmalen, roten Fingern, die voller Frostbeulen waren und so feucht, daß Ragni es nicht über sich brachte, sie zu berühren. Auch reden konnte sie nicht mit ihm, nach dem, was Kallem ihr von ihm gesagt hatte; all das Schöne, das sie bei der ersten Begegnung an ihm gesehen hatte, war durch diese Worte wie ausgelöscht. Er trat hastig ein, als habe er es sich eingeübt; und regelmäßig blieb dann sein Rock oder sein Ärmel an der Türklinke hängen, oder die Tür wollte nicht beim ersten Versuch zugehen — oder er verhedderte sich mit den Beinen, oder er riß einen Stuhl um oder rannte mit dem Mädchen zusammen, die etwas hereingebracht hatte und wieder hinausging. Er sah den Menschen nie ins Gesicht; die schönen Augen waren schläfrig und erloschen, die Gesichtsfarbe aschgrau; er studierte das Muster auf dem Teller und dem porzellanenen Brotkorb, die vor ihm standen. Nie redete er ein Wort. Wenn jemand ihn ansprach, fuhr er auf, und antwortete "Ja" oder "Nein" — als habe er glühende Kohlen im Mund. Aber fressen tat er — nach Ragnis Ausdruck — wie ein Scheunendrescher. Und wenn er dann mit den feuchtkalten Händen an seinen Hosen herunterstrich oder sich durch das dicke, fettige Haar fuhr, dann war er noch schlimmer als Kristen Larssen!
Jeden und jeden Tag diesen ekligen Bengel am Tisch! Und abends Kristen Larssen! Dazu noch die vielen alten Weiber, die Kallem ihr schickte, damit Ragni sie mit wollenem Zeug versehe! Kinder, die sie oft von Kopf bis zu Fuß neu kleiden mußte, — alle seine Tuberkulosefreunde!