Nicht nur, daß die Menschen an sich ihr unangenehm waren; sondern daß alle Türen offenstanden —! Sie hatte keine Freistatt mehr, war nicht mehr Herr ihrer Zeit! Mit ihm darüber zu sprechen, — was hatte das für einen Zweck? Wenn das, was ihr die tiefste Qual bereitete, seine höchste Freude war? Ein bißchen Eifersucht war auch dabei: er hatte überhaupt keinen Blick mehr für sie und das, was ihr lieb war! Die Sache mit seiner Schwester ließ er auch einfach so hängen. Pastors waren schon längst wieder da. Josefine hatte eines Morgens einen flüchtigen Besuch gemacht — im Garten — und hatte Blumen vom Grab des alten Kallem gebracht; die beiden Schwäger trafen sich auf der Straße und an den Krankenbetten; auch seine Schwester traf Kallem bisweilen dort; sie tat viel für die Armen. Aber weder kam sie zu ihm, noch er zu ihr; Pastors gaben auch keine Gesellschaft für sie, wie jedermann doch erwartet hatte; sie gaben überhaupt keine Gesellschaften mehr. Ragni war sich keinen Augenblick unklar über den Grund. Kallem merkte nicht, wie dies Unausgesprochene sie peinigte, auch nicht, daß es ihr in gewisser Art die Stadt verschloß. Und sie mochte ihn damit nicht quälen. Er hatte die ganze Freiheit des vielbeschäftigten Mannes, der über alles hinweggeht, was ihm nicht "bequem" ist. Bei seiner täglichen Jagd auf Tuberkulose waren ihm die alten Weiber und die Kinder, die er angeschleppt brachte, weit wichtiger als "diese ganzen religiösen Katzbalgereien", — leider auch wichtiger als die Anmut und Traulichkeit, die ihr ein Lebensbedürfnis waren.
Ganz hinten in dem großen Krankenhausgebäude war ein langgestrecktes Vorratshaus, mit Holzschuppen usw. Dort richtete Kallem einen Turnsaal ein, und dorthin ging's in Gesellschaft des aschgrauen Burschen jeden Abend von sechs Uhr an. Solange das dauerte, kam er pünktlich nach Hause, machte selber seine Turnübungen, forderte seinen Begleiter zu einem Wettstreit heraus und brachte Ordnung und Schwung in die Sache. Der verschüchterte Junge hatte, seitdem er ins Haus gekommen war, sein Klavier kaum angerührt; er war zu befangen der Hausfrau gegenüber. Deshalb setzte sich Kallem täglich gegen Abend eine halbe Stunde mit einem Buch zu ihm aufs Zimmer; und während der Zeit mußte Karl spielen. Als Arzt hatte er sich sein Vertrauen erzwungen und war nun mit immer wacher Freundlichkeit auf dem Posten, und bald kam der Junge wirklich schon viel sicherer ins Wohnzimmer und schlich auch nicht gleich wieder heimlich hinaus. Schließlich — auf eindringliches Zureden Kallems — faßte sie sich ein Herz und sagte eines Sonntagmorgens zu Karl: "Gehen Sie nicht auf Ihr Zimmer, bitte! Wollen wir nicht einmal ein bißchen vierhändig spielen? Wir nehmen etwas ganz Leichtes!" fügte sie hinzu. Verzweiflung erfaßte ihn; aber das Glück wollte, daß er fast seinen Klaviersessel umriß, als er sich setzen wollte, und beim Rettungsversuch beinah auch ihren umwarf — und darüber kamen sie beide ins Lachen, und das half über das Schlimmste hinweg.
Da saß sie nun — frisch und schlank, in einem rotseidenen Kleid, um Hals und Handgelenk Spitzen, die weißen langen Spielfinger neben seinen schmalen, roten; ihr geistvolles Gesicht oft ihm zugewandt; ein Resedaparfüm entströmte ihrem Kleid — ein Duft ihrem Haar ... Er zitterte vor Verlegenheit. Wie häßlich er sich selber vorkam! Und wie sein eigenes Haar roch! Er strengte sich so an beim Spielen, daß er bald ganz müde war und lauter Dummheiten machte. "Sie sind gewiß nicht recht aufgelegt heute!" sagte sie und stand auf.
Wie ein begossener Pudel zog er ab; er wand und krümmte sich — er wollte davonlaufen — zum neunundneunzigstenmal. Mittags kam er nicht zum Essen, war überhaupt im ganzen Hause nicht zu finden. Kallem fragte nach ihm. Da erzählte Ragni, wie kläglich es gegangen sei; schon nach einer halben Stunde sei er müde gewesen. Ein junger Mensch, der so wenig leisten könne — das sei ihr einfach widerlich! "Ach, Du mit Deiner ewigen Ästhetik!" Und er machte sich auf die Suche nach dem Jungen, opferte seinen ganzen schönen Sonntagnachmittag und kam endlich, gegen Abend, mit ihm zurück. Drinnen, im Studierzimmer, beteuerte sie flüsternd, sie wolle lieb sein jetzt. Und Kristen Larssen kam, und geduldig wie ein geprügelter Hund setzte sie sich zu ihm und las mit ihm Englisch.
Anfangs hatte sie mit diesem wunderlichen Menschen Mitleid gehabt; aber in seiner Gesellschaft, unter dem Hauch seines Atems gefror sie zu Eis. Eben darum fand sie es selber gräßlich feig, daß sie weitermachte, ohne zu mucksen; aus Mitleid geschah es ganz gewiß nicht! Zäh, — pünktlich auf den Glockenschlag, erschien er in seinem langen, braunen, engärmeligen Rock, mit dem unerträglichen, jahrealten Schweißgeruch des Arbeiters, der aus Kleidern und Körper aufstieg. Der Atem drang über den ganzen Tisch herüber; sie fühlte ihn, sogar wenn er nicht bis zu ihr drang. Kristen Larssen zog den Stuhl vor, setzte sich, schlug sein Buch auf, und wenn er die Stelle gefunden hatte, bohrte er seine kalten, fürchterlichen Augen in ihre warmen, angstvollen Taubenblicke, die furchtsam im ganzen Zimmer umherflatterten. Seine langen, dunkeln Finger, schwarz behaart wie die ganze Hand, griffen fest zu; die Finger der Linken um das Buch, die Rechte fuhr nach. Dann räusperte er sich; und endlich begann er; in der Regel mit irgendeiner Frage, die noch auf die vorige Lektion Bezug hatte, immer klug, — immer mißtrauisch auf irgendeinen Irrtum, einen Mangel an Verständnis oder Logik bei ihr lauernd. Er machte sie unsicher, selbst in den sichersten Dingen.
Wenn er so dasaß und langsam, wohlüberlegt sich Wort für Wort durcharbeitete, und sie sich einmal unterstand, ihn zu unterbrechen, weil er einen Fehler gemacht hatte, so setzte er seine Finger nur um so fester auf, um ja die Stelle zu behalten, wo sie ihn unterbrochen hatte; und dann blickte er auf — unwillig, mißtrauisch. Sie wiederholte ihre Korrektur — unsicher, bang; aber nie konnte sie es ihm klar genug machen; immer mußte er um eine noch deutlichere Erklärung bitten. Also sagte sie es zum drittenmal, und endlich war er so gnädig, es hingehen zu lassen — auf ihre Verantwortung! Und sooft sie unterbrach, wußte sie es — wußte, was jetzt kommen würde, wußte, daß der böse Atemhauch sie überfluten würde, Welle um Welle.
Was es diesen Mann kostete an Arbeit, daß er so sicher aufzutreten vermochte, niemals einen Fehler, der einmal berichtigt worden war, wieder machte, was für Fähigkeiten in ihm steckten, daß er diese vielen seltsamen Fragen, die jedem Philologen Ehre gemacht hätten, überhaupt stellen konnte — das übersah sie keineswegs. Aber immer war er ihr fürchterlich — von innen heraus fürchterlich. Er war so ganz und gar wie ein alter Affe, den sie einmal gesehen hatte, der ehrbar mit einem silbernen Löffel speiste. Und dieses Bild umschwebte ihn verzerrend, wie zur Rache.
Ein sehr angenehmes Verhältnis entwickelte sich daneben in ihrem täglichen Leben: das Zusammenarbeiten mit dem Mädchen. Sie freundeten sich an. Beide gleich geschickt — Ragni im Anordnen, das Mädchen im Ausführen. Ragni arbeitete gern und rasch; das Mädchen war klug und wißbegierig. Eins freute sich am andern.
Vierzehn Tage nach dem mißglückten Versuch mit dem Vierhändigspielen sagte sie zu Karl Meek: "Was meinen Sie? Wollen wir's noch einmal versuchen?" — "Danke, nein ... es geht doch nicht!" erwiderte er entsetzt. — "Ich habe schon etwas Vierhändiges hervorgesucht, das Ihnen sicher nicht zu schwer ist!" — Und sie legte es aufs Klavier, während er — auf zwei Meter Abstand — stehen blieb und herüberschielte, rot und immer röter wurde und sich mit den Händen durchs Haar fuhr. "Kennen Sie das?" Er antwortete nicht; das war ja eins von seinen Stücken! "Bergbach" hatte er es betitelt; er hatte es oben auf seinem Zimmer Kallem öfters vorgespielt. Da stand es — für vier Hände gesetzt; sie wollte auf diese Weise alles wieder gut machen.
"Also, kommen Sie!" Dasselbe rotseidene Kleid, dieselben Spitzen um die langen Spielfinger — dieselbe Büste — dieselben seltsam traumvollen Augen, die ihn manchmal anblickten, daß er erschauerte. Aber er selber war heut auch neu gekleidet, und sein Haar und seine ganze Person zurechtgestutzt und gestriegelt. Und nun hüpfte unter ihren geschmeidigen Fingern der "Bergbach" hervor; wo Karl nicht folgen konnte, wartete sie, und nahm ihn dann wieder mit. Zuletzt ging es, wenn auch nicht gut, so doch immerhin nicht schlechter als das letztemal, und sie versprach gnädigst, nach diesem Anfang noch häufiger mit ihm zu spielen.