Er verbeugte sich und wollte gehen. "Heut ist Sonntag", sagte sie. "Sie haben doch nichts zu tun?" — "Nein." — "Wollen wir einen kleinen Spaziergang machen?" — "Gewiß ... wenn Frau Doktor ... ja, gern!"

Wie der Blitz war er wieder da in Überzieher und Pelzmütze, sie wartete schon in ihrem hübschen Kragen und flotten, amerikanischen Federbarett.

"Wir wollen meinem Mann entgegengehen." Und sie gingen. Sie fühlte, sie allein müsse die ganze Zeit über reden; und so schilderte sie denn die Schneestürme auf den amerikanischen Prärien, und was für Folgen sie für Menschen und Vieh hätten. Er sah, wie ihre Wangen sich nach und nach röteten, wie ihre kleinen Füße spielend ausschritten. Der Oktobertag war sonnenlos, aber nicht kalt. Die Felder dunkel, müde; der Laubwald im Entblättern. Aber er sah nichts von alledem; er war wie im Rausch: sie ging neben ihm her, sie, die feinste, die musikalischste Frau, die er kannte! Er hätte sich freudig für sie in den Straßenstaub werfen, sich erschießen, ins Wasser springen können! Und das war keine erdichtete Frauengestalt — sondern Frau Ragni Kallem, in ihrem roten Seidenkleid unter dem weichen Umhang und dem amerikanischen Federbarett, die Frau, für die alle seine Kameraden schwärmten. Ihre Augen sahen ihn an, und er wagte es nicht, ihnen auf den Grund zu schauen. Vor aller Blicken ging sie da neben ihm, unterhielt sich mit ihm. Und auch er fing an, zu erzählen, als sie vom amerikanischen Winter auf den Winter in den heimischen Wäldern zu sprechen kam. Sein Vater, der Sohn des alten Pastor Meek, war Arzt, hatte aber in ein großes Bauerngut des Waldbezirks hineingeheiratet und lebte nun dort als Bauer. Karl war oft mit ihm hinaufgewandert über das Flußeis — in die unendliche Einsamkeit der Waldberge; war mitgewesen beim Holzfällen, beim Fallenstellen, auf der Jagd. Er schilderte Landschaften und Eindrücke, von denen sie keine Ahnung hatte; schilderte das Aussehen eines Birkhahns, sein Werben und Spielen, seinen Flügelschlag, sein Geschrei so lebendig, daß sie ihn fortan nur noch "den Birkhahn" nannte.

Sie trafen Kallem nicht und gingen deshalb denselben Weg zurück. Noch einmal spielten sie das vierhändige Stück, und viel besser. Sie wollten es gut einüben und es eines Abends Kallem vorspielen, wenn er in seinem Arbeitszimmer saß. Kallem — das war für ihn das Höchste, was er kannte.

Nach und nach erlangte sie eine Art Herrschaft über den "Birkhahn"; sie gewöhnte sich an sein ovales Gesicht, sein ungleiches Wesen, — bald übermütig heiter, bald voll Mißmut, ungeduldig und auffahrend, demütig-unterwürfig -— mit kurzen Anfällen von Fleiß und langem Dolce far niente; ungeheuer geschniegelt und dabei mehr als schlampig; sie fing an, ihn wieder fast schön zu finden, und überwand sich sogar, ihm die Hand zu geben. Sie half ihm bei seinen Schularbeiten, besonders beim Englischen. Seine Kenntnisse waren so ungleich, daß Kallem ihm vorschlug, lieber die Schule zu verlassen und in Privatstunden das nachzuholen, was ihm fehlte; er schrieb auch in dieser Angelegenheit an Karls Vater. Seitdem saß Karl oft mit seinen Büchern und Aufsätzen im Wohnzimmer, lernte, spielte Klavier, spielte Klavier oder lernte — für sich oder mit ihr.

Nachmittags konnte man ihnen auf langen Spaziergängen begegnen. Sobald der erste Schnee gefallen war, — er kam schon Anfang November — gingen sie Kallem entgegen und fuhren mit ihm heim — jedes auf einer Schlittenkufe. Als die Bucht zufror, gehörten sie draußen auf dem Eis zu den Allereifrigsten. Nur einen Sport betrieben Kallem und Karl für sich allein: Karl sollte auf den Händen laufen lernen. Mit ungeheurem Ernst hob der Doktor die langen Beine des andern in die Höhe und hielt sie fest, während Karl zu gehen versuchte, bis er nicht mehr konnte. Anfangs nur im Turnsaal, bald aber auch im Zimmer, auf dem Flur, auf der Treppe, vor dem Mittagessen, vor dem Abendbrot. "Beine hoch, Junge!" Wie Ragni lachte, wenn sie immer wieder herunterpurzelten! Nach und nach aber wurde er eifrig. Einmal mußte es ja doch gelingen! Es gelang nämlich nie — — er war "zu lappig"! Schließlich wurde es für ihn eine Ehrensache; und für sie im Grunde ebenfalls. Es war ihr ganz ernstlich darum zu tun, daß er ein "ganzer Kerl" wurde; sein weiches Wesen, sein Hang zum Träumen, zum "die Zeit verquasen", verdroß sie; und das sagte sie ihm auch. Aber Vorwürfe vertrug er nicht und wurde fast ungezogen. Dann strafte sie ihn durch kühle Zurückhaltung. Es half ihm nichts, daß er zerknirscht war, daß er hundert Annäherungsversuche machte, daß er sogar weinte, — sie ließ ihn in der tödlichen Angst, daß sie ihn bei Kallem verklagen werde; sie half ihm ohne eine Miene, ohne ein Wort, das nicht zur Sache gehörte; sie ging nicht mit ihm spazieren, sie sah ihn überhaupt nicht — bis sie in Kallems Gegenwart wieder redete, als wenn nichts geschehen sei. Von dieser Schattenseite ihres Zusammenlebens hatte Kallem keine Ahnung.

Kallem hatte keinerlei Verkehr; er hatte keine Zeit dazu. Seine Praxis mußte er einschränken, weshalb er auch mit seiner Absicht, Doktor Arentz, den jungen Militärarzt, zu seiner Hilfe heranzuziehen, Ernst machte. Ende November wurde das geordnet, und fortan nahm er mehr teil an dem Zusammenleben und dem Unterricht, die dadurch festeren Halt gewannen.

Karl Meeks Vater kam eigens zu dem Zweck in die Stadt, um ihnen beiden zu danken und sie zu bitten, zu Weihnachten mit seinem Sohn in ihr Waldnest hinaufzukommen. Otto Meek war größer und stärker als sein Vater, sein Gesicht großzügiger — mehr "bourbonisch"; aber es hatte etwas Schwermütiges oder besser gesagt Schweres. Kallem nahm die Einladung an und traf sofort die nötigen Verabredungen mit seinen Kollegen, damit er abkommen könne. Aber als die Zeit herankam, wurde Doktor Kent krank, und Ragni mußte, so ungern sie es auch tat, mit Karl allein reisen; Kallem wollte nachkommen. Ein Reisepelz wurde für sie gekauft, pelzgefütterte Stiefel und ein Fußsack, auch eine kostbare Pelzmütze, ein Geschenk Karls. Wie eine Grönländerin sah sie aus, als sie alles anhatte.

Kallem begleitete sie zur Bahn; Ragni hatte ein bißchen geweint — es war die erste Trennung, seit sie verheiratet waren. Als sie schon im Zug saß und Kallem noch vor dem Wagen stand, wollte sie wieder heraus; Kallem mußte einsteigen und schelten. Sobald der Kummer gestillt war, stieg er wieder aus und blickte Karl an, der frisch und fröhlich dasaß. "Hör' mal, lieber Birkhahn, von heut ab sag ich Du und Karl zu Dir! Du bist ein braver Junge!" Karl aber sprang heraus und fiel ihm um den Hals.

Dann fuhren sie davon.