Kallem arbeitete und fand es gar nicht so übel, daß er einmal völlig Frieden hatte; sie hatten ihn in der letzten Zeit doch recht gestört. Aber schon am dritten Tage, dem heiligen Abend, war es ihm langweilig. Er nahm sich vor, sie zu überraschen; Doktor Kent ging es besser.
Am heiligen Abend, als er eben von Kent kam und ins Krankenhaus wollte, sah er von fern eine Menge Menschen vor dem Tor stehen. Ein Langschlitten mit einem Pferd davor fuhr gerade heraus; im Schlitten lagen Stroh und Betten — man mußte einen Kranken gebracht haben. Er hörte Kinder weinen. Wer war da verunglückt? Maurer Andersen war's — der Mann, der Kallem und Ragni an ihrem Ankunftstag in der Stadt oben vor dem neuen Haus begrüßt hatte. Im Winter, während das Handwerk brach lag, zog Maurer Andersen als Hausierer umher, und auf einem steilen Waldweg hatte er sich verirrt, war abgestürzt und nur durch einen Zufall hatte man ihn gefunden. Drinnen bei den Krankenschwestern traf Kallem die untröstliche Frau, die erzählte, wie der unermüdliche Mann noch bis Weihnachten herumgewandert sei; damit er zum heiligen Abend daheim wäre, habe er einen abkürzenden Weg eingeschlagen — er sei nun mal so ein "Haushammel". Aber er habe schwache Augen und sei auf seinen Finnenschuhen abgerutscht und gestürzt und habe das Bein gebrochen. Und da liege er nun, und könne sich nicht rühren. Das sei nun sein Weihnachten! "Und wir haben gewartet und gewartet!" schloß sie. "Und erst die Kinder!"
Kallem eilte zu dem Kranken, der schon im warmen Zimmer im Bett lag. Der starke Mann mit dem großen braunen Bart, der über das Hemd wallte, war nicht wiederzuerkennen. Die Augen zusammengedrückt, die Lider geschwollen, starr. Die Schleimhaut des Auges ganz entzündet, die Hornhaut bedroht, und da ihn der geringste Lichtschimmer schmerzte, war vielleicht noch größere Gefahr im Anzug. Das Gesicht aufgedunsen, mit bläulichroten Flecken; die Finger an beiden Händen weiß und gefühllos; die Handrücken noch einmal so groß wie sonst und mit Wasserblasen bedeckt. Das rechte Bein war am oberen Ende der Wade gebrochen, und der Bruch ging bis ins Kniegelenk; die Wunde war so groß wie ein Markstück; ein Knochensplitter ragte daraus hervor — wie ein Finger. Dem gegenüber war die ganze übrige Verletzung des Beins überhaupt nicht von Bedeutung.
Andersen konnte kaum sprechen, und lallte nur dann und wann, das Bein dürfe nicht abgenommen werden. Das könne man erst am andern Morgen entscheiden, wenn es hell sei, beruhigte Kallem ihn immer wieder, während er ihn zurecht legte. Er ließ das Zimmer sofort halbdunkel machen, ließ Borwasserumschläge über die Augen legen und beorderte eine regelmäßige Aufsicht zum Wechseln der Kompressen. Das Gesicht des Kranken wurde mit Öl bestrichen und mit einer dünnen Watteschicht bedeckt; ebenso verfuhr man mit den Händen. Die Beinwunde wurde mit Karbolwasser ausgespritzt und eine kleine blutende Ader unterbunden; die Wunde dann mit Jodoform bestrichen, mit Watte umwickelt und in eine Drahtbandage gelegt. Wenn er aufwachte und sich schwach fühlte, sollte er alle zwei Stunden Naphtha bekommen — bei zu großen Schmerzen eine Morphiumeinspritzung.
Daraufhin schlief der Kranke ein, klagte jedesmal, wenn er erwachte, über unleidliche Schmerzen, weniger an der Bruchstelle als hauptsächlich im Schienbein, in der Nähe des Spanns; beständig quälte ihn die Angst, daß ihm der Fuß abgenommen würde.
Am nächsten Tag um neun Uhr fand Kallem ihn viel wohler, in jeder Beziehung. Auch die Gedanken waren klarer; aber fortwährend drehten sie sich um den Fuß, der erhalten bleiben sollte. Er äußerte den Wunsch, den Pastor, der sein guter Freund war, zu sehen; seine Frau, die eben da war, machte sich sofort auf den Weg, um den Pastor zu bitten, vor der Kirche bei ihm vorzusprechen. Unterdessen wurden die Augen des Kranken untersucht; sie waren weniger geschwollen, aber äußerst lichtscheu; man wandte Atropin an, und die Umschläge wurden durch eine leichte Binde ersetzt. Kallem war gerade im Krankenzimmer, als die Frau mit dem Pastor kam; er ging den beiden entgegen. Nach seiner Ansicht mußte Andersens rechtes Bein exartikuliert, d. h. unter dem Kniegelenk abgenommen werden. Aber das durfte der Kranke vorläufig noch nicht erfahren. Da brach die Frau, die bisher ihr Schicksal mit Fassung ertragen hatte, zusammen, so daß Kallem sie gar nicht hineinlassen durfte; der Pastor ging mit.
Es machte einen tiefen Eindruck auf ihn, als er in dem großen halbdunkeln Zimmer neben seinem kranken Freund stand und ihn daliegen sah, diesen Riesen, mit verbundenen Augen, unkenntlichem Gesicht, umwickelten Händen, und ihn klagen hörte. Aber bald fühlte er nur noch Bewunderung — so stark, so sicher war der Kranke im Glauben. Er äußerte den Wunsch, man möge heut in der Kirche für ihn beten; "Sie kennen mich ja alle!" sagte er. Der Pastor versprach ihm das. Dann aber betete er noch von Herzen am Schmerzenslager für den Kranken und seine Angehörigen. Das Gebet wirkte belebend auf den Kranken; er flüsterte: "Ich habe einen Bund geschlossen mit Gott, des Fußes wegen!" und lag dann ganz still, während der Pastor den Segen Paulus' sprach. Kaum eine Stunde darauf kam Doktor Arentz, und Andersen wurde in den Operationssaal geschafft. Man sagte ihm, er solle chloroformiert werden, damit man den Schaden gründlich untersuchen könne, und da die Schmerzen noch immer unerträglich waren, willigte er sogleich ein; "aber der Fuß darf nicht abgenommen werden!"
Die genauere Untersuchung ergab, daß das obere Ende des Wadenbeins bis schräg an das Kniegelenk hinauf zersplittert war, leider auch, daß eine größere Blutader zwischen den Bruchenden so eingeklemmt lag, daß sie mit einer großen Blutpfropfthrombe, die sich einige Zoll den Schenkel hinauf erstreckte, gefüllt war.
Das Bein wurde selbstverständlich abgenommen; in einer Viertelstunde war es geschehen.
Alle, die mit ihm zu tun hatten, erhielten strengste Anweisung, ihn in dem Glauben zu lassen, daß das Bein ihm erhalten sei. Man mußte ihn vor jeder Gemütsbewegung schützen, damit er ja nicht in Versuchung komme, sich aufzurichten, den Fuß zu bewegen oder seine Lage zu ändern; wenn ein Blutspfropfen sich von der Thrombe löste, konnte es mit ihm zu Ende sein. Er wurde in eine Stahldrahtbandage gelegt, die vom Hüftgelenk bis an das Bettende herunterreichte; der Stumpf wurde mit Karbolgaze und Jute verbunden und mit der Außenseite an einen langen Klotz festgebunden.