Jetzt wurde Andersen wieder geweckt, und man bedeutete ihm, sich ganz ruhig zu verhalten. Er bekam Wein, aber löffelweise, damit er sich nicht rührte, ebenso Fleischbrühe mit Eigelb; bald fiel er in Schlaf.
Sowie Kallem sich umgezogen hatte, ging er hinunter in das Zimmer der Pflegerinnen, wo die Frau wartete, und erzählte ihr den ganzen Hergang, wies sie auch auf die Gefahr hin, die drohte, wenn Andersen sich bewege. Er gewann ihr breites, kluges Gesicht mit der Adlernase geradezu lieb; eine reinere Seelenstärke hatte er kaum je gesehen. "Sollte es schlimm ablaufen," schloß er, "so haben Sie viele Freunde!" — "Gott lebt noch!" flüsterte sie.
Zwischen drei und vier Uhr erwachte Andersen, und bekam wieder löffelweise Wein, Brühe mit Eigelb, Milch; er versicherte, er fühle sich wohl, nur sein Schienbein tue ihm weh; manchmal fühle er Schmerzen in der Ferse. Im Lauf des Nachmittags stärkten sich seine Lebensgeister, und er wünschte, der Pastor möge wiederkommen. Gerade als die Frau ihn holen wollte, kam er von selbst. Kallem hatte ihn gebeten, zu tun, als ob der Fuß noch nicht abgenommen sei.
Es zeigte sich gleich, daß Andersen keinen anderen Gedanken hatte, als seinen Fuß. "Ich glaube, ich darf jetzt wohl sagen, daß Gott mich erhört hat!" sagte er; "dafür müssen wir ihm auch gebührend danken!"
Das rührte den Pastor, und er schickte sich an, ein warmes Dankgebet dafür emporzusenden, daß der Fuß dem Kranken ein Pfand der göttlichen Gnade geworden sei und ihn noch inniger mit seinem Erlöser verbunden habe. Andersen schien darüber nachzusinnen; endlich sagte er: "Jetzt müssen Sie noch beten, daß er mir auch später den Fuß nicht nimmt!" — Wie er darauf komme? — "Weil ich solche Schmerzen drin habe." — Aber eben habe er doch geglaubt, daß Gott ihn erhört habe? "Ja, aber man muß beten ohne Unterlaß!" Der Pastor weigerte sich; sofort wurde der hartnäckige Mann unruhig, und die Frau flüsterte flehend, der Herr Pastor möge Andersen doch den Willen tun. Da tat er's; aber er tat es mehr auf ihre Verantwortung hin als auf seine eigene, und es wirkte in ihm nach. Kallem war eben nach Hause gekommen, als der Pastor ganz blaß bei ihm erschien und erzählte, was vorgefallen war. "Das tu' ich nicht noch einmal!" schloß er. "Ich kann Dir versichern, Du hast ein gutes Werk getan!" Der Pastor stand in Überzieher und Mütze, die Hand auf der Türklinke, da; Kallems Worte und der Ton, in dem sie gesagt wurden, verletzten ihn. "Nur in der Wahrheit können wir uns dem Gott der Wahrheit nähern! Adieu." Der Doktor kam ihm nach: "Du glaubst also, wenn Du Andersen jetzt sagst, daß das Bein abgenommen ist, so kann ihn Gott erretten?"
"Ja!" antwortete der Pastor ärgerlich, ohne sich umzuwenden.
Kallem wagte unter diesen Umständen nicht, zu verreisen. Er schrieb ausführlich an Ragni und versprach, zu kommen, sobald er könne.
Am nächsten Morgen fand er alles in gewünschter Ordnung, betonte aber wieder, der Kranke müsse völlig still auf dem Rücken liegen, dürfe auch nicht so viel sprechen. Am Nachmittag verlangte Andersen das heilige Abendmahl, doch die Pflegerin entgegnete, er könne keine Gemütsbewegung vertragen. "Ich will meinen Bund mit Gott erneuern!" gab Andersen zurück.
Das wagten sie ihm nicht abzuschlagen; aber sie wagten es auch nicht zuzulassen, ohne vorher den Doktor zu fragen, und dieser war am Vormittag an ein Wochenbett gerufen worden. Die Krankenschwester beriet sich also mit dem Hausmeister, der von altersher allmächtig war im Hause. Auch ihm gegenüber wiederholte Andersen seinen Wunsch aufs bestimmteste, und der Hausmeister glaubte, man müsse ihm willfahren; er wolle die Verantwortung auf sich nehmen. Eine Weile darauf war der Pastor bei ihm in der Portierstube, um den Wein anzuwärmen; das Wetter war umgeschlagen, und es war ein bitterkalter Abend. Dann gingen die beiden hinauf. Andersen freute sich, als er hörte, wer kam. "Das wußt' ich!" sagte er.
Der Pastor fragte, ob er einen besonderen Wunsch habe.