Die Oberschwester erhielt eine scharfe Zurechtweisung; aber dabei ließ es Kallem bewenden. Ihr Versehen konnte sie am besten dadurch wieder gut machen, daß sie Mutter Andersen nach besten Kräften unterstützte.

Den Pastor suchte er nicht auf; ebensowenig der Pastor ihn. Von andern hörte er, daß er erkrankt sei, und fand es auch ganz erklärlich. Josefine begegnete Kallem ein paar Tage später auf der Straße; sie tat, als sähe sie ihn nicht.

Wie dieser Vorfall wirkte, ist gar nicht zu beschreiben. Die ganze Stadt geriet in Aufruhr. War es nicht etwas Seltsames um den Glauben, wenn sogar der Glaube an eine Lüge einen Menschen vom sichern Tod hätte retten können?

Der Hausmeister und seine große Familie fielen natürlich dem Pastor und seiner Frau zur Last. Josefine mußte Geld herausrücken zu einer Buchhandlung — und zwar weit mehr, als ihr lieb war.

An diesem Mann hatte Kallem seitdem einen treuen und aufrichtigen Feind. —

Unmittelbar darauf fuhr Kallem nach dem Walddorf hinauf. Er meldete sich nicht an; er kam abends bei Mondschein vom Bahnhof her auf dem Gut angefahren, just als der Gutshof und die Landstraße draußen von angespannten Schlitten, vollen und leeren, wimmelten. Alt und jung wollte eine Schlittenpartie machen; von hier sollte die Fahrt ausgehen, und hierher wollte man am Schluß zurückkehren und noch tanzen.

Man beachtete den Ankömmling nicht weiter; man glaubte, er gehöre zur Gesellschaft. Erst als er im Flur stand, wo die Hausbewohner und Gäste sich eben anzogen, bemerkten einige, daß er fremd war; aber sie dachten nicht weiter darüber nach; es trotteten ja so viele pelzvermummte Gestalten aus und ein. Ragni hatte gerade ihren Pelz angezogen, als sie sich von rückwärts her umschlungen fühlte. Sie stieß einen Schrei aus und sah auf. Nein, war das eine Freude! Karl, der abseits in einer Ecke stand und sich gerade in seine Pelzstiefel hineinquälte, zog sie, ohne ein Wort zu sagen, wieder aus, ebenso Mantel und Mütze, schmiß die Beine in die Luft und lief Kallem auf den Händen entgegen; jetzt war die Kunst erlernt! Der Vater mit seinem mächtigen Haar und schwermütigen Gesicht stand daneben; er stellte Kallem seiner Frau vor, einem blassen, stillen Geschöpf; sie sprach den Dialekt der Gegend und hatte eine zarte Stimme — das war so ziemlich alles, was Kallem bemerkte. Es blieb ihm zu nichts anderem Zeit; er mußte einfach mitfahren.

Pferdegewieher und laute Rufe, Gekreisch und Gelächter, bis die Meldung kam, auf der ganzen Linie sei alles bereit; der erste Schlitten mit einer Dame und einem Pelzmann hintenauf, sauste davon; und ihm nach Schlitten auf Schlitten, breite und schmale, einspännige und zweispännige. Eine lange, wellenförmige Schnur mit grauschwarzen Knoten — im Mondschein — über das Schneefeld, dem Wald zu, in dem es bald zwischen den Stämmen widerhallte von Schellen, Hundegebell, Lachen und Geschwätz. Einige fingen zu singen an, andere fielen ein; aber es war unmöglich, Takt zu halten; zusammen stimmte es nie. Kallem saß mit seiner Frau in einem Breitschlitten; sie sah so reizend aus in ihrem vielen Pelzwerk, daß er nicht anders konnte — er mußte ihr ab und zu einen Kuß geben. Eine schwierige Aufgabe! Ach, und was sie alles erlebt hatte! Während er ihr zuhörte, wurde ihm klar, daß sie erst jetzt ihre Jugend erlebte! Nie hatte er etwas so Fröhliches gesehen! Nie hatte er gewußt, daß sie diesen Drang nach Freude in sich trug! Derselbe Gedanke kam ihm, später am Abend, als alles tanzte, spielte, lachte, schwatzte, tollte, aß: sie holte die Fröhlichkeit vieler Jahre nach. Ob ein dicker Waldbesitzer ihre zarte Gestalt umfaßt hielt und sie dahintrug, daß sie kaum mit den äußersten Zehenspitzen den Boden berührte; ob sie sich eins der Kinder geholt hatte und mit dem loswalzte, oder ob Karl oder irgendein anderer Gymnasiast oder Student sie links herumschwenkte wie einen Kreisel — immer dasselbe strahlende Gesicht, derselbe heilige Eifer. Tanz und Spiel gingen in einer Eckstube vor sich, die die ganze Breite des Hauses einnahm; aber oft flutete der Tanz auch in die anderen Zimmer, sogar bis in die Küche auf der andern Seite des Hauses hinüber. Die Küchentür stand offen. Ein paar ältere Herren versuchten, in einer Ecke ein Spielchen zu machen; aber sie mußten es aufgeben. In einemfort wurden sie zum Tanz geholt. Alt und jung — alles war gleich fröhlich.

Am andern Morgen um elf Uhr schlief Ragni noch, und als sie gegen Mittag hinunterkam, ein bißchen müde und taumelig und sehr verwundert, daß sie gar nicht gehört hatte, wie Kallem aufgestanden war, erfuhr sie, daß er abgereist sei. Ein Telegramm von Kent, dem es wieder schlechter ging, hatte ihn heimgerufen. Ein kurzer Brief, den er beim Frühstück noch hingekritzelt hatte, tröstete sie ein bißchen. Er schrieb, er habe sie nach der durchtollten Nacht nicht wecken, noch weniger sie mitnehmen mögen; aber eine größere Freude habe er noch nie erlebt, als sie so fröhlich zu sehen.

Das erste, was Kallem bei seiner Rückkehr vorfand, war eine Balleinladung vom "Verein". Die wollte er annehmen. Die Einladung war von der Hand seiner Schwester geschrieben (sie war im Vorstand) und lautete auf "Doktor Kallem und Frau". Sieh mal an!