Ein überfüllter Ballsaal; man hatte Mühe, sich durch die vielen Kavaliere hindurchzuwinden, die müßig, in Klumpen zusammengedrängt, an der Tür herumstanden. Eine Mischung von fein und grob — eine echt norwegische Mischung.

Es wurde gerade der Walzer im Kotillon getanzt. Kallems Brillengläser waren jetzt wieder trocken, und bei seiner Länge sah er bald, daß seine Schwester nicht unter den Tanzenden, augenscheinlich überhaupt nicht im Saal war. Doch er vergaß sie; denn der Anblick hier war in gewisser Art neu für ihn; er kannte von Norwegen nur die Westküste und Kristiania. Ein Ball in einer kleinen norwegischen Binnenstadt ist etwas ganz Eigenartiges. Damen und Herren, die einem eleganten Pariser Ball Ehre machen würden, gleiten leicht dahin zwischen jungen Menschen, die einen schweren Alltagsschritt, die niemals die Kunst des Tanzes erlernt haben, sondern ehrlich und unverdrossen wie Taglöhner, den Takt treten. Herren im Gehrock, Herren im Frack, Damen in ausgeschnittener Balltoilette, Damen in biederen, dunkeln, hohen Kleidern, manche älter, manche blutjung, und jeder auf seine Weise und für sich vergnügt.

Von dem Augenblick an, als Kallem das Pech hatte, in die Restauration zu geraten oder vielmehr nur in ihre Nähe — mit ihrem Punschgeruch und Tabaksqualm, die er haßte, war er übellaunig und verdrossen gewesen. Aber hier im Ballsaal, angesichts so viel genußfroher Selbstverständlichkeit verzog sich das. Da walzten zwei vorüber — er im Frack, sie im dunkeln Wollkleid, wie mit einem Schloß zugeschlossen; sie hielten sich so treulich umschlungen, machten keine Pause, drehten sich nur unablässig, ernsthaft und bedächtig. Dort streifte ein langer, blonder Bursch in kurzer Jacke, wahrscheinlich ein junger Seemann, der zu Weihnachten nach Hause gekommen war, an ihnen vorbei; er tanzte mit einer Frau von mindestens vierzig Jahren, — zweifellos seine eigene Mutter; wenn die nicht so aussah, als könne sie noch eine tüchtige Marssegelkühlte bestehen! Dort ein bekannter Eisenbahnbeamter, das Gesicht in die Höhe gewandt, ein dünnes Kerlchen im schwarzen Frack, das unter fortwährenden Körperverrenkungen herumhüpfte; trat er auf den rechten Fuß, so neigte er sich nach rechts — trat er auf den linken Fuß, beugte er sich nach links — immer ganz gewissenhaft im Takt, und dabei so vergnügt, so lokomotivenpfeifenvergnügt! Seine Tänzerin lachte nur immerzu, aber gar nicht etwa verlegen, im Gegenteil — sie amüsierte sich! Und sie tanzten und tanzten, und wenn sie sich eben erst gesetzt hatten, standen sie auch schon wieder auf. Da fegte ein junger Kaufmann vorüber, und dicht hinterdrein ein junger Offizier, beide tadellos, mit frischen, jungen ballmäßig gekleideten Tänzerinnen; darnach ein ganz verrückter Kerl mit einer hohen Haartolle und einem großen, schwarzen Frauenzimmer. Sie rasten durch die Mitte des langen Ballsaals hin und zurück, daß alles erschrak und auswich wie vor Pferden. Da wirbelte ein Turm vorbei — ein dicker, hoher, runder Turm, mit einer kleinen, schmächtigen Dame, die an ihm lehnte wie eine Leiter. Nach oben zu rührte sich der Turm überhaupt nicht; er drehte sich nur; hätte man ihm einen Teller Suppe auf den Kopf gesetzt, es wäre auch kein Tropfen übergeschwappt. Da kamen zwei, die die Hände von sich streckten wie Segel, zwei große Menschen, die Platz für drei normale Paare wegnahmen. Aber es schien althergebrachtes Ballgesetz zu sein, daß jeder Recht hatte auf soviel Platz, wie ihm paßte, auf soviel Gerase und Getolle, wie ihm beliebte, überhaupt das Recht, ganz nach seiner eigenen Fasson selig zu sein! Hier tanzte jeder einfach für sich, und keiner, um zu tanzen, sondern alle, um sich zu amüsieren.

Aber — Donnerwetter — da kamen zwei, die konnten tanzen! Sie kamen aus einem Nebenzimmer — ein flotter, bartloser Kavallerieleutnant und eine hohe, ... Josefine! Sie war in roter Seide, mit Schwarz; der feste Hals, die gedrechselten Arme in ihrer warmen Farbe — das üppige Haar, in den gewohnten Knoten gebunden — die wilden Augen — ja, wild waren sie! — und die Figur! Ja, sie war die Ballkönigin! Wie sie tanzte! Jetzt sah man erst die ganze Kraft und Geschmeidigkeit ihres Körpers! Und jetzt blitzte das irische Blut auf! Das war sie! Der Bruder drängte sich weiter vor; es war, als versage ihm der Atem. Ihm war, als ob alles nur auf diese beiden starrte, die sich bald rechts-, bald linksherumschwenkten, bald auf einem Fleck wirbelnd, bald den ganzen Saal umkreisend. Kein neues Paar kam hinzu; alle schauten und schauten, und nach und nach hielten die meisten der Tänzer inne; sie wollten zusehen. Der Kavallerist hatte nur den einen Fehler, daß er nicht größer war als seine Dame; aber er war ein kraftvoller, männlicher Kerl, der vorzüglich führte. Der Tanz war diesen beiden kerngesunden Menschen Leidenschaft und Rausch; das sah man. Und wie ein Rausch wirkte es auch. Kallem konnte nicht widerstehen; auch er mußte tanzen — und zwar mit ihr — und auf der Stelle! Als sie das nächstemal in einem glänzenden Bogen vorbeikamen, sah er sie an — sah sie so an, daß er wußte, sie mußte dahin blicken, wo er stand. Und so war es auch. Als ob jemand sie umfaßt und zum Stehen gebracht hätte, stand sie still. "Vielen Dank!" sagte sie zu ihrem Herrn. Und schon war auch der Bruder an ihrer Seite; ebenso schnell aber auch ihre Freundin Lilli Bing. "Komm, setz' Dich zu mir!" sagte sie, und gleich darauf, zu Kallem gewandt: "Wie nett von Ihnen, daß Sie gekommen sind!" — "Ich habe zu danken — für die Einladung!" erwiderte er sich an beide wendend. "Aber ich hab' eine solche Lust, mit Dir zu tanzen, Josefine —" er zog seine Handschuhe an — "Sie gestatten?" Und er verbeugte sich vor dem Leutnant, der sich höflich wieder verbeugte. "Hast Du auch Lust?" wandte er sich zu Josefine. Sie war vom raschen Tanzen außer Atem; aber ihre dunkeln Augen strahlten. "Ja!" antwortete sie leise. Der Saal hatte sich inzwischen wieder mit Tänzern gefüllt; deshalb warteten sie ein Weilchen. Aber als das Gedränge nicht abnehmen wollte, umfaßte er sie, um zu beginnen. "Es geht nicht!" flüsterte sie. "Doch es geht!" sagte er und schwenkte sie an den andern vorüber, ohne anzustoßen, ohne sich aufhalten zu lassen; wurde es gefährlich, so trug er sie mehr, als daß er sie führte. Aber bald merkte er, wie unnötig das war; sie bog sich und schmiegte sich in seinem Arm dem leisesten Druck. Sie waren sich nicht so gleich, daß es "klebrig" wirkte, und doch auch nicht so ungleich, daß es abstieß; sie wurden sich gegenseitig interessant und genossen diesen Augenblick der Versöhnung vor neuem Kampf. Ab und zu sahen sie einander an, immer gleichzeitig — er sehr rot, sie sehr bleich.

Jetzt strahlten die Lampen hell, die Musik war heiter, die Menschen fröhlich und natürlich, der Ballsaal prächtig! Sie hatten nicht miteinander getanzt, seit er Balllöwe und sie ein unausstehlicher Backfisch war, mit dem er aus Gnade ein paarmal herumwalzte. Aber in Haltung, Rhythmus, in ihrer ganzen Art zu tanzen waren sie wie aufeinander eingespielt; sie tanzten so leicht — sie waren glücklich. Während sie sich umfangen hielten, konnten sich ihre Gedanken nicht voneinander lösen; sie hatten sich ineinander verschlungen. Sie gehörten zueinander in starkem Naturzusammenhang, nun sie bis auf den Urgrund der Natur gedrungen waren. Und weil das, was sie gemeinsam erlebt hatten, eigentlich in ihrer Kindheit lag, in einem fernen Land, so flüchteten sie beide dorthin. In die brennendheiße Luft, Seite an Seite auf ihren kleinen Ponys, zwischen ihnen der wunderliche Vater; er war so schön zu Pferde!

Der Bruder, der die Schwester überragte, blickte hinab auf ihre breite Kopfform; daran erkannte er den Vater wieder. Sie dachte ebenfalls an den Vater, während sie in sein scharfgeschnittenes Gesicht emporblickte; und trotzdem ähnelte er der Mutter, mehr als sie. Sie erkannte im Bruder das Gütige und Kluge der Mutter, wenn auch die Gewitterzüge des Vaters dazwischen kreuzten. Sie hätte sich an ihn schmiegen mögen wie an ihre Mutter, in dem Gefühl tiefster Geborgenheit — wie an jenem letzten Abend in ihrer Fjordstadt. Und eine größere Sehnsucht kannte sie nicht auf Erden.

Da hörte die Musik auf.

Arm in Arm gingen sie zu dem Platz zurück, den Lilli ihr angeboten hatte — voll Wärme und Dankbarkeit. Sie trafen dort Lilli und den Kavallerieleutnant — sie in ihrer Üppigkeit ganz außer Rand und Band, er, wie immer, korrekt und ehrerbietig.

Bald darauf war Kallem in Überzieher und Seehundsstiefeln, die Hände tief in die weiten Taschen vergraben, wieder draußen im Schneegestöber.

Entweder hätten die beiden Geschwister jetzt allein sein müssen, oder er mußte gehen. Es hatte ihn zu gewaltig gepackt. Er hatte sie unendlich lieb, und sie ihn vielleicht noch mehr. In solchen Augenblicken — wenn ihr Wesen sich ganz mit dem seinen verschmolz, da formte es sich so, wie es wollte und konnte; für gewöhnlich hielt etwas sie gebunden; das Christentum war es kaum — was aber war es? Sie tat alles, was sie wollte, bis zur Rücksichtslosigkeit; und dennoch war sie gebundener als die meisten.