Es schneite und schneite; die Luft war mondhell, trotzdem man den Mond nicht sah. Und vor sich in der Luft sah er seine Schwester, barhaupt, mit nackten Armen, mit Glutaugen, und in der Ferne Musik!
Als er aber in sein weißes Schlafzimmer trat, in dem das aufmerksame Mädchen eingeheizt hatte, da sah er die droben im Walddorf tanzen — Ragni, getragen von einem dicken Waldbesitzer, daß sie den Boden kaum mit den äußersten Zehenspitzen berührte; — sie wirbelte mit den kleinen Kindern im Kreis herum, sie hüpfte mit dem "Birkhahn" oder einem schneidigen Jungen aus der Hauptstadt davon; er sah ihre Glückseligkeit nach jedem Tanz, er hörte ihr: "Nein, wie ich mich amüsiere, Edvard!" — und damit schlief er ein.
Und am andern Tag — er hatte eben sein einsames Mittagessen beendet und war gewohnheitsmäßig in die Wohnstube gegangen — denn da pflegte Ragni ihm vorzuspielen — da öffnete sich die Tür und — er traute seinen eigenen Augen kaum — ja, wirklich, in dieser Pelzvermummung steckte Ragni! Er rief sie herbei, so, wie sie war, weiß und rosig und mollig und zärtlich — und hob sie in die Höhe.
"Ach nein," sagte sie, als sie ein Weilchen nachher friedlich beisammensaßen — "weißt Du, es war doch immer wieder dasselbe, und dann — ich hatte Sehnsucht." — "Du hast eine schiefe Nase!" — "Und Du — na, warte nur — auf dem Ball bist Du gewesen!" — "Du hast eine schiefe Nase!" — "Das sieht man fast gar nicht. Du, aber weißt Du — Karl ist gar nicht immer lieb. Das will ich Dir nur sagen!" — "Karl?" — "Gegen mich, ja! Gegen mich ist er riesig nett — man kann sich gar nicht vorstellen, wie nett. Aber gegen meine Geschwister ist er ganz anders — heftig — furchtbar heftig, und launisch, ein Starrkopf." — "O, das kann ich mir ganz gut denken." — "Und weißt auch Du, warum ich abgereist bin? Wir wollen einmal allein sein. Nicht? Wir haben ihn ja immer um uns." — "Du lieber Gott — hast Du den nun auch schon wieder satt?" — "Das hab' ich doch gar nicht gesagt; aber so immer um einen — — — das wird —" — "Langweilig?"
— "Na ja, meinetwegen langweilig; aber es
ist so. Ich bin gräßlich, ich weiß! Du, und um noch was möcht' ich Dich bitten; aber sei gut und sag' nicht gleich Ästhetiker!" — "Nun, und —?" — "Sag' Kristen Larssen nicht, daß ich wieder da bin! Bitte, bitte nicht! Wir wollen einmal ganz ungestört sein, ja?" — "Aber ich hab' eben jetzt ein paar Kinder, die — —" — "Nein, nein! Auch keine Kinder! Ach nein!" Und sie fing zu weinen an.
"Aber liebste, süßeste Ragni —!" — "Ach Gott, ich weiß ja, es ist schrecklich egoistisch; aber ich kann ganz einfach nicht! Ich bin für so was nicht geschaffen!"
Eine Weile später sang der Flügel in seinen vollsten Akkorden die Jubelhymne ihrer Heimkehr! Die Geister der Schönheit nahmen Besitz vom Haus. Sie flogen aufs Dach, zu den Fenstern und Türen hinaus, ins Schlafzimmer hinauf, in die Küche, ins Studierzimmer hinüber. Sie sangen, sangen, sangen, daß die Tuberkelbazillen, die der Doktor eben untersuchte, geradenwegs lostanzten auf das, was sie vernichten sollte; sie sangen die Küchentür auf, daß der ganze Aufwaschtisch tanzte und der Kaffeekessel überkochte; und das neue Kleid, das Sigrid zu Weihnachten von Frau Doktor bekommen hatte, fix und fertig, mit Sammetbesatz und Jakett, mit Schnüren und Quasten besetzt, hoch oben auf dem Dachboden, zu alleroberst im ganzen Haus, auf Ballgedanken verfiel.
8
Tags darauf kam Kallem von Sissel Aune, der Waschfrau. Er hatte sich über den Mann geärgert, der in übermäßiger Freude seine Geige hatte herrichten lassen und jetzt bei allen möglichen Gelagen aufspielte und sich volltrank. Er wollte mit ihm denselben Versuch machen wie mit Sören Pedersen und Aase, und ging deshalb zu ihnen, um mit ihrer Hilfe dem lyrischen Aune beizukommen. Aber er fand die "Gattin Aase" allein im Laden, wo sie eben einem von Sissels Kindern auf einen Sattel half; vier hatte sie bei sich im Laden, das fünfte lag daneben in der Stube. Sören Pedersen sei nicht zu Hause, er sei bei Kristen Larssen, der krank sei. Kristen Larssen? — Ja, er habe fürchterliches Erbrechen gehabt, zuletzt das reine Blut; aber dem Doktor wolle er nichts sagen. Kallem wollte sofort zu ihm, aber erst wollte er noch einen kleinen Beitrag zum Unterhalt der Kinder geben; das wurde jedoch nicht angenommen. Aase hatte heute zwei Sättel und eine Sprungfedermatratze verkauft; eine Nichte von ihr arbeitete jetzt mit in der Werkstatt; eine Frau, die ebenfalls Aase hieß; um die zwei voneinander zu unterscheiden, nannte Sören die Nichte: "Aases Aase".
Kallem fand Kristen Larssen im Bett. In seinen langbehaarten Fingern hielt er eine Arbeit; Sören Pedersen las ihm vor. In der Ecke zwischen Fenster und Tisch, ganz eingeklemmt in einen Winkel, saß die Frau und strickte; das Kopftuch hatte sie so tief hereingezogen, daß das Gesicht ganz im Schatten lag. Eine entsetzlich schlechte Luft war in der Stube. Als Kallem den Kranken sah, erschrak er; noch schmutzig-grauer, noch hagerer als sonst sah er aus. "Haben Sie etwas Fettes gegessen in den Weihnachtstagen?" — "Hm ... Sülze haben wir gehabt." — "Haben Sie schon früher solche Anfälle gehabt?" — "O ja ... ab und zu." — "Aber nicht so schlimm, wie diesmal!" sagte sie, und strickte. — "Haben Sie Schmerzen jetzt?" — "Jetzt nicht. Aber manchmal ..." — "Unter der Brust und im Magen?" — "Ja." — "Und die Schmerzen kommen häufig wieder?" — "O ja." — "Mit jedem Tag öfter!" sagte die Stimme aus der Ecke. Kallem begann sofort mit der Untersuchung und fand in der Magengrube eine Geschwulst von der Größe einer Wallnuß. Kristen Larssen wußte schon lange davon. — "Ist sie gewachsen?" — "O ja." — "Jeden Tag mehr!" sagte die Stimme in der Ecke. Kallem ward es heiß und heißer. Weshalb hatte er sich bei Larssens abweisender Art beruhigt? Die Augen der Frau folgten ihm — ihre Stricknadeln gingen immer langsamer — es war, als erstarre sie nach und nach; der Doktor versuchte, seine ruhige Miene zu bewahren; aber sie ließ sich nicht täuschen — er merkte es. Und Kristen Larssens kalte Augen folgten ihm — forschend. Kallem hieß sie die Herdklappe öffnen und sie offen lassen — Tag und Nacht — wieviel Holz es auch kostete. Sören Pedersen stand auf, voller Eifer, und öffnete das Ventil. Kristen Larssen und seine Frau verfolgten sein Tun mit mißbilligenden Blicken; sein Holz war es freilich nicht! Um Zeit und Ruhe zu gewinnen, blätterte Kallem in den Büchern, die herumlagen. Es waren seine eigenen englischen, und ein Buch über Mechanik. Dann sah er das Schiffchen an, das der Kranke zwischen den Fingern hielt. "Was ist denn das?" Und Sören Pedersen erklärte, es sei eine Verbesserung der von Kristen Larssen erfundenen Strickmaschine. Und während er das erklärte, handhabten Larssens Finger die Räder und Nadeln so zart, so behende, daß seine ganze Gedankenkraft, seine ganze Liebe zur Sache dabei deutlich zum Vorschein kam.
Die ganze Stube, die Arbeitsbank, der Fußboden, der Tisch — alles lag wieder voll von Sachen, die neu hergerichtet werden sollten — Gewehre, Uhren, Nähmaschinen, Kaffeemühlen, Schlösser, zerbrochene Werkzeuge. Kallems Revolver lag neben dem Kasten, und Kallem hörte, das sei das einzige, was Larssen über die Weihnachtszeit fertiggemacht habe. Während Sören Pedersens Wortschwall hatte Kallem überlegen können; jetzt wußte er, wie er's anzugreifen hatte. Er sprach von Diät und schmerzstillenden Mitteln und forderte dann Sören Pedersen auf, mitzukommen.