Sowie sie auf der Straße waren, sagte ihm Kallem, daß es mit Kristen Larssen zu Ende gehe. Es sei ohne Zweifel ein weitvorgeschrittener Magenkrebs.
Die selbstzufriedene Pfiffigkeit in Sören Pedersens runder, glänzender Fratze stahl sich plötzlich auf allerhand Schleichwegen fort; das Gesicht blieb ganz leer — mit offenen Türen und Fenstern — zurück.
"Ich werde Ihnen bald Bestimmtes sagen; und dann müssen Sie, der ihn besser kennt als ich, es ihm sagen." Aune, über die er eigentlich hatte sprechen wollen, vergaß Kallem ganz und gar.
Innerhalb weniger Tage wußte die ganze Stadt, daß der Tausendkünstler Kristen Larssen an Magenkrebs hoffnungslos darniederlag; sogar ins Blatt kam es. Er wurde darin als "ein in der ganzen Umgegend wohlbekannter Mechaniker und Erfinder" erwähnt. Kein Haus, in das Kallem kam, kein Bekannter, den er auf der Straße traf, ohne daß man sich nach Kristen Larssen erkundigt hätte. Das nächste Mal, als er den Kranken besuchte, — nachdem Sören Pedersen sich seiner Mission entledigt hatte — wurde die Sache mit keinem Wort erwähnt. Larssen lag da, wie immer, zwischen den Fingern seine Erfindung — ein bißchen matt, nach einem fürchterlichen Anfall von Schmerzen. Der Bart war gewachsen; er sah abschreckend häßlich aus. Die Frau strickte; nur daß sie ein bißchen näher am Bett saß. Die englischen Bücher lagen nicht mehr da; und das war das einzige äußere Zeichen, daß die Zukunft aufgegeben war.
Kallem ging von da zu Sören Pedersen, der ihm erzählte, der frühere Hausmeister des Krankenhauses sei bei Larssen gewesen und habe versucht, ihn zu bekehren; damit er doch nicht geradenwegs in die Hölle käme. Larssen hatte bloß geantwortet, man möge ihn doch nicht aufhalten; er habe eben eine Arbeit vor, die beinahe fertig sei. Dann war der Pastor gekommen; der ging taktvoller und behutsamer zu Werke; aber vielleicht gerade darum hatte Larssen diesmal die Geduld verloren; seine aufgespeicherte Bitterkeit machte sich in flammenden Worten Luft, und die Frau mit dem vorgezogenen Kopftuch und den ewigen Stricknadeln hatte sich dicht neben die Tür gestellt. Der Pastor hatte verstanden — und entfernte sich geduldig; seit der Geschichte mit Maurer Andersen war er nicht mehr der Alte. In der Gemeinde freilich erregte das verschiedentlich Ärgernis.
Nach einer Sitzung im Jünglingsverein versammelte sich der Jünglingschor vor Kristen Larssens Haus und stimmte gedämpft einen Choral an. Andere kamen dazu, in aller Stille. Es traf sich, daß der Kranke eben einen Anfall hatte. Er sagte, es sei, als ob Tausende von Stecknadeln ihn unablässig stächen — und bei seinen Leiden reizte der Gesang ihn so, daß Kallem einschreiten und alle derartigen Demonstrationen untersagen mußte. Zwei Laienprediger, der ehemalige Hausmeister und noch einer suchten den Doktor im Krankenhaus auf und erklärten, wie alles bloß in bester Absicht geschehen sei, und wie man doch unmöglich einem Sterbenden Gottes Wort vorenthalten dürfe. Kallem wurde heftig und antwortete grob.
Als er abends zur gewöhnlichen Zeit bei Kristen Larssen war, glaubte er ganz bestimmt, durch das Fenster ein Gesicht hereinschauen zu sehen. Der Kranke fragte eben, wie lange er überhaupt noch zu leben habe, und ob die Schmerzen immer zunehmen würden. Und Kallem kümmerte sich darum weiter nicht um die Sache draußen; er bat nur, man möchte die Fenster verhängen. Er erwog, ob er Larssen die reine Wahrheit sagen könne, und kam zum Schluß: ja, es ist das beste. Also erklärte er ihm, es könne noch zwei bis drei Monate dauern — die Schmerzen würden sich immer häufiger einstellen — wenn auch nicht alle Tage gleich oft und gleich heftig. Die Frau hörte es mit an.
Niemand war am Fenster, als Kallem herauskam; aber auf der Straße — in einiger Entfernung — ging eine Dame, langsam, als warte sie auf jemand. Als sie ihn erblickte, kam sie sogleich auf ihn zu. Es war seine Schwester. "Hast Du vorhin bei Kristen Larssen zum Fenster hereingesehen?" — "Ich —," und er sah, wie ihr Gesicht rot wurde unter der Kapuze — "ich bin nicht der Mensch, der andern in die Fenster sieht!" — "Entschuldige! Aber ich hab' wirklich jemand vor dem Fenster gesehen. Und Du weißt, wer es war?" — "Ja. Aber ich bin gekommen, um mit Dir zu sprechen, Edvard. Ich weiß, wann Du gewöhnlich hier bist." — "Was soll ich?" Und nun erst bemerkte er, daß sie in voller Aufregung war.
"Ist es wahr, daß Du gesagt hast, Du nähmest die Verantwortung auf Dich, wenn Larssen in die Hölle komme?" — "Ich glaube überhaupt an keine Hölle!" — "Und das hast Du ausgesprochen?" — "Ich weiß nicht. Ich glaube nicht." — "Es gibt nämlich Menschen, die sind anderer Ansicht als Du, und die sind empört über derartige Aussprüche. Durch dergleichen verlierst Du alles, was Du Dir hier erarbeitet hast; das kann ich Dir nur sagen." — Kallem kannte sie so ganz wieder in diesen Worten. "Ja, natürlich ist es dumm, so etwas auszusprechen. Aber ist es nicht ebenso verrückt, einen Mann wie Kristen Larssen so zu plagen! Solang er noch bei Verstand ist, bestimmt niemand ihn, an eine Hölle zu glauben. Also sollen sie ihn doch in Ruhe lassen!" — "Das verlangen sie doch auch gar nicht von ihm!" — "So? Und was denn?" — "Das weißt Du so gut wie ich, Edvard. Und ich bitte Dich um Deiner selbst willen — verhöhne nicht ernste und wohlmeinende Menschen!" — "Ich habe nicht höhnen wollen. Ich sage bloß — sie können sich und ihm die Mühe sparen." — "Ist er denn so kalt?" — "Kalt oder warm — das kommt lediglich auf die Veranlassung an, und darauf, wie ein Mensch sein Leben gelebt hat!" — "Aber der Mensch kann sich eine Seelenkälte anleben; und ganz gewiß — so ist es bei ihm gewesen!" — "Vielleicht. Aber ich kenne jemand, der recht warm ist, und der doch genau so denkt wie Kristen Larssen. Also das ist es nicht!" — "Ja, was ist es dann?" — "Tausenderlei. Die, die ich meine, denkt fast immer in Bildern, und seitdem sie einmal ein uraltes Bild der Dreieinigkeit gesehen hat — ein mächtiger Körper mit drei Köpfen darauf — und hörte, daß der Kopf in der Mitte der Sohn der beiden an der Seite — Vater und Mutter — sei (Du weißt doch, der heilige Geist war im Anfang weiblichen Geschlechts —) konnte sie nicht mehr an die Dreieinigkeit glauben. Sie lachte darüber. Und wie gesagt — sie ist recht warm!" — "Pfui!" stieß Josefine in tiefstem Zorn heraus; "warm mag sie ja sein; aber jedenfalls ist sie unrein!" — Kallem fühlte im Herzen einen Stich; das ging auf Ragni! Die Schwester war böse und sah böse aus, wie in ihren Backfischtagen! Und sofort wurde er auch wieder der Junge von damals: klatsch! Da hatte sie eine Ohrfeige! Sie traf nur die Kapuze; aber sie kam von Herzen.
Mit blitzenden Augen sprang sie auf ihn los, wie in den Tagen, als sie sich noch prügelten. "Ich glaube beinah, Du", — zischte sie! Und sprühte vor Hohn und Wut. — — Und wandte sich voll Verachtung ab — und ging.