Ob jemand sie beide gesehen hatte? Sie waren allein auf der Straße. Aber er empfand eine unbestimmte Angst. Vielleicht mußte Ragni es entgelten!

Das Wort "unrein" in Josefines Mund — meinte Kallem — sei auf die Vergangenheit gemünzt. Und darum war er empört. Wieviel größer wäre erst seine Empörung gewesen, wenn er gewußt hätte, daß es eigentlich auf die Gegenwart ging? Daß Pastors sich nach ihrer Heimkehr zurückhielten, hatte auch darin seinen Grund, daß der Gotteslästerer Larssen Liebkind war in Kallems Haus, daß Ragni Englisch mit ihm trieb, daß Kallem wie ein Kamerad mit ihm verkehrte. Kristen Larssen war für den größten Teil der Gemeinde eine Art Teufel, und wenn diese Ankömmlinge, Mann und Frau, Gemeinschaft hielten mit ihm (wie früher mit Sören Pedersen und seiner Frau) — so war das eine Herausforderung. Kurz darauf war Karl Meek ins Haus gekommen, und seitdem sah man Ragni nie anders als in seiner Begleitung. Schließlich reisten sie sogar zusammen in das Walddorf hinauf — so viel war gar nicht einmal nötig, wo es sich um eine geschiedene Frau handelte, die "freie" Ansichten hatte und schon einmal beim Ehebruch ertappt worden war.

Josefine war in der aufrichtigen Absicht gekommen, ihren Bruder zu warnen. Hätte sie in Ruhe sprechen können, so hätte sie ihm das alles gesagt; sie war unerschrocken, und sie hatte ihn lieb. Jetzt ging sie mit dem Brandmal seiner Verachtung nach Hause zurück.

Und nun brach ihre zurückgedrängte Leidenschaft sich Bahn; zuerst in bitterem Haß auf die Leute, die Bruder und Schwester auseinandergebracht hatte, allmählich aber auf alles, was zwischen ihnen stand: Maurer Andersens Tod — je tiefer er ihren Gatten bewegte, desto schärfer trat der Gegensatz zwischen ihnen zutage, und das zur ungünstigsten Zeit. Alles, dessen Tuft sich selbst anklagte, waren ja Zugeständnisse, die er ihr gemacht hatte; und gerade jetzt wollte er damit aufräumen. Schlimmer konnt' es sich gar nicht treffen.

Im Haus nebenan wohnte eine vertrocknete Alte, des Pastors Mutter; sie lebte in ständigem Protest gegen das Vorderhaus. Nie setzte sie einen Fuß über die Schwelle, wenn Besuch da war, auch sonst nur selten, außer zu den Hausandachten und an kirchlichen Festtagen zum Mittagessen. Das ganze Wesen der Schwiegertochter, ihr Tanzen, ihre Toilette, ihre Freundinnen waren ihr ein Ärgernis, — des Pastors ständiges Werben um sie ein Frevel. Der kleine Junge wurde ihr Spion. An einem Sommertag hatte Josefine auf der andern Seite der offenen Tür gesessen und gehört, wie sie ihn ausfragte, wer am Tag vorher dagewesen sei, was sie gegessen hätten, ob sie Wein getrunken hätten und wievielerlei Sorten. "Großmutter hat gefragt, ob Mutter heut schon wieder aus ist!" sagte er ein andermal. "Und sie hat gefragt, was Vater zu Mutter sagt, wenn Mutter nach Hause kommt, und ob Vater oben bei uns geschlafen hat!"

Josefine ertrug das mit Ruhe. Aber daß sie wußte — hinter den christlichen Ermahnungen des Pastors steckte die Schwiegermutter, — das machte sie nicht gerade nachgiebiger. Sie gedachte ihr Leben zu führen, wie es ihr paßte — mochte er dasselbe tun.

Für ihn war es immer derselbe Kampf, von Jugend an, von der Zeit, da er um ihretwillen den Missionsgedanken aufgegeben hatte; und immer mit demselben Ausgang: er unterlag seiner Verliebtheit. Nicht daß sie ihn dazu verlockt hätte — im Gegenteil! Wenn sie ihn bisweilen genug hatte — sie hatte immer rasch alles genug — starke Strömungen gingen in ihr — dann erschien sie ihm am schönsten, am begehrenswertesten, wie die Frauen der alten Sagazeit. Dann vermochte er nicht zu widerstehen.

Aber die große Aufgabe, vor die Gott ihn am Krankenbett seines Freundes gestellt hatte, die zeigte ihm, was er in seinem Leben versäumt hatte. Das war die Frucht der Nachgiebigkeit!

Als er in seiner Selbstprüfung so weit gekommen war, daß er mit seiner Frau darüber hätte sprechen können — da war sie stumm — in ihrem eigenen Kampf. Nach dem Schlag, den sie erlitten hatte, war sie sich sofort klar über das, was jetzt die Gerechtigkeit erfordere — sich rächen nannte sie's immer —, aber bald auch darüber, daß ihr Bruder ihr eigenes unklares Verhältnis durchschaut hatte. Seit sie mit ihm getanzt hatte, wußte sie, daß niemand sie so verstand wie er; seit ihrer letzten Begegnung wußte sie, daß er ihre Einmischung in Glaubenssachen verachtete; und darin hatte er recht. Nie hatte sie endgültig abgerechnet; immer nur sich damit begnügt, ihres Gatten Glaube und Handeln geachtet zu sehen, und selber ihren Frieden zu haben. So konnte es nicht länger bleiben; ihres Bruders Verachtung ertrug sie nicht.

Im Pastorhause war morgens und abends Andacht; dazu kam regelmäßig die Großmutter, nach ihr die Mädchen und gleich darauf der Pastor. Zur Morgenandacht kam Josefine nicht immer, und die Abendandacht fiel aus, wenn Gäste da waren. Der Pastor sprach zur Einleitung und zum Schluß ein Gebet, wie es sich eben für die Gelegenheit schickte. In dieser Zeit waren diese Gebete lang und inbrünstig — und Josefine blieb weg.