Diese feierlichen "Abrechnungen" waren ihr ein Greuel — die öffentlichen noch mehr als die privaten. Die letzten fanden meist abends statt, wenn es Schlafenszeit war, und der Junge zu Bette und die Hausandacht beendet war. Wenn Josefine es voraussah, hinauf — zu Bett; da kam er ihr meist nicht nach. Der Boden da oben war schlüpfrig! Aber heut Abend kam er. Sie hatte es an den Schritten unten im Studierzimmer gehört, und jetzt vernahm sie ihn auf der Treppe. Sie riegelte nicht ab, und ließ die große Lampe brennen. Aber als er draußen an die Türklinke faßte, sagte sie: "Du darfst nicht herein." — "Doch!" — "Nicht, solang ich beim Auskleiden bin!" — "Ich werde warten." — Er ging wieder hinunter, und sie machte sich langsam fertig.
Die Schlafstube lag nach dem Garten zu, über dem Studierzimmer; rechts, durch eine Portiere getrennt, das Ankleidezimmer, über dem Fremdenzimmer; links eine Tür zur Garderobe. Dicht daneben führte eine Korridortreppe vom Arbeitszimmer herauf. Und da hörte sie ihn jetzt kommen — zum zweitenmal — mit festem Schritt. Sie lag schon zu Bett. Die Zimmertür lag in der Mitte, den Fenstern gegenüber; die Betten standen rechts von der Tür; das ihre zunächst. Der Junge schlief auf der andern Seite, nach der Garderobe zu.
Er fragte nicht mehr, ob er eintreten dürfe; er öffnete einfach die Tür. Sie lag da, in ihrem weißen Nachtkleid, das schwarze Haar in einem Knoten, wie immer, den Kopf in die linke Hand gestützt, wie auf dem Sprung, sich aufzurichten.
Er setzte sich zu ihr auf die Bettkante. Sofort rückte sie etwas von ihm ab, als sei ihr die Berührung unangenehm. Er sah finster drein. — "Josefine, Du weichst mir aus. Das ist nicht recht von Dir. Ich brauche Trost und Rat. Die alte Pein ist wieder über mir. — Und wir dürfen die Abrechnung nicht länger hinausschieben!" — Er sah sie an — voll Schmerz. Sie sah ihn an — stumm. — "Du weißt, was es ist. Ich lebe hier, bei Dir in Wohlsein und Genuß und draußen in der Gemeinde allgemein verehrt. Aber in einem solchen Leben wächst sich der Gottesmensch nicht zu seiner natürlichen Entwicklung aus! Und vor kurzem wurde ich gewogen — und zu leicht befunden!" — Er barg sein Antlitz in den Händen und saß lange ganz still, als bete er. "Liebe, liebste Josefine!" Und er blickte auf. — "Hilf mir! Ich muß alles anders machen um mich her! Ich muß mein ganzes Leben anders gestalten!" — "Wieso?" — "Ach — ich bin kein Pfarrer, und Du bist keine Pfarrersfrau! Wir gehen beide zugrund — an unserem Eigenwillen!" — "Alle die — die Versuche, die Du machst, Ole, anders zu leben, fangen immer bei mir und meinem Haus an! Fang einmal bei Dir selber an! Ich bin, wie's mir paßt. Sei Du, wie's Dir paßt! Und unser Haushalt — nun ja, der ist einfach nicht anders, als eine Familie von Geschmack und Vermögen ihn erfordert; behagt es Dir nicht, so hast Du ja Deine eigenen Zimmer; richte Dich ein, wie Du magst. Wünscht Du eine getrennte Lebensweise — bitte! Sag' es nur!" — "Ach!" erwiderte er, "Du degradierst das Ganze zu einem Umzug im Haus oder einem veränderten Küchenzettel!" — "Immer dieselben allgemeinen Anklagen! Keinen Pfifferling Respekt hab' ich vor ihnen!" — "Weil Du den geistigen Grund in ihnen nicht erfaßt!" — Sie wurde blaß. — "Soviel ich weiß", sagte sie hart, "paßte es mir nicht, so fleischlich zu sein wie Du. Und damit hat es angefangen!" — "Das lässest Du mich jedesmal wieder hören. Aber ich schäme mich nicht, daß die erste Krise von meiner allzu heißen fleischlichen Begierde und von Deinem Widerstande kam; das hat mich geweckt. Nein, ich schäme mich dessen nicht. Denn als ich die Absicht äußerte, einmal von Grund aus zu reformieren —" — "Hab' ich Dir das etwa verboten?" unterbrach sie ihn. "Ja, bei mir anzufangen, das hab' ich Dir verboten! Fang bei Dir selber an, Ole!" — Er stand auf. "Du verstehst mich nicht! Du verstehst nicht, was Gott von uns will! Ich bleibe dabei — es ist etwas Ungeistliches an Dir, Josefine! Nie bist Du aufgegangen in Reue und Gebet! Nie hast Du Dich hingegeben in inbrünstiger Andacht! Du kennst nicht die Sehnsucht nach dem Unendlichen — sondern nur nach dem Irdischen. Den Willen, Christin zu sein, hast Du wohl; aber etwas dafür tun magst Du nicht! — Du antwortest nicht? Möchtest Du's nicht wenigstens versuchen? Jetzt — zusammen mit mir? Ach, Josefine, wie ich leide — auch um Deinetwillen!" Er setzte sich demütig wieder zu ihr hin. "Meinst Du damit, ich solle Dir zu den Zulukaffern folgen?" entgegnete sie kalt. — "Ich meine, wir sollen uns gemeinsam in allem Guten vervollkommnen, liebe Josefine, dann wird Gott uns weiterhelfen." — "Leeres Geschwätz versteh' ich nicht!" erwiderte sie. "Sag' gerad' heraus, was wir tun sollen!" — "Wir sollen im Glauben an Jesum Christum mit den Geringen und für sie leben." —" Mein lieber Ole, das kann ich besser als Du! Du wachst niemals eine Nacht am Krankenbett in einem armen Haus; ich tu' es oft. Und ich habe auch die 'Gegenseitigkeit' gegründet" (so nannte sich ein Verein von besser situierten Frauen der Stadt, deren jede ihre Armen hatte, denen sie Arbeit und Unterstützung verschaffte. Josefine war Vorsitzende der Gesellschaft und verteilte die Arbeit). — "Ja," antwortete ihr Mann zustimmend, "administratives Talent hast Du wie Dein Bruder. Aber darin besteht es nicht — selbst als große Dame zu leben und dann und wann einmal sich zu den Geringen herabzulassen; nein — man muß mitten unter ihnen und ganz für sie leben!" — "Sollen wir das Haus verkaufen? In die Vorstadt ziehen? Sag', was Du willst!" — "Wenn Gott uns dazu treibt — ja! Aber es muß in und aus Glauben geschehen, um Jesu willen. Sonst hat es keinen Wert." — Sie antwortete mit keiner Silbe.
"Was meinst Du, Josefine? Wollen wir nicht versuchen, ein echtes Christenleben zu führen?" Seine Augen flehten; seine Hand suchte die ihre: "Josefine!" Sie zog ihre Hand weg. "Nein! Du weißt ja, ich sehe nicht ein, warum ich mir mein eigenes Leben unbehaglich machen soll; das würde keinem nützen, und mir würde es schaden." — "Sag' das nicht! Wenn wir es nun einmal versuchten? Im Glauben an Jesu miteinander ganz dafür leben, andern Gutes zu tun?" — "Ach was, Unsinn! Und wenn es Dich auch verletzt — einerlei! Aber daß ich an Jesus glauben muß, um den Armen zu helfen, ist Unsinn! Es hilft nichts, ich rede wie ich denke." — "Wenn Du an Jesus glaubtest, so würdest Du den Grund erfassen." — "Ich habe nie gesagt, daß ich nicht an Jesus glaube." — "Ach, Josefine, das ist kein Glauben! So verstehst Du also nicht einmal, was Glauben ist! Diesen schweren Schaden an Deiner Seele habe ich zu verantworten! Ich, der jahraus, jahrein mit Dir lebt und nichts weiter erreicht hat!" Er beugte sich über sie; Tränen standen in seinen Augen. "Wie herrlich könnten wir miteinander leben, wenn Du Dich vor Gott beugen wolltest — bei den Gaben, die Du hast — und bei meiner Liebe zu Dir!" Er wollte sie zärtlich umfassen. — "Weg!" sagte sie und setzte sich auf.
Er fuhr auf, wie von einer Natter gestochen. Sie legte sich wieder zurück, beide Hände unter dem Kopf; ihre Brust wogte; sie war in vollem Aufruhr. "Ich weiß nicht, ob wir es vor Gott verantworten können, unter diesen Umständen zusammenzubleiben", sagte er. — "Gut! Tu, was Du willst!"
Er wandte sich ab; er fand es unter seiner Würde zu antworten. Der Kleine stöhnte im Schlaf und wälzte sich herum, als beunruhige ihn etwas. Tuft sah ihn an; mit halboffenem Mund lag das Kind auf dem einen Arm. Tuft kannte diese Stirn, er hatte sie bei seinem Vater gesehen, es war auch seine eigene, ebenso das Haar, der Bau der kleinen Hand, die Finger, ja sogar die Nagelstellung. Aber er sah den Tag kommen, da auch der Junge nicht mehr sein eigen sein würde, wenn es so weiterging.
"Nein, Josefine, es soll auch nicht so weitergehen! Gott helfe uns beiden! Aber fortan ruht der Kampf nimmermehr!"
Das Breite und Mächtige in ihm, das hinter der Herzensgüte lag, war am Hervorbrechen; sie fühlte es. Und auch in ihr quoll es empor. Sie hörte ihn im Studierzimmer auf- und abgehen, ohne Ruhe, aber auch ohne Zweifel. Sie konnte nicht schlafen.