Am Tag, nachdem Kristen Larssen die volle Wahrheit über seine Krankheit erfahren hatte, erschoß er sich. Das jagte den Leuten einen furchtbaren Schreck ein; etwas Gruseliges ging von ihm aus; man wagte kaum, am Haus vorbeizugehen. Es verbreitete sich ein Gerücht, Kallem habe Larssen seinen Revolver zu diesem Zweck überlassen; doch wurde das von der Frau selbst, von Sören Pedersen und durch Kallems eigene Aussage widerlegt.

Kristen Larssen hatte sich gedrückt, ohne Ankündigung, ohne Dank. Zu seiner Frau hatte er gesagt, ein rascher Tod sei für ihn das beste. Aber auch zwischen ihnen beiden war nichts weiter besprochen worden, keinerlei Abschluß, kein Abschied hatte stattgefunden. Er hatte sie gebeten, zu Sören Pedersen zu gehen, und während der Zeit war er aus dem Bett gekrochen und mit der ihm eigenen überlegenen Gründlichkeit hatte er die Tat vollbracht.

Das herkömmliche Begräbnis wurde verweigert und eine Ecke an der nördlichen Mauer angewiesen. Dort arbeiteten drei Männer stramm, um ein Grab zu graben. Es war ein bitterkalter Tag, der Tag, an dem man ihn in die Erde bettete; und es gab Leute, die auch darin eine Fügung Gottes sahen. Zu einer ungewöhnlichen Zeit, nämlich nachmittags, ohne Glockenläuten, ohne Pfarrer und ohne Gesang wurde Kristen Larssen hinabgesenkt. Unter den wenigen, die zugegen waren, fiel am meisten Aune auf; er war betrunken und machte sich fortwährend bemerkbar; dabei war er so dünn gekleidet, daß man fror, wenn man den blaugefrorenen Kerl nur ansah. Sören Pedersen bat ihn mehrere Male, sich ruhig zu verhalten; aber vergebens. Von Sörens blankem Gesicht sah man nur die Augen, die Nase und etwas von den Backen; das übrige war von unten durch einen mächtigen, mehrmals um den Hals geschlungenen wollenen Schal und von oben durch eine bis in die Augen gezogene Pelzmütze verdeckt. Die Hände staken in nordländischen Handschuhen, — einem Paar von jenen Ungeheuern, wie sie die Leute dort zum Fischfang tragen — und die Füße in Pelzschlurren. Sören Pedersen war in die Breite gegangen; der Überzieher war ihm zu eng geworden; mit diesen Auswüchsen sah er wie ein Hummer aus. Aase in kurzem Mantel und Baschlik hielt sich an der rechten Seite der Witwe, die lang und hager dastand, in Finnenschuhen und einem bis an die Füße gehenden, oben und unten gleich weiten Sack, um den Kopf ein dickes wollenes Umschlagtuch; sie hatte es offenbar darauf angelegt, ihr Gesicht zu verbergen. Aune schwankte umher und erzählte, er habe ihr geholfen, ihre Sachen nach der Bahn zu schaffen. Jetzt hatte er das Haus abgeschlossen; den Schlüssel trüge er in der Tasche. Und er zog ihn hervor. Die Witwe wollte von hier aus gleich auf den Bahnhof und bei Verwandten — ein paar Meilen von hier — bleiben; später wollte sie dann weiter nach ihrem Heimatort. Außer diesen vieren waren nur noch zwei Männer da, die das Grab gegraben hatten; der eine stand auf sein Grabscheit gelehnt, trug Rock und Fausthandschuhe und kaute ohne Unterlaß Tabak. Der andere hauste hinter einem braunen Bart und war verwachsen und triefäugig.

Etwas abseits an der Mauer war ein festgestampfter Schneehügel; Karl Meek und Ragni, die eben zusammen anlangten, stellten sich dorthin. Alle warteten auf Kallem, dem eine Abhaltung dazwischen gekommen war, und der jetzt eilends herbeistürzte. Er nahm vor der Witwe seine Mütze ab, die andern grüßten ihn; dann trat er ans Grab. Er wollte gern einige Worte sprechen, wartete aber, ob nicht vorher sonst etwas geschehen würde. Als nichts geschah, sagte er:

"Ich kenne die Vergangenheit des Mannes, den wir hier begraben, nicht; ich kannte auch ihn selbst nicht. Er hat in religiösen Dingen anders gedacht als die Menschen, unter denen er lebte, und er hat dafür büßen müssen. Sein und seiner Frau Lebensziel war, hinüberzugelangen nach dem freien Amerika." (Bei dem Wort Amerika begann hinter den Taschentüchern ein Keuchen und Schneuzen). "Er versuchte, allein Englisch zu lernen; das war für ihn, als schüfe er sich Flügel damit. Wenn ich jedoch dies gesagt und noch hinzugefügt habe, daß er der begabteste Mensch war, dem ich hier begegnet bin, so habe ich ungefähr alles gesagt, was ich von ihm weiß.

Darum will ich auch nicht von denen sein, die ihn verurteilen. Oft, wenn wir zusammen waren, hatte ich den Eindruck, als ob ihn fröre. Die Kälte, die ihn rings umgab, war in sein Inneres gedrungen.

Es hat sich so gefügt, daß nur wir fünf oder sechs ihm Lebewohl sagen. Aber alle, denen seine sinnreiche Arbeit von Nutzen war, und besonders alle die Tausende, denen seine Erfindungen das Leben erleichtert und damit mehr Freude geschaffen haben, worauf es doch ankommt — alle die schulden ihm Dank; und den bringe ich ihm dar!"

Es wurde still. Der kalte Schnee knirschte, wenn einer oder der andere sich rührte; aber keiner machte Anstalt zum Gehen. Da schwankte Aune an das Grab. "Na ja, und nun will ich Dir man auch noch für die Violine danken! Und — und — vergib uns unsre Schuld! Und — und — leb' wohl!" Beinah wäre er hineingetaumelt. Sören Pedersen packte ihn ärgerlich am Arm, wandte sich zu seiner Frau und sagte: "Hör' mal, Aasechen, Du betest das Vaterunser so schön! Sag' es doch einmal!" Und sie trat einen Schritt vor, zog die Handschuhe aus und faltete die Hände. Die Männer nahmen die Mützen ab und alle senkten den Kopf; dann betete Aase das Vaterunser.

Darauf fielen die ersten schweren Schollen auf den Sarg; es klang, als wolle er in Stücke gehen.

Die Frau trat auf Kallem zu. Erst jetzt konnte er sie in der Nähe sehen, in Tränen aufgelöst, erschöpft von Nachtwachen, fast all ihrer Kraft und ihrer letzten Hoffnung beraubt. Aber mit festem Griff nahm sie Kallems Hand, mit starkem, tiefem Blick sah sie ihm in die Augen, in grenzenlosem Schmerz, in verhaltener Bewegung nickte sie nur; sprechen konnte sie nicht. Nie ist einem Menschen wärmer gedankt worden. Ebenso nahm sie die Hand Ragnis; und Ragni erschrak; denn sie wußte in ihrem Innern, daß sie es nicht verdiene. Die Witwe eilte an den andern vorbei, der Stadt zu; Sören Pedersen und Aase hatten Mühe ihr zu folgen. Ragni aber nahm Kallems Arm; sie hätte sich ihm an die Brust werfen und laut weinen mögen.