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Kristen Larssens Haus stand leer; kein Käufer oder Mieter fand sich. Das Unheimliche, das ihm anhaftete, fiel auch auf die zurück, die seine Freunde gewesen waren. Hätte Sören Pedersen nicht größere Kundschaft auf dem Land als in der Stadt gehabt, es wäre ihm schlecht ergangen. Ragni merkte nicht, daß man sie in dieser Zeit noch mehr beobachtete, noch mehr über sie sprach, als vorher; sie war nicht im mindesten vorsichtig. Schon daß Pastors nicht mit ihnen verkehrten, machte sie zur Zielscheibe des Klatsches; etwas Neues durfte nicht mehr hinzukommen.

Gegen das, worauf man jetzt verfiel, war sie wehrlos, weil sie nichts davon ahnte. Wenn sie und Karl Meek Hand in Hand Schlittschuh liefen, wenn er sie zum Lachen brachte, während er ihr die Schlittschuhe anzog, oder wenn sie versuchte, ihn hinunterzupuffen, während sie, jeder auf einer Kufe, auf des Doktors Schlitten standen; oder wenn sie zusammen Kjaelke[8] fuhren oder, — war Besuch da — vierhändig spielten: immer hatte man einen Blick aufgefangen, der nicht mißzuverstehen war, oder ein Wort gehört, das eine Nebenbedeutung hatte, oder Freiheiten beobachtet, die nur möglich waren zwischen Menschen, die an noch größere gewöhnt waren. Das erste Mal mit einem Zimmerherrn, nun wieder mit einem — was konnte Kallem anders erwarten? Das war nur seine gerechte Strafe.

Sören Kules Familie stand an der Spitze; es war eine im ganzen Oberland verbreitete Familie, die eine blühende Phantasie hatte, besonders in sinnlichen Dingen.

Man mußte nur Lilli Bing loslegen hören, wie Ragni Kule seinerzeit "Abend für Abend" zu dem Studenten Kallem auf sein Zimmer ging; es lag ja auf demselben Flur. "Mein Gott, was war denn Schlimmes dabei, wenn sie sich liebten? Wer konnte es auch mit dem widerwärtigen Sören aushalten!"

Daß die jetzige Frau Kallem nicht einmal über den Korridor zu gehen brauchte, ließ sie immer dabei durchblicken. Einmal sagte sie: "Wenn sie keine Kinder kriegt, was schadet's denn eigentlich!" Daß keiner von denen, über die es herging, etwas davon hörte?

Daß nicht einer von den üblichen anonymen Briefen hereinplatzte! Das eine läßt sich nur damit erklären, daß sie fast keinen Umgang hatten, das andere damit, daß man vielleicht glaubte, Kallem würde sich nicht darum kümmern; Freidenker haben ja meist lockere Begriffe in sittlicher Beziehung! Im Frühjahr sah man Kallem seine Frau und Karl Meek zum Dampfschiff begleiten; sie fuhren hinüber zum anderen Ufer; Montag früh sah man, wie er sie an der Brücke wieder abholte. Man wußte, daß er selbst den ganzen Tag auswärts war und die beiden den ganzen Tag in Haus und Garten zusammen steckten.

Karl bestand sein Examen recht gut, wenn auch unter allseitiger Spannung; der Tag nahte, an dem er seine Freunde verlassen mußte. Ragni hatte im ganzen Freude an dem Zusammensein mit ihm gehabt; aber sein unsteter Fleiß hatte ihr Mühe verursacht, und sein leidenschaftliches Wesen nahm mit der Körperkraft noch zu. Seine tiefe Ergebenheit für sie dämpfte es; aber auch die Form dieser Ergebenheit peinigte sie oft; sie liebte Gleichmäßigkeit und Frieden. Sie prophezeite ihm, es werde ihm einmal schlimm ergehen; er führe viel zu große Segel.

Sie sehnte sich nach dem Alleinsein. Als sie es Kallem sagte, neckte er sie: nach drei Wochen werde sie Karl vermissen. Karl wollte jetzt, in den Sommerferien, zu Hause sein, dann aber nach Deutschland gehen, um sich der Musik zu widmen. Obgleich er sich daran gewöhnt hatte, unter Ragnis Augen zu denken und zu leben, — im Kampf mit ihr, im Gehorsam gegen sie, und immer voll Anbetung für sie, so freute er sich doch darauf, selbständig zu werden. Die Trennung würde keine Schwierigkeiten machen.

Da geschah es, daß er an einem der letzten Tage bei einem Freund war, dem einzigen, mit dem er dann und wann noch zusammenkam, seit er in Kallems Hause wohnte; und als er von seiner Abreise sprach, sagte der Freund: "Was ist denn eigentlich mit Dir und Frau Kallem?" Karl verstand nicht, was er meinte, und floß über von Lobpreisungen und Bewunderung für sie. Der andere unterbrach ihn. "Ja, ja, das weiß ich alles! Aber — offen gesagt — hast Du nicht ein Verhältnis mit ihr? Die Leute sagen es." Karl fuhr auf! Was unterstand er sich? Er solle Rechenschaft ablegen für seine Worte! Aber es war des Freundes ernstliche Absicht, Karl zu warnen; er habe selber erst kürzlich von dem Gerücht erfahren; allgemein verbreitet sei es noch nicht. Geduldig ertrug er Karls Raserei und machte ihm klar: er könne es nicht anders erwarten, als daß die Leute sich — bei ihrer beiderseitigen Unvorsichtigkeit — allerhand dächten. — —