Zu Haus bei Kallem begriff man nicht, was auf einmal in Karl gefahren war. Die paar letzten Tage kam er nie zu ihnen herein, war selten daheim, und war wieder ebenso stumm, scheu und finster wie damals, als er ins Haus zog. Der nächstliegende Gedanke war ja, daß er unglücklich war über die Trennung, besonders von Ragni; aber es war doch merkwürdig, daß die Verzweiflung genau zwischen drei und fünf Uhr am Mittwoch Nachmittag begonnen hatte! Um drei hatten sie in heiterster Stimmung miteinander vierhändig gespielt; um fünf wollte sie etwas aus seinem letzten Examenfach mit ihm durchnehmen; und da war er so sinnlos geistesabwesend nach Hause gekommen, daß sie es aufgeben mußte. Und so war er seitdem immer. Kallem neckte Ragni damit, daß der Junge verliebt sei; eben vor des "Abschieds bittrer Stunde" sei es in ihm aufgeblüht. Und er sang: "Zwei Drosseln saßen im Buchenlaub" und prophezeite, daß sie in allernächster Zeit eine Liebeserklärung bekommen würde, wahrscheinlich in Versen — er habe selbst seinerzeit mehrere verbrochen. Vielleicht würde Karl sich auch erschießen. Sie solle sich nur ja nicht einbilden, daß jemand in dem Alter billiger von ihrer schiefen Nase als mit einem kleinen Herzensschnupfen loskomme.
Wenn der Junge dasaß und sie in fürchterlichem Schweigen anstarrte, nicht aß, nicht sprach; wenn er den Schwermütigen spielte und sich von ihnen in die Einsamkeit zurückzog, sagte Kallem: "Hu! Das Leben ist schwarz!" Er ahmte den Jungen nach, sah sie mit ersterbenden Augen an, seufzte über drei Treppenstufen herauf, durchwühlte mit beiden Händen sein Haar und heulte. Gegen Karl selbst jedoch war er die Herzlichkeit selbst.
In der Stunde der Trennung aber hörte aller Spaß auf; denn Karl war so verzweifelt vor Schmerz, daß man überhaupt nicht mit ihm sprechen konnte und den Abschied nur möglichst beschleunigen mußte. Ragni wollte nicht mit zum Bahnhof fahren; sie fürchtete sich vor seinen Überschwenglichkeiten. Aber als Karl sah, daß sie auf der Treppe stehen blieb, sprang er aus dem Wagen und noch einmal zu ihr hinauf. Sie wich zurück, er kam ihr nach, sah sie an und weinte so, daß das Mädchen, das etwas weiter hinten stand, wirkliches Mitleid mit ihm empfand und ebenfalls zu weinen anfing. Ragni wurde kalt und stumm; sie konnte nicht ahnen, daß Karl in diesem Augenblick das Schönste tat, was er je getan, das Tiefste fühlte, was er je gefühlt hatte.
Auf dem Bahnhof bemerkten verschiedene Leute seine Verzweiflung, sowie Kallems Ernst. Besonders aber auch, daß Ragni nicht mitgekommen war. Ob Kallem es nun erfahren hatte?
Dieser Abschluß ihres Zusammenlebens mit Karl Meek hinterließ einen unangenehmen Nachgeschmack. Sie sprachen nicht gern von ihm, ja, sie machten sich beide Gedanken darüber, ob sie sich eigentlich auf einen solchen Versuch hätten einlassen sollen; sie hätten vielleicht voraussehen müssen, daß es so enden würde. Doch davon sagte keines etwas zum andern. Ihr eigenes Zusammenleben wurde inniger; nie war Kallem soviel zu Hause gewesen wie jetzt, noch nie hatte er ein solches Verständnis für alles gehabt, was sie anging.
Der Sommer wurde ganz dem "Fieberpavillon" gewidmet; sie konnten sich beide nicht satt daran sehen, wie er gebaut wurde, wie man ihn einrichtete, wie man alles zum Gebrauch fertig machte. Jetzt, seit alle Sommerzelte aufgeschlagen waren, war die gute Einrichtung und Ordnung des Krankenhauses in aller Munde.
Aber während sie so allein waren und ihre Zeit zwischen dem Krankenhaus, ihren Studien, dem Garten und dem Klavier teilten, drängte sich, gerade weil sie allein waren, zwischen alle ihre Interessen ein Gedanke, den sie beide längst gedacht hatten, und der immer mehr wuchs, eben weil er nie ausgesprochen wurde. Bald konnten sie nicht mehr Zusammensein, ohne daß der eine etwas davon in den Augen des andern zu lesen glaubte.
Weshalb hatten sie kein Kind? Lag der Fehler an Ragni? Wollte sie nichts dafür tun?
Er hatte sich nach und nach davon überzeugt, sie sei zu scheu, als daß er den Anfang hätte machen dürfen. Warum wagte sie nicht selbst davon zu sprechen? Warum wagte sie nicht einmal den Wunsch zu verraten, davon zu sprechen, damit er ihr hätte weiterhelfen können? Was war der Grund? Die Angst vor der Untersuchung — vor der Operation? Er sah sie selten, ohne daß er fühlte: jetzt dachte sie daran. Und sie wieder fühlte: er entbehrt das Kind. —