Ende August erhielt Ragni einen dicken Brief aus Berlin — von Karl Meek! Er war ihnen beiden willkommen, ja, mehr als sie sich zuerst eingestehen mochten.
Karl hatte die Festspiele in Bayreuth besucht und schilderte nun seine Eindrücke in glühenden Farben und mit überschwenglichen Worten. Der ganze Brief handelte nur davon, zuletzt vier bis fünf Zeilen des Dankes, Grüße, und schließlich die Frage: "Darf ich Ihnen öfter schreiben?" Beide merkten sofort, daß die vier oder fünf Zeilen den eigentlichen Brief bildeten, und alles andere nur geistreiche Einkleidung war. Gerade das gefiel Kallem, und er äußerte den Wunsch, daß sie mit ihm in Briefwechsel treten solle. Das könne ihm in mehr als einer Hinsicht während seines Aufenthaltes im Ausland von Nutzen sein.
Ohne besondere Lust, wie oft in der Zeit, als sie noch mit Karl gearbeitet hatte, mehr aus Gehorsam und Güte setzte sie sich hin, schrieb — humoristisch — weil sie so am besten damit fertig wurde, und erhielt Antwort — erst eine, dann noch eine, lange Antworten, ganze Tagebücher.
An einem der ersten Oktobertage war Ragni im Garten, um Obst und Gemüse zu ernten. Sie ging gerade auf den Zaun am Kirchweg zu, als ein Wagen langsam vorüberfuhr. Darin saß ein vierschrötiger Kerl, der sich vom Rumpeln des Wagens hin- und herwerfen ließ, wie Milch in einem Butterfaß. Ragnis Tauben schwirrten eben vom Kirchendach über den Wagen weg aufs Haus zu; bei dem eigentümlichen Laut des Flügelrauschens wandte der Fremde den Kopf nach der Richtung, in der sie flogen. "Waren das nicht Tauben?" fragte er, und der Kutscher antwortete.
Ragni wollte eben auf eine Leiter steigen, um Äpfel zu brechen; aber sie mußte sich festhalten. Diese schwere Stimme, dieser langsame Takt, diese nordländische Einförmigkeit — das war Sören Kule! Seine blinden Augen waren halb nach der Richtung der Tauben gewandt, halb dahin, von wo die Antwort kam, während der Wagen schlottrig weiterrumpelte.
Sören Kule hier? Ein blinder, halbgelähmter Mann ist nicht auf Reisen! Ob ihn die doppelte Erbschaft, die ihm zugefallen war, hierhergeführt hatte?
Bald darauf kam Kallem. Auch er war Kule begegnet; sie sah es ihm sofort an — und er sah sofort, daß sie in die Wohnstube geflüchtet war, um sich zu verbergen. Da trafen sie einander; sie preßte ihren Kopf an seine Brust; sie witterte böse Geister in der Luft.
Kallem sagte sich: falls Sören Kule eine von den Besitzungen übernimmt, die den Geschwistern zugefallen sind, also hierherzieht, dann hat Josefine ihre Hand dabei im Spiel; da ist ihr "Gerechtigkeitsgefühl" bei der Arbeit gewesen!
Denn er empfand: der einzige Mensch auf Erden, gegen den er unrecht gehandelt hatte, ohne es wieder gutzumachen, war dieser blinde Mann.
Ich will ihn aufsuchen, dachte er. Ich will offen und ehrlich mit ihm reden. Dann kann ich ihm zugleich begreiflich machen, daß er um Ragnis willen nicht seinen Wohnsitz hier haben darf.