Er erfuhr bald, wo Kule wohnte: in dem Haus gleich hinter ihnen; im Park neben dem Krankenhaus!
Dieser Teil der Erbschaft also war ihm zugefallen! Und in solcher Nähe sollten sie ihn jetzt täglich haben! Lange ging er umher, um seine Selbstbeherrschung wieder zu gewinnen; aber noch als er vor dem Haus stand, war er so aufgeregt, daß er mühsam an sich halten mußte. Ein kleines zweistöckiges Backsteinhaus mit einem Garten davor. Im Hausflur hörte er von der Küche her das Geräusch des Aufwaschens und sah hinein; da stand das nordländische Hünenweib mit aufgestreiften Ärmeln, so unverändert, als hätten sie sich erst gestern gesehen. Als die Tür aufging, sah sie sich um und erkannte sofort den großen Brillenmann mit der krummen Nase und den dichten Augenbrauen wieder; sie lächelte und wandte sich ganz nach ihm um. "Ei, wirklich — der Herr Kallem?" sagte sie singend. "Ja." — "Gestern hab' ich's gehört, daß Sie hier wohnen." Ihr Lächeln wurde breiter. Du Tranfisch Du! dachte er, Du hast es schon längst gewußt! "Wann sind Sie angekommen?" — "Gestern." — "Von Kristiania?" — "Ja, von Kristiania. Kule hat das Haus hier geerbt; und das Leben soll hier billiger sein." Hinter Kallem öffnete sich eine Tür; er wandte sich um. Ein vierschrötiger Kerl mit kleinen schlauen Augen, die mißtrauisch dreinsahen, streckte vorsichtig seinen Kopf aus der Zimmertür. Kallem schloß die Küchentür; der andere trat in den Flur und machte die Stubentür hinter sich zu; dann standen sie einander gegenüber. Aber die Küchentür öffnete sich wieder und die Nordlandköchin guckte heraus und lächelte dem Vierschrötigen zu. Kallem ahnte ein süßes Geheimnis. "Ist das Dein Mann?" — "Ja, seit'n Sommer." Der Bursche sah wie ein Seemann aus. "Ist Herr Kule zu sprechen?" Der Vierschrötige setzte eine feierliche Miene auf; er wollte hineingehen und fragen. Er blieb lange fort, Kallem hörte, daß drinnen unterhandelt wurde. Bald vernahm er Kules schleppende Stimme, bald die knappen, trockenen, in Trondhjemer Dialekt gesprochenen Worte des andern, beides gedämpft. Inzwischen erzählte Oline, ihr Mann sei ursprünglich Seminarist gewesen, habe das Steuermannsexamen gemacht, spräche Spanisch und sei Kules Sekretär und Bevollmächtigter. Dann erzählte sie, daß "die Kinderchens" im Westland in Frau Rendalens Pensionat seien, d. h. es gehöre jetzt nicht mehr Frau Rendalen, sondern dem Sohn, "dem Herrn, der auch mal bei uns gewohnt hat". Und plötzlich fragte sie: "Na, und die gnäd'ge Frau? Was macht denn die gnäd'ge Frau? So haben Sie sich doch noch gekriegt, wa—as? Das wird aber eine Freude werden!" Jetzt öffnete sich die Tür, der Vierschrötige stellte sich draußen auf, und Kallem ging an ihm vorbei zu Kule hinein.
Kule saß in demselben plumpen Rollstuhl mit demselben Brett vor den Beinen; dieselben spanischen Bilder an der Wand; dieselben Möbel, nur daß sie einen andern verblichenen Überzug hatten. Nur kein Flügel und kein Kinderspielzeug.
Kule selber war grau und bedeutend dicker geworden. Die "Flossen" lagen auf den Armlehnen, wie gewöhnlich; eine riesige Tabakspfeife stand unbenutzt daneben.
Kallem nannte seinen Namen; Kule antwortete nicht. Aber eine kleine Bewegung der gesunden Hand und ein paar heisere stöhnende Laute deuteten an, daß die Wogen in ihm hoch gingen.
Auch Kallem mußte sich zusammennehmen, damit er ruhig bleibe. Um die Qual abzukürzen, sagte er sofort, Herr Kule wisse vielleicht nicht, daß sie Nachbarn seien. — Doch, das wisse er. — "Das hätte ich nicht gedacht," erwiderte Kallem und ließ den Ton seiner Worte erklären, was er damit meine. Kule schwieg.
"— Sie werden hier wohnen bleiben?"
"Ja."
Kallem blickte in das blinde Gesicht; es war kalt und verschlossen. Er fühlte, es war unmöglich, auch nur einen Funken Mitleid mit Ragni darin zu erwecken. Ein entsetzlicher Widerwille packte ihn. "Dann habe ich nichts weiter zu sagen!" sprach er und erhob sich.
Die Küchentür stand halboffen. "Bitte, auch 'n schönen Gruß an die Gnä—di—ge!"