Erst draußen erinnerte sich Kallem seiner ursprünglichen Absicht; aber diese neue Roheit Kules befreite ihn davon. Also — fortan war er ihr Nachbar. So hieß es eben versuchen, die eigene Vergangenheit zu tragen, wie andere auch.

Er wanderte zur Stadt hinaus; er hatte nicht den Mut, sogleich nach Haus zu gehen. Schlechtigkeit ertrug sie nicht — in keiner Form. Er mußte erst überlegen, wie er es ihr beibringen sollte.

Ragni war im Studierzimmer und hatte schon längst die Lampe angezündet, als er heimkam. Sie las ihr Urteil sogleich auf seinem Gesicht — ja, sie hatte es schon an seinem Schritt gehört. Sie sank in einen Sessel, und ihr war, als sei von nun an alle Freude dahin.

Er versuchte, ihr klarzumachen, daß sie, eben weil sie schuldlos war, nichts zu fürchten brauche. Sie schüttelte nur den Kopf. Das war es ja nicht. Nein, die Schlechtigkeit war es, die konnte sie nicht ertragen, die Kälte. Und sie erinnerte ihn an das, was er selber an Kristen Larssens Grab gesagt hatte.

Aber sie könnten sich doch nicht mit Kristen Larssen vergleichen? Sie hätten doch vieles, was Wärme gab. Freilich — aber der gute Ruf! "Wenn sie mir den nehmen, nehmen sie mir auch alle Wärme!" Und nach einer Pause fuhr sie fort: "Das ist — die Kälte!" Sie weinte nicht, wie sie es sonst so leicht tat.

"Dann ziehen wir fort!" rief Kallem.

Als wenn sie das schon lang erwogen hätte, antwortete sie: "Wo gibt es einen Arzt, der so reich wäre, daß er alles, was Du hier hineingesteckt hast, kaufen könnte? Und Deine Arbeit? Für die Du lebst, die Dich glücklich macht? Nein, Edvard!" — "Aber wenn Du unglücklich bist, kann ich nichts mehr leisten." Und er küßte sie. Sie antwortete nicht. "Woran denkst Du?" — "Ich glaube doch, daß Du's kannst." — "Was?" — "Ohne mich arbeiten und glücklich werden!" erwiderte sie und brach in Tränen aus. Er zog sie dicht an sich und wartete; sie mußte ja fühlen, daß sie ihm wehgetan hatte. "Eigentlich passe ich nicht zu Dir!" — "Aber Ragni!" — "Ja, als Dein guter Kamerad — der beste, den Du auf Erden hast! Wenn ich es doch lange sein dürfte!" —

Sie schmiegte sich eng an ihn, als wolle sie ihm das Siegel des Schweigens auf den Mund drücken.

[10]

Am nächsten Tag war Nebel. Obwohl Ragni gut und traumlos geschlafen hatte, war ihr doch der Kopf schwer. Sie ging umher und sah alles nur in dem kalten Licht von gestern; nirgends mehr ein Glanz über den Dingen. Erst wollte sie gar nicht in die Küche hinaus; sie bildete sich ein, man könne von dort das Haus sehen, in dem Kule wohnte. Schließlich wurde ihr das aber doch zweifelhaft, und sie getraute sich hinaus; nein, es war nicht zu sehen. Dann wagte sie nicht ihre Morgenrunde durch den Garten zu machen; er konnte ja vielleicht gerade vorüberfahren. Endlich setzte sie sich an den Flügel, stand aber wieder auf, ohne gespielt zu haben. Sie schrieb einen Brief an Karl; sie war ihm auf zwei Briefe Antwort schuldig, und irgend etwas mußte sie ja vornehmen. Sie schrieb — aus ihrer Stimmung heraus — Schlechtigkeit in jeder Form, wie Lüge, Verrat, Hinterlist, herrschsüchtige Verfolgung, Tücke, Betrug — sei Todeskälte. Die sei es, gegen die wir kämpften. Leben sei Wärme. Manche Menschen seien mehr anfällig für Erkältungen als andere, gerade wie der eine empfänglich sei für Tuberkulose und der andere nicht; und sie sei sicher eine von jenen Unglücklichen. Von frühster Kindheit an habe sie den Hauch der Kälte gespürt, und zuletzt würde wohl dieser kalte Strom stärker werden als die Wärme, die sie ihm als Widerstand entgegenzusetzen vermöge; das sei die ganze Frage.