Der Brief war nicht lang; denn während sie so an ihre Kindheit dachte und an das, was sie später durchgemacht hatte bis zu ihrer Verheiratung mit Kule, kam ihr die Lust, es aufzuschreiben, um es gelegentlich einmal in Kallems treues Gedächtnis niederzulegen. Mündlich erzählen konnte sie es nicht; aber es aufschreiben — ja, jetzt konnte sie es. Auch trieb sie eine unbestimmte Furcht, und noch am selben Tage fing sie an.
Sie bot ihre ganze Kraft auf, um ruhig und gefaßt zu sein, als Kallem nach Hause kam. Er sah sie forschend an, war aber selbst in größter Spannung — einer ganz anderen, neuen Sache wegen. Er wollte eine Operation vornehmen, an deren Gelingen die beiden anderen Ärzte und noch ein dritter, der von weither geholt worden war, Zweifel hegten.
Einer der angesehensten Männer der Umgegend, Oberst Bajer, litt seit etwa einem Monat an Magenhautentzündung mit Anzeichen von Septichämie. Doktor Arentz war sein Hausarzt und behandelte ihn in der üblichen Weise mit Wasserumschlägen und Opium. Aber die Krankheit wurde bedenklich und Arentz riet, Kallem zu Rate zu ziehen. Die Frau des Obersten widersetzte sich — nicht gerade, weil sie eine eifrige Christin war, sondern weil ihr Kallem an sich unsympathisch war. Sie war ein gutes, warmherziges Wesen, aber hysterisch, und solche Menschen ergreifen leicht Partei für oder wider. Pastor Tuft hatte sie einmal gerettet; sie war krank gewesen an Schwäche, nichts wollte helfen, bis er gekommen war und ihren Willen durch den Glauben gestärkt hatte — eine Tatsache, die niemand bestreiten konnte; seitdem schwärmte sie für ihn.
Der Arzt des Nachbarbezirks und Doktor Kent wurden zugezogen; aber beide waren ehrlich genug, einzugestehen, daß nichts mehr zu machen sei; der Oberst sei ein Todeskandidat und eine Operation unmöglich.
Jetzt siegte die Liebe zum Gatten über allen Widerwillen; sie ließ anspannen und fuhr selbst zu Kallem, der sich sofort und unbedingt bereit erklärte, die Operation vorzunehmen. Ohne sich von den Einwendungen der andern abhalten zu lassen, öffnete er die Bauchhöhle und fand Eiter; dann öffnete er den Dickdarm. Besonders da die andern abgeraten hatten, erforderte dies Ereignis seine ganze Charakterstärke. Der Oberst war als Ehrenmann bekannt, in Stadt und Land nahm man Anteil, und der Zustand der Frau war derartig, daß sie wahnsinnig werden mußte, wenn der Mann starb. Ihre Abneigung gegen Kallem schlug in unbegrenztes Vertrauen um; es war, als habe seine Nähe sie magnetisiert. Alles das erfüllte Kallem mit tiefer Besorgnis.
Nun hatte Ragni an anderes zu denken als an sich selbst; denn sie sah, welche Seelenqual das Gefühl der Verantwortung unmittelbar vor der Operation und mehr noch in den Tagen nachher in ihm erregte. In solchen Zeiten hielt sie mit seltener Kunst alles Kleinliche von ihm fern, ermutigte ihn, heiterte ihn auf, lebte überhaupt ausschließlich für ihn. Einem solchen Mann etwas sein zu können — das war "Wärme" genug!
Der Oberst erholte sich; Kallem war bei übersprudelnder Laune. Ragni spielte wieder, nahm ihre übrigen Arbeiten wieder auf, ja, sie wagte sich sogar in den Garten und ließ die Augen zu dem Haus oben hinüberschweifen. Sie hörte den Wagen vorbeirollen, ohne mehr als höchstens ein ganz klein bißchen zu zittern; sie wurde von der Nordlandsköchin, die mit ihrem Korb auf den Markt ging, angesprochen, und obgleich sie dabei ein Gefühl hatte, als werde sie von einer Schlange gebissen, starb sie doch nicht daran. Es kam sogar der Tag, da sie mit ihr plaudern konnte, zuletzt konnte sie sogar jeden Morgen ihr Kommen abwarten, ohne davonzulaufen. Das geschah nicht etwa aus Mut — beileibe nicht — aber es geschah; und sie fühlte sich wohl dabei.
Das Wetter schlug um und kehrte seine allerrauhste Seite hervor. Die Blätter stoben im Nordwind, die Erde war festgefroren und jeden Morgen mit Reif bedeckt. Die Öfen zogen, daß es nur so krachte, und ihr Prasseln wetteiferte mit dem Wagengerassel, das draußen über den hohlen Boden zog. Jeden Tag fragte man sich, ob man nicht die Doppelfenster einsetzen und die Verandatür schließen solle. Und jeden Tag schob man es wieder auf; wer weiß — vielleicht kamen noch schöne Tage!
Eines Tages brachte die Post Ragni Briefe aus Amerika, aus Nordland und aus Berlin; einer war von Karl. Sie hatte alle geöffnet, aber keinen gelesen; es war zu vielerlei zu tun, damit das Haus für den Winter in Ordnung komme. Den Brief der Schwester las sie aber doch am Nachmittag; und er machte sie betrübt; der Schwester ging es nicht gut. Ragni dachte daran, sie zu sich zu nehmen. Die letzten zwei oder drei Briefe von Karl hatten stark nach Heimweh geschmeckt; er war schwermütig, und sie hatte deshalb nicht sonderliche Lust, seinen neuesten Brief zu lesen. Sie war gerade mitten in einem amerikanischen Roman, einem der besten von Howell; es war ein tiefeindringendes, spannendes Seelengemälde; und so nahm sie zuerst ihr Buch vor, als sie sich gegen Abend ins Studierzimmer setzte. Aber etwas in der Erzählung erinnerte sie an Karl; sie legte das Buch weg und nahm seinen Brief vor. Wie immer, ganze Bogen, auch recht interessant, aber der Ton geradezu seelisch krank. Als sie an den letzten Bogen kam, sah sie darüber in roter Tinte die Worte: "Bitte allein lesen!"
Er schrieb: "Seit ich Ihren Brief über die 'Kälte der Schlechtigkeit' erhalten habe, war ich in Zweifel, ob ich Ihnen sagen solle, daß ich es sogleich verstanden habe. Ich habe schon längst gewußt, was man von uns gesagt hat. Solch eine rohe Verleumdung! Das war es, was mich diesen Sommer beinahe zum Wahnsinn getrieben hat, als ich es — kurz vor unserer Trennung — erfuhr. Ist es nicht furchtbar? Damals dachte ich, es könne überhaupt nichts mehr kommen, was mich noch tiefer treffen könnte; aber nun ist doch noch etwas gekommen: auch Sie haben es erfahren! Denn natürlich ist das der Sinn ihres Briefes.