Wochenlang habe ich hin- und hergesonnen. Aber um meinet- und um Ihretwillen ist es besser, wenn wir davon sprechen. Lassen Sie Kallem nichts davon erfahren! Ich schäme mich so entsetzlich — ich bin so unglücklich — ach, wenn Sie wüßten, wie unglücklich ich bin! — Aber ihm wollen wir es ersparen!
Darum schreib' ich das auf einen besonderen Bogen; ich werd' es fortan immer so machen. Auch des andern wegen, das nun kommt, Sie Liebe, Liebste!
Von der ersten Zeit an, als Sie so gut zu mir waren, hab' ich Sie unendlich lieb gehabt. Ich hätte nie gedacht, daß ich Sie oder überhaupt einen Menschen noch lieber haben könnte. Jetzt aber sind wir in dieser Schmach und diesem Schmerz gleichsam miteinander verschmolzen; wir beide sind die einzigen, die darum wissen; und jetzt, — Gott ist mein Zeuge! — lebe und leide und arbeite ich nur noch in Gedanken an Sie! Immer sind Sie um mich — vom Morgen bis zum Abend und bis in den Traum meiner Nächte!
Ich liebe, liebe, liebe Sie! Ich schreib' es — unter Tränen. Ich liebe Sie — ich liebe Sie — ich liebe Sie!
Vielleicht erschreckt Sie das Wort, erschreckt Sie mehr als das andere, das es heraufbeschworen hat! Aber wenn Sie wüßten, welch eine Wonne es für mich ist, es bloß niederschreiben zu dürfen, bloß zu wissen, daß Sie es lesen! Sie sind so gut — Sie wissen, welch grenzenlose Ehrfurcht ich vor Ihnen habe — — —"
Als Kallem um acht Uhr nach Hause kam, stand der Abendtisch im Eßzimmer gedeckt; im Studierzimmer war geheizt und die Lampe angezündet; aber beide Zimmer waren leer; in der Wohnstube war es dunkel. Sigrid brachte den Tee und berichtete, Frau Doktor seien zu Bett gegangen. — "Zu Bett? Fehlt ihr etwas?" — "Ich glaube, sie war nur müde."
Kallem eilte sofort hinauf. Es war dunkel; doch im Mondschein sah er einen Arm im weißen Nachthemd sich ihm entgegenstrecken. "Verzeih!" sagte sie. "Ich war so müde; und dann hatte ich auch einen Brief von meiner Schwester, der mich traurig gemacht hat. Nein, mach' kein Licht, bitte! Es ist so schön so!" — Was für ein frischer, gesunder Duft von ihm ausströmte! Wie voll Kraft seine Stimme klang, während er antwortete: "Von Deiner Schwester?" — "Ja, sie fühlt sich unglücklich da oben." — "Wie wär's, wenn wir sie zu uns nähmen?" — "Ich wollte Dich eben darum bitten. Wie gut Du bist!" — Sie weinte. — "Aber Schatz, warum weinst Du denn? Glaub' mir, der einzige Grund, weshalb ich das nicht schon lange vorgeschlagen habe, war Dein Wunsch, wir sollten allein sein miteinander." — "Ja, das ist ja auch das Allerschönste! Aber wenn nun eins von uns krank wird?" — "Dummes Zeug! Wir werden nicht krank! Du bist doch so wohl jetzt! Die Stirn ist ein bißchen warm! Laß mal Deinen Puls fühlen! Na ja, ein bißchen Ruhe hast Du nötig, weiter nichts. Es war ganz richtig, daß Du zu Bett gegangen bist. Ich gehe jetzt hinunter und esse; ich habe einen Bärenhunger. Dann hast Du Ruhe. Karl hat geschrieben?" — "Ja. Der Brief liegt auf Deinem Schreibtisch." — "Schön! Ich werd' ihn beim Essen lesen. Nachher hab' ich noch viel zu tun. Gutnacht, Kleines!" — Er küßte sie; Ragni schlang beide Arme um seinen Hals, zog seinen Kopf dichter zu sich heran und küßte ihn. "Du herrlicher Mensch!"
Er ging. Sie hörte seine raschen Schritte auf der Treppe und unten im Korridor, hörte, wie er die Tür öffnete und hinter sich schloß.
Wieder dieser Schmerz in der Brust, den sein Kommen gemildert, sein Schritt verscheucht hatte! Etwas Schweres, Entsetzliches — nie wieder würde sie es los werden — und dabei fror sie so. Die Kälte, die Kälte, die Kälte — jetzt war sie ihr bis ins Innerste gedrungen. Jetzt begriff sie — zu Eis erstarrend — weshalb der "Walfisch" gekommen war und sich in das kleine Haus nebenan gewälzt hatte und nicht wieder hinaus wollte. Jetzt wußte sie, weshalb die andern das zugegeben hatten.
"Gott, ach Gott — wie hat das nur kommen können? Was hab' ich denn getan?" klagte sie und verkroch sich vor sich selber. Wie ein Flüstern durch Meeresbrandung tönten Karls Liebesworte hindurch. Armer Junge! Da lag sie — im Dunkeln — damit keiner sie sah — damit sie nachdenken konnte. Was sollte sie tun? Den letzten Bogen hatte sie herausgenommen. Sollte sie ihn Kallem zeigen?