"Also," sagte sie, ohne ihn anzusehen, "Du kennst nun die Bedingung. Solche Märchen, wie die Spukgeschichte von Kristen Larssen ... erzählst Du, und hast sie dabei nicht einmal untersucht. Und genau so ist es mit den Märchen vom Paradiese, an die glaubst Du nicht einmal und erzählst sie doch. Kann ich Achtung haben vor so etwas? Da ist mein Bruder doch ein anderer Mensch! Der ist doch aufrichtig. Kommst Du meinem Jungen noch weiterhin mit solchen Märchen, ohne ihm zu sagen, daß es Märchen sind," — und jetzt wandte sie sich um — "so ist es aus mit uns beiden, Ole! Bei Gott, es ist aus! Niemals wird es Dir gelingen, ihn mir wegzunehmen durch so etwas!" Sie trat auf ihn zu. "Darin gebe ich nie und nimmer nach, Ole!" Sie ging.


Am selben Sonntag und zur selben Zeit kam Kallem nach Hause zum Mittagessen, das bei ihm etwas später lag als bei seinem Schwager.

Schon durch die Küchentür sah er Ragni in einer großen Schürze, die bis unters Kinn reichte, am Küchentisch stehen und Gemüse putzen. Er legte im Flur ab und ging zu ihr hinein; in letzter Zeit war in ihm eine stetig wachsende Angst, die er ihr jedoch verbarg. War es die weiße Schürze, die einen so bleichen Schein über sie warf, oder der Dampf von Sigrids Braten — Ragni sah entsetzlich schlecht aus. Und sie hatte sicher geweint! Das schnitt ihm ins Herz. Sie sah nicht von ihrer Arbeit auf, sondern sagte: "Wir haben einen Gast zu Tisch." — "So?" — "Ja, Otto Meek, Karls Vater, ist heut Vormittag dagewesen und kommt zum Essen." — "Wie geht's denn Karl?" — "Nicht gut. Da kommt ja Herr Meek." Der große Kopf in der Pelzmütze tauchte jenseits des Zaunes auf; jetzt trat Meek in den Garten; und Kallem ging ihm entgegen. Früher, als Meek noch praktizierte, hatte auch er sich besonders mit Brustkrankheiten befaßt, die in dieser Gegend des Landes nur allzu verbreitet waren, und er verfolgte Kallems Arbeit am Krankenhaus und seine Schriften mit reger Teilnahme; Kallem freute sich über sein Kommen. Während er ihm half, den Überzieher abzulegen, sagte er, Ragni habe ihm erzählt, es ginge Karl nicht gut. "Nein, es geht ihm nicht gut." — "Was ist es denn?" — "Ja, deshalb bin ich gerade gekommen," erwiderte Meek. — "Haben Sie mit meiner Frau darüber gesprochen?" — "Ja." Sie gingen beide ins Zimmer. Es war warm und gemütlich drin; der Flügel stand offen. Hatte sie gespielt, als Meek gekommen war? Dann konnte es ihr nicht so schlecht gehen, wie es aussah; er brannte darauf, sie zu untersuchen.

Meek war heute noch schwerfälliger und schweigsamer als gewöhnlich. "Na," sagte Kallem, "haben Sie sich über Karl geeinigt, Sie und meine Frau?" — Meek sah ein bißchen verwundert auf. "Sie meinen, daß man ihm schreiben soll?" — "Na ja, das auch. Es hat natürlich — wie schon oft — eine kleine Reiberei gegeben?" — "Ja", antwortete Meek und schwieg dann wieder. — "Sie denken wohl, ich wüßte etwas davon? Nein, mein Bester, keinen Schimmer!" Meek schien immer nachdenklicher zu werden. "Ich habe Ihrer Frau gesagt, sie müsse es Ihnen sagen. Es ist ja schön von ihr, daß sie es nicht getan hat. Aber die Sache fängt an, eine gefährliche Wendung zu nehmen." Seine schwermütigen Augen blickten in Kallems Augen. — "Gefährlich, sagen Sie?" — "Ja. Ich muß ihn nach Hause kommen lassen." — Kallem sprang von seinem Stuhl auf; Meek fuhr fort: "Es hat gar keinen Zweck, daß er dort ist." — "Aber, mein Gott, was ist denn los? Wollen Sie, daß wir es wieder mit ihm versuchen?" — Kallem dachte, der Junge habe möglicherweise einen Rückfall gehabt. Meek sah ihn forschend, beinah erschrocken an. "Wie geht es eigentlich Ihrer Frau?" Kallem wurde rot; das traf wie ein Schuß mitten in seine heimliche Angst. "Sie hat sich eine häßliche Erkältung zugezogen, die nicht weichen will; ich habe eine Zeitlang geglaubt, ... Wissen Sie was? Könnten Sie sie nicht einmal untersuchen?" Sein Zweifel war zur Gewißheit geworden; sein Herz schlug so, daß er selber sie nicht hätte untersuchen können. Meek sah ihn noch immer an; und Kallems Angst wurde immer größer. "Ich bitte Sie, wollen Sie sie nicht untersuchen?" — "Doch, natürlich. Sie haben es in der letzten Zeit nicht getan?" — "In der allerletzten Zeit nicht. Ich wollte sie nicht ängstigen. Ihre Phantasie bemächtigt sich gleich der Sache, und das ist bei ihr furchtbar gefährlich. Außerdem war da noch etwas anderes ... Aber jetzt werd' ich —" Er wollte hinausgehen und sie holen. "Haben Sie ihren Vater gekannt?" fragte Meek. Kallem überlief es kalt. "Haben Sie ...?" — "Ja. Ich war Fischerarzt dort oben." — "War er —?" fragte Kallem atemlos, und verschluckte den Schluß. Meek nickte bloß. Kallem griff sich mit beiden Händen an den Kopf, eilte nach der Tür, und kam wieder zurück: "Wollen Sie jetzt gleich, auf der Stelle, sie untersuchen, ja?" — "Wie Sie wünschen." — Kallem führte sie behutsam herein, ohne daß sie erst hatte die Schürze abbinden können; sanft zog er sie ans Fenster. Ja, sie hatte geweint. Und diese Ringe um die Augen, die Magerkeit, die Farbe —! Sie sah sein Entsetzen und deutete es falsch. Draußen in der Küche hatte sie gedacht: jetzt sprechen sie von Karl. Jetzt erfährt Kallem, was geschehen ist, und warum ich keine Briefe mehr von ihm haben will. Als sie nun Kallems Aufregung sah, dachte sie: ist er böse, weil ich nichts gesagt habe? Das konnte sie nicht ertragen; ihr wurde kalt und heiß. — "Liebe, liebste Ragni, darf Doktor Meek nicht mal Deine Brust untersuchen?" Also das war es —! Sie erschrak aufs heftigste und sah ihn wie ein wundes Tier an, das um Schonung fleht. Aber er bat wieder und begann behutsam ihr die große Schürze abzubinden; und gehorsam wie sie war, fügte sie sich.

Gleich an der ganzen Art, wie und wo Meek innehielt und wieder horchte, merkte Kallem, daß da etwas Entsetzliches über sie beide hereingebrochen war. Ihre verängstigten Blicke suchten die Augen des Gatten und vermehrten seinen eigenen Schmerz — ahnte sie es selbst? Oder war es ein Vorwurf, daß er einen andern das tun ließ?

Jetzt lag der große Kopf an ihrem Rücken. An der rechten Seite — da ... Verdichtung in der Lungenspitze? Kavernen im Gewebe? Er dachte sich das Schlimmste — und sie auch; das sah er. Wußte sie vielleicht mehr, als sie hatte sagen wollen? Verheimlichte sie ihm etwas, ebenso wie er seine Furcht verheimlichte? O Gott, so kummervoll fragend sucht kein Auge das andere, es sei denn in Todesangst! Auch ihn packte sie.

"Haben Sie in der letzten Zeit außergewöhnlich viel gehustet?" Sie schien unsicher, was sie antworten solle, und blickte flehend auf Kallem. Ihre Hände zitterten, und sie wollte es verbergen; Meek sah es. "Fühlen Sie sich sehr matt, wenn Sie spazieren gehen?" fragte er. Wieder blickte sie verzweifelt auf Kallem, als wolle sie ihn dafür um Verzeihung bitten. "Kommen Sie leicht außer Atem?" fuhr der andere fort. — "Ja." — "Fühlen Sie sich manchmal sehr entkräftet, — fast als ob Sie ohnmächtig werden wollten?" In schrecklicher Angst sah sie jetzt Kallem an. — "Sind Sie etwa schon in Ohnmacht gefallen?" — "Ja." — "Ist das wahr?" rief Kallem. — "Ja, heute", sagte sie hastig, mit zitternder Stimme. — "Nachdem ich mit Ihnen gesprochen hatte?" — "Ja. Ich wollte gern ein bißchen frische Luft schöpfen, und ..." Bei diesen Worten brachen die Tränen hervor.

Meek wartete eine Weile. "Wenn Sie husten, — haben Sie dann Schmerzen hier?" er zeigte auf das rechte Schlüsselbein. Sie nickte. "Haben Sie jemals Ihren Auswurf angesehen?" Sie antwortete nicht. "Haben Sie ihn nie angesehen?" — "Doch, gestern Abend." — "Nun, und — ?" Sie schwieg und starrte zu Boden. — "War Blut darin?" — Sie nickte; die Tränen liefen ihr über die Wangen; sie wagte nicht mehr aufzusehen.

Kallem stand da, unfähig zu sprechen. Meek fragte nicht weiter. Ragni ordnete ihre Toilette. Meek reichte ihr stillschweigend ein Tuch, das sie abgenommen hatte, als die Untersuchung begann. Und während sie hilflos dasaß und es wieder umzubinden versuchte, schien Kallem etwas einzufallen, was er im Arbeitszimmer holen mußte. Er kam nicht wieder. Sie wußte weshalb; und eine Weile zweifelte sie, ob sie überhaupt aufstehen könne, und hatte ein Gefühl, als würde sie wieder ohnmächtig werden; aber der Gedanke an ihn, der da drin in seinem Studierzimmer saß, überwand die Ohnmachtsanwandlung; sie wollte zu ihm. Sie bat Meek um Entschuldigung, stand auf, ging auf die Eßzimmertür zu und verschwand. Auch sie kam nicht wieder.