Meek wartete eine Weile, wartete lang und länger. Dann ging er auf den Flur, zog seinen Mantel an, rief zur Küchentür hinein, er müsse gehen, und bat, die Herrschaften zu grüßen.

Sigrid suchte sie in der Wohnstube, klopfte an die Tür des Arbeitszimmers, — keine Antwort. Sie horchte und öffnete schließlich. Kallem lag auf dem Sofa; Ragni kniete, an ihn gelehnt, vor ihm. Leise meldete Sigrid, das Essen sei fertig, und Doktor Meek sei fortgegangen. Keines antwortete; keines blickte auf.

Edvard und Ragni hatten bis jetzt geglaubt, der Tag, an dem Ragni nach Amerika gereist, sei der schwerste ihres Lebens gewesen; brieflich und mündlich hatten sie einander gesagt, das sei ein Gefühl gewesen, als müßten sie sterben. Aber der Tod ist noch anders; er gleicht nichts sonst auf der Welt. Das erfuhren sie jetzt. —

Auf diesen Tag folgte eine lange Zeit voll Kampf ohne Hoffnung, voll Verzweiflung ohne Worte, voll innigster Liebe ohne Freude. Ragni hatte allerlei zu "ordnen", womit sie in der Stille anfing. Sie hatte auch verschiedenes zu schreiben, und so oft sie nur irgend konnte, machte sie sich daran, schrieb, strich aus, — nach langer Arbeit wurde das Ganze nur kurz. Aber so lange sie mit dem beschäftigt war, was sie sich zu erledigen vorgenommen hatte, ging es ihr leidlich. Kallem war ganz erstaunt.

Er selbst hatte allen Mut verloren. Er sah das Schlimmste kommen. Am längsten sträubte er sich, ihren Auswurf zu untersuchen; ... er wußte im voraus, daß er den Tuberkelbazillus darin finden würde, den Feind, zu dessen Bekämpfung er Vermögen und Leben eingesetzt hatte. Nun war er vom Feind in seinem eigenen Hause besiegt worden. Aber eines Tages mußte er doch darangehen; und er fand ihn. Er rannte nicht im Laboratorium auf und ab, er weinte nicht, er rang nicht die Hände. Er versuchte nur, ob er ohne sie denken könne; aber immer dachte er nur an sie. Von der ersten Stunde ihrer Begegnung an — all die kleinen Züge, die unbedeutendsten Beweise ihrer Anmut und Begabung, ihre Schwächen ebenso wie ihre schweigende, poetische Liebe — alles durchlebte er noch einmal mit der gleichen Wonne, dem gleichen Schmerz; alles war ihm gleich lieb, gleich unentbehrlich; unzählige Begebenheiten voll Humor, Wärme, Furcht, Schönheitssinn, Hingebung an den Augenblick — alle sahen sie ihn an wie Augen. Wo sollte er hin? Was sollte er weiter? Sie war ja auch in all seinen Arbeiten. Ihr Bild aus dem dritten Jahr in Amerika stand drüben auf dem Kaminsims; es war seinerzeit gekommen als erster Abdruck dessen, was ihr geistiges Entwicklungsleben in Gesicht und Augen hineinmodelliert hatte, eine wundervolle Bestätigung dessen, was er geahnt hatte, als er sie hinüberschickte. Aus dem Bild heraus suchten ihre Augen wie immer die seinen; dieses Lächeln ihrer Augen war ihm in der Wartezeit wie eine Verheißung alles Guten gewesen! Und was war es ihm eben dadurch nicht alles gewesen! Jetzt strömten wieder die Erinnerungen herbei an ihr erstes Wiedersehen, an die ersten Worte, die erste Verlegenheit über das Fremde, das hinzugekommen war, das erste ganze, volle Wiedererkennen, die erste Umarmung ...

Und das nur, um zu sagen, daß nun alles zu Ende gehe! Auch alles, was er im Zusammenleben mit ihr gedacht und getan hatte, seine Freude daran, seine Kraft, sein Glaube. Was in aller Welt war nur geschehen? Er mußte wirklich einmal mit ihr darüber sprechen. Da war etwas, was sie ihm verheimlichte. Eine Unvorsichtigkeit, die sie nicht einzugestehen wagte? Was konnte es sein? Aber in sie dringen mochte er nicht.

Dann, eines Tages, als er nach Hause kam, fand er sie nicht unten. Und als er hinaufkam, lag sie im Bett! Sie streckte ihre Hand aus — wie mager die geworden war! — und richtete die großen Augen mit einem matten, halbverschleierten Ausdruck auf ihn: "Ich hab' mich ein bißchen hingelegt", flüsterte sie; "bloß auf einen Augenblick!" Sie sah nicht einmal so schlecht aus, vielleicht weil sie lag. Er setzte sich an ihr Bett und hielt ihre lange, magere Hand zwischen seinen beiden Händen.

"Hinter all dem", begann er vorsichtig, "steckt etwas, in das ich nicht eingeweiht bin. Einmal war ich auf vollständig falscher Fährte; aber auch später ist es schneller gegangen, als ich begreife — einfach, weil ich nicht wachsam genug gewesen bin. Da steckt etwas dahinter, irgendeine große, vielleicht wiederholte Unvorsichtigkeit, die ich nicht mit in Rechnung gezogen habe. Schatz, sag' es mir jetzt; sonst hab' ich keine Ruhe."

"Ich will es Dir sagen. Ich habe es mir eben überlegt. Drunten in meinem Schreibtisch sind ein paar Papiere, im ersten Fach links; die sind alle für Dich. Die sollst Du lesen, wenn —" sie unterbrach sich selbst. "Später!" fügte sie hinzu und drückte schwach seine Hand. — "Also jetzt soll ich es nicht erfahren:" — "Doch, das, wonach Du fragst, gewiß. Ich kam nur nicht so weit." Sie bat ihn, sie etwas anders zu legen, und er half ihr. — "Doch, Du sollst es wissen. Nur Dir zuliebe habe ich es verheimlicht," — ihre Augen füllten sich mit Tränen, — "Du, mein ..." Wieder ein leiser Händedruck und ein Lächeln. Er trocknete ihre Tränen mit seinem Taschentuch ab und wischte sich heimlich die Augen hinter der Brille. Sie lag und sah ihn an, ohne zu sprechen; hatte sie es vergessen oder überlegte sie? Er beugte sich über sie: "Nun —?" fragte er; "willst Du es mir nicht sagen?" — "Doch! Das, was zu oberst liegt, von Karls Hand, das kannst Du gleich lesen. Das andere nicht." — "Steht es denn in Karls Brief?" Sie nickte. "Der Schlüssel?" flüsterte er. "Der steckt", antwortete sie, ohne die Augen zu öffnen, und ließ seine Hand los.

Er ging hinunter, öffnete das Fach und nahm den Brief heraus, den wir kennen; dann setzte er sich hin, um ihn gründlich zu lesen.