Sein Entsetzen! Und seine Empörung, — und seine Ohnmacht! Und davon hatte er nichts erfahren, als es noch Zeit war! Er lief wie ein Rasender auf und ab; dann setzte er sich aufs neue hin, wie gelähmt. Er faßte Entschlüsse und verwarf sie wieder! Vor alle Welt wollte er hintreten und ihnen zurufen, es sei eine Lüge! In den Betsaal wollte er einbrechen, wenn er gesteckt voll war, auf die Kanzel steigen und sie des feigsten, erbärmlichsten Mordes anklagen! ... Und dann wieder fiel ihm ein, daß Ragni, selbst wenn sie ganz gesund gewesen, an so etwas gestorben wäre.

Er selbst lebte nur dafür, den Menschen so viel Gutes zu erweisen, wie er nur konnte; und nicht ein einziger unter ihnen war ehrlich genug, war dankbar genug oder auch nur empört genug, ihm zu sagen, daß er wachen müsse über seinem und seiner Frau guten Namen, über der Ehre seiner Ehe! So viel träge Verantwortungslosigkeit! So viel Raum für Splitterrichterei und Bosheit in dieser "christlichen" Gesellschaft! Jetzt verstand er seine Schwester! Diese Verleumdung hatte sie geglaubt! Das also war es, worüber sie mit ihm hatte reden wollen an jenem Abend, als sie auf ihn gewartet! Und aus Empörung über das, was sie so steif und fest glaubte — was trauen die Menschen einem Freidenker nicht alles zu? — hatte sie ihnen den "Walfisch" auf den Hals geschickt! Alle, die nicht fünfe gerade sein ließen, glaubten daran, alle verurteilten, niemand erhob Einspruch, niemand kam!

Das also hatte nun Ragni von ihrer Herzensgüte gegen Karl! Sie war um so uneigennütziger gewesen, als sie anfangs und auch später noch oft nur mit Überwindung ihrer eigensten Natur darangegangen war; erst jetzt, hinterher, hatte er das erfahren. Er kannte kein lieberes Geschöpf als sie! Und ihr großes, warmes Gemüt, das sollten diese ...! Diese Schurken, diese gewissenlosen Zionswächter, diese psalmodierenden Egoisten und herzenskalten Gebetmacher! Er las Karls Brief noch einmal; Karl tat ihm so herzlich leid. Armer, armer Junge! Natürlich hatte die Liebe in ihm erwachen müssen! Welcher brave Kerl würde nicht ein Wesen anbeten, dem die Menschen um seinetwillen so schweres Unrecht antaten? Da mußte ja die Dankbarkeit und Bewunderung des Jungen zuletzt zu Liebe werden! Sowie Karl zurückkehrte, sollte er zu ihnen kommen! Ganz sicher! Und hier sollte er bleiben, bis sie ihren letzten Atemzug getan hatte! Und seinen Arm wollte er nehmen, seinen und keinen andern ... an jenem furchtbaren Tag ... hinter ihrem Sarg ...! Er warf sich aufs Sofa und schrie laut auf.

Vielleicht war er zu sehr von seinen eigenen Interessen eingenommen gewesen; er hätte mehr mit Menschen umgehen, hätte sie unter Menschen bringen sollen; dann wäre das nie geschehen. Keiner, der einen tieferen Eindruck von ihrer reinen Seelengüte empfangen hätte, würde gewagt haben ... obgleich — wer weiß? Dogmenblinde Gewohnheitstiere sehen nicht.

Sigrid kam gerannt: der Frau Doktor sei wieder schlecht geworden; ein Hustenanfall. In neun, zehn Sätzen nahm er Zimmer, Flur und Treppen; der Anfall war vorüber, als er kam; sie lag da, in Schweiß wie gebadet, so matt, so hinfällig, daß sie jeden Augenblick ohnmächtig werden konnte. Ihr Auswurf war grünlich, mit ziemlich viel Blut darin; er kannte das. Er erklärte es sich damit, daß er zu lange weggeblieben war; ihre Spannung hatte sich gesteigert, sie war heiß geworden, hatte sich aufgedeckt ... Sie lag mit geschlossenen Augen da und er verhalf ihr zum Schlafen. Fortan verließ sie das Zimmer nicht mehr.

Von ihrem Bett ging er sogleich an seinen Schreibtisch, um Doktor Meek mitzuteilen, was geschehen war, und ohne sich auf weiteres einzulassen, schloß er: "Wenn Karl zurück ist, so sehen wir ihn wohl bald? Ich weiß jetzt alles."

Dann ging er aus, um eine Pflegerin zu besorgen, und sowie er zurückkam, wieder zu ihr hinauf. Sie schien sich leichter zu fühlen und schlief; und als sie endlich aufwachte, war er das erste, was ihre Augen trafen. Er gab ihr zu trinken, liebkoste sie, und die Fragen in ihren Blicken erwiderte er mit Küssen auf ihre magere Hand, während es um seinen Mund zuckte und Tränen die Brillengläser benetzten.

Aber sie redeten von ganz anderen Dingen: daß ihre Schwester nicht kommen könne, und daß er Sissel Aune zu Ragnis Pflege geholt habe; sie eigne sich von allen, die er kenne, am besten dazu und sei ihnen treu ergeben. Ragni nickte zustimmend. Und dabei sahen sie einander an, wie Menschen, die sich nicht satt aneinander sehen können. Und beide dachten an das, was sie nun beide wußten — an die Ursache, weshalb sie jetzt so dalag. "Der arme Karl!" flüsterte sie. "Der arme Karl!" wiederholte er.

Er mußte aufstehen und tat, als habe er unten etwas vergessen; irgendein Vorwand fand sich ja immer.

Hätte er nur wenigstens mit ihr reden können! Aber er wagte es nicht. Er hatte auch keine Zeit, mit sich selber allein zu sein. Er machte nur die notwendigsten Besuche im Krankenhaus und schränkte seine Sprechstunden möglichst ein; von allem andern machte er sich völlig frei, um bei ihr sitzen zu können.