Er hatte den Menschen sein Vermögen und seine Arbeit geopfert, und nun lohnten sie ihm damit, daß sie sein Lebensglück mordeten — wie grausam fand er das! Was ist das für ein Maß, mit dem die Menschen messen, wenn nicht ein Blick auf Ragni ihnen sagt, daß sie das feinste, reinste kleine Wesen unter der Sonne ist? Das war und blieb ihm unfaßlich! Diese Blindheit empörte ihn immer wieder! Von denen, die er kannte, schloß er auf die andern: nichts als Mittelware, für gewöhnlich nicht uneben, aber selbstverständlich nie über die Grenzen hinaus! Alle gingen sie in die Kirche, viele noch obendrein in die Betstunde — Pastor Tufts Leibgarde. Unter ihr hatte er auch mehrere ganz anständige, vorsichtige Menschen getroffen. Und trotzdem — ebenso gewissenlos in ihrem Urteil, so liebevoll-grausam — lauter makellose Mörder!
Nicht einer, den er an der Gurgel packen konnte: "Du bist es! Du sollst mir Rede stehen!" Alle — und keiner. Sanfte Mitwisser, liebenswürdige Mitschuldige. Eine war da — die stand abseiten — Josefine. Josefine hatte die Geschichte nicht aufgebracht; das war nicht ihre Art. Aber glauben, was einmal im Umlauf war, wenn es jemand galt, gegen den sie eingenommen war, — ja. Mit eisigem Schweigen ließ sie dann die andern bei ihrem häßlichen Glauben beharren — oder schürte ihn noch gar. Wie sein Herz sich mit Erbitterung gegen sie füllte! Trotzdem sie sicher nicht der Urheber war — das wiederholte er sich wieder und wieder; sie hätte die Verleumdung gar nicht über ihre Lippen gebracht, dazu war sie zu vornehm, — aber Josefine trug die Hauptverantwortung für diesen Mord! Er war überzeugt — so wenig sie selbst Christin war — die christliche Dogmensucht hatte sich auch in ihr beleidigt gefühlt durch die Ungläubigkeit eines kleinen Menschenwesens, — sich beleidigt gefühlt, weil ein so schuldbeladenes Geschöpf es wagte, ihren Glauben zu verwerfen. Daher jene merkwürdig peinliche "Gerechtigkeit", die so sicher und so wohlmeinend tötete.
Aber so weit war er ihr verwandt, daß auch ihn jetzt die tiefsten Schauer der Rachsucht durchtobten. Auch er nannte sie "Gerechtigkeit"; und auch er hatte keine Ahnung, daß er sich selbst belog. Wenn er bei Ragni saß, fühlte er nichts davon; ihre Nähe allein machte ihn gut. Bei ihr wurde er, wenn ihm solche Gedanken kamen, furchtbar aufgeregt, streichelte ihre Hand, strich ihr über die Stirn, sah ihr ins Auge, rückte ihr die Kissen zurecht — bis er gehen mußte; denn sonst wäre er niedergekniet und hätte alle Selbstbeherrschung verloren.
Da saß nun die stattliche Sissel Aune. Ihre dunkeln Augen wachten mit verständiger Ruhe und wandten sich zuweilen teilnahmsvoll ihm zu. In ihr hatte er alle die Menschen um sich, denen er etwas gewesen war, die ihm gern geholfen hätten, jetzt, wenn sie's nur gekonnt hätten. Aase und Sören Pedersen kamen jeden Morgen an die Küchentür geschlichen, um nachzufragen, wie es gehe; und je mehr die Kunde sich verbreitete, desto mehr Menschen kamen — alle still und voll Teilnahme. Sigrid selber fiel es schwer, zu Ragni hinaufzugehen; sie mußte dann immer gleich weinen. Aber manchmal kam sie doch — z. B. wenn Frau Oberst Bajer eine schöne Topfblume abgab, die sie den Winter über mit Liebe großgezogen hatte und der strengen Kälte wegen unter dem Mantel daherbrachte. Die mußte Sigrid doch ins Krankenzimmer hinauftragen und so stellen, daß Ragni sie sehen konnte. Ein Mädchen, deren Kind Kallem von schwerer Krankheit geheilt hatte — dieselbe, die Kristen Larssen hatte spuken sehen — und die ebenfalls einen Blumentopf besaß, einen einzigen, brachte ihn auch an, als sie von der Gabe der Oberstfrau hörte. Der Topf, in dem die Pflanze stand, war mehr als einfach; aber was tat's?
Kallem hätte es ja sonst nicht ausgehalten.
Eines Tags, als er vom Krankenhaus zurückkam, wo etwas Besonderes vorlag, und gedankenvoll durch den Flur ging, sah er fremde Reisekleider dort hängen. Bevor er selber ablegte, öffnete er die Wohnzimmertür. Am Verandafenster standen Otto und Karl Meek. Karl wandte sich zuerst um, ging auf Kallem zu und fiel ihm um den Hals. Er sah schlecht aus und hatte etwas Unruhiges, fast Verwirrtes. Sein langes Haar war ungepflegt, sein ovales Gesicht, schon an sich groß, schien noch größer geworden zu sein. Die Augen darin brannten schmachtend, mit einer Leidenschaft, wie sie Kallem nicht an ihm kannte. Und diese Augen ließen die seinen nicht los. Ein Flehen um Nachsicht war in ihnen, die Geschichte eines großen Schmerzes, der ihn verfolgte, wo er ging und stand. Karl konnte seine Bewegung nicht meistern, vermochte nicht ruhig zu sein; und als Kallem nun auch mit dem Vater reden mußte, fing er an, sich umzusehen, ging zum Flügel hin, strich mit der Hand über die Tische, betastete die Blumen, blätterte in den Noten, ging dann ins Eßzimmer, in die Studierstube. Dort blieb er lange — allein. Dann ging er hinaus in die Küche, zu Sigrid, und blieb draußen. Kallem sah sich wiederholt nach ihm um; Doktor Meek bemerkte es und sagte: "Wir Meeks haben alle starke Gefühle. Wir haben versucht, sie zu zügeln; aber der dort kann seine nicht zügeln; sie werden bloß eingezwängt auf der einen Seite, um auf der andern wieder hervorzubrechen." Karl trat wieder ein; ganz verweint. Kallem wollte nicht, daß er so zu Ragni hinaufgehe; jedenfalls müsse er erst warten, bis er ruhiger geworden sei. Karl beteuerte, oben würde er sogleich ruhig werden; er bat inständig, man solle ihn hinauf lassen; umsonst. Er sollte sie heute überhaupt nicht mehr sehen. Der Abend war immer ihre schlimmste Zeit; sie durfte gar nicht einmal wissen, daß er überhaupt da sei.
Am andern Vormittag, als sie zurecht gemacht war, teilte Kallem ihr mit, daß Doktor Meek in der Stadt und gestern Abend dagewesen sei, um sich nach ihr zu erkundigen. — "Und Karl?" fragte sie. — Ja, Karl sei auch mitgekommen. — Eine Weile lag sie da, ohne etwas zu sagen. "Wenn unten gespielt wird, muß ich es hier hören!" — "Ja, wenn die Tür offen ist; aber meinst Du wirklich ...?" Der Flur war warm und abgeschlossen; durch ihn wurden alle Räume oben gelüftet; also in der Beziehung stand nichts im Wege. "Glaubst Du wirklich, Du könntest Musik vertragen?" — "Ich sehne mich nach Musik!" erwiderte sie. Sissel Aune sah den Doktor an; sie war augenscheinlich nicht dafür. "Karl darf Dich wohl nicht begrüßen, wie?" Ragni faltete den Zipfel des Leintuchs mit der einen Hand zusammen; in der andern hielt sie das Taschentuch. Sie antwortete nicht; es war ihr offenbar peinlich. "Aber Doktor Meek darf Dir doch guten Tag sagen?" — "Muß es sein?" — Kallem wäre es lieb gewesen, wenn er sie gesehen hätte. Später kam Doktor Meek, und Kallem erzählte ihm alles. Karl bat voller Demut, ob er nicht — hinter den andern — an der Tür stehen dürfe. Er wolle kein Wort reden, sich nicht rühren, gleich wieder gehen. Kallem fühlte Mitleid mit ihm und mochte es ihm nicht abschlagen. Er ging erst zu Ragni hinein und meldete Doktor Meek; dann kam dieser; und sein breiter Rücken verdeckte Karl, der sich an der Tür aufstellte. Ragni lag mit dem Antlitz dem Licht abgekehrt, also nach der Tür zu. Sie sah Karl nicht, er aber sah einen flüchtigen Augenblick lang ihr abgemagertes, hohlwangiges Antlitz, die Fieberrosen, die trockenen Lippen; die Augen mit ihrem Glanz glichen einem langen Notschrei. Um den zehrenden Durst zu löschen, der sie Tag und Nacht quälte, trat auch Sissel ans Bett, halb vor sie hin und stützte und erquickte sie.
Meek fragte nach diesem und jenem; sie antwortete zerstreut und spähte furchtsam nach beiden Seiten an ihm vorüber; ahnte sie, daß Karl da war? Nachher veränderte sie ihre Lage etwas und Sissel glitt wieder zur Seite; jetzt hätte sie Karl sehen müssen; aber er war schon fort.
Sie fanden ihn nachher im Wohnzimmer, in sich verkrochen, verzweifelt. Aber er bat, man möge ihn dalassen, ihm sein altes Zimmer wieder geben; auch wenn er sie nicht wieder sehen dürfe — er könne nicht fort von hier. Kallem wagte nicht, es ihm abzuschlagen; auch sein Vater schien es zu wünschen. Etwas an seinem ganzen Zustand ängstigte sie beide.
Am nächsten Vormittag spielte Karl. Die Tür unten stand offen; Ragnis Tür war angelehnt; es klang gedämpft und schön. Er hatte im Spielen Fortschritte gemacht; das Stück kannte sie nicht, aber es ergriff sie. Sie bat, ihn zu grüßen und ihm ihren Dank zu bestellen. Später spielte er noch einmal, am nächsten Vormittag wieder. Schließlich erlaubte sie ihm, heraufzukommen und sie zu begrüßen. Karl versprach, ganz, ganz still zu sein und nur einen Augenblick zu bleiben. Schon im Flur ging er auf den Zehen und glitt wie ein Schatten ins Zimmer. Trotzdem kostete es ihn die größte Mühe, sich zu beherrschen. Aber sobald er unter der Gewalt ihrer Augen stand, wie in alten Tagen, empfand er, daß sie bang war vor ihm und es am liebsten gesehen hätte, wenn er gleich wieder gegangen wäre. Das drückte ihn nieder; er stand da wie eine zaghafte Bitte, bleiben zu dürfen. Sie fühlte die Veränderung, die in ihm vorging; Kallem nahm ihre Hand, und sie beruhigte sich. Je länger er so dastand, desto größeres Mitleid empfand sie mit ihm. Er hatte gelitten, er war ein guter Junge; sie versuchte zu lächeln, ja, sie streckte sogar ihre magere Hand aus. Karl sah Kallem an und nahm die Hand nicht, kam auch nicht näher; aber eine heiße Bewegung stieg in ihm auf, und wie um sie zu dämpfen flüsterte sie: "Guter Karl!" Da ging er.