Nach dieser Begegnung war er still und in sich gekehrt, als grüble er über einen Entschluß. Er sprach seltener mit Kallem, mit anderen gar nicht. Jeden Vormittag durfte er einen kurzen Augenblick zu ihr hinein; unten spielte er für sie und hielt sich im übrigen den ganzen Tag abseiten.
Eines Vormittags, als er wieder spielte, hörte sie gleich am ersten Anschlag, daß das etwas von ihm selber war. Schon ein paarmal hatte er kleine Bruchstücke gespielt, die augenscheinlich von ihm waren; diesmal aber folgte er neuen Vorbildern; das Eigenartige seiner Begabung litt darunter. Dieses neue Stück war der Anlauf zu etwas Größerem, eine wilde Einleitung, aufgewühlte Leidenschaft — mein Gott, gewiß soll das er selber sein! dachte sie. Zuletzt, mitten in den Braus hinein, kam eine Stille, und eine Melodie löste sich daraus, treuherzig und zart; ob ich das wohl sein soll? Dann fing es an zu schreien und zu heulen um diese friedvolle, kleine Melodie herum — ein paar Takte Melodie, darauf Takte voll Jammer und Geschrei — das erste Thema schmetterte und sprudelte über das andere hinweg — — äußerst natürlich gemacht — zu natürlich, denn es wirkte unwiderstehlich komisch. Sie mußte sich zusammennehmen, um nicht zu lachen; so etwas vertrug sie gar nicht. Sie sah Sissel Aune an, um sie zu bitten, doch schnell hinunterzugehen und dem Spiel ein Ende zu bereiten; aber auch auf Sissel Aunes klugem Gesicht lag ein solches Erstaunen über dies natürliche Geschrei — ja, können denn die Leute auch in der Musik schreien? Der letzte vergessene Rest von Ragnis alter Lustigkeit brach sich in einem hellen Lachen Bahn — und noch einem — und dann Husten! Wieder Husten, und wieder und wieder — ein Anfall, schlimmer, als sie ihn je gehabt hatte.
Karl hörte mitten im Spiele, daß es in der Küche klingelte und klingelte; er hörte Sigrid die Treppe hinaufstürmen und gleich darauf wieder zurückkommen und nach dem Doktor rufen. Er wußte, daß der Doktor soeben ins Krankenhaus gegangen war, und lief selber, ohne Mantel und Hut, ihm nach, fand ihn aber nicht gleich, so daß beide erst kamen, als der Anfall schon vorbei war. Mehr Blut als gewöhnlich im Auswurf. Kallem war sehr erschrocken; Karl, der ihm, ohne es selber zu wissen, ins Krankenzimmer gefolgt war, sah es und zog sich augenblicklich zurück.
Später wurde das Zimmer gelüftet; Kallem war noch immer bei Ragni. Da kam Karl an die Tür und hörte ihn sprechen; er wagte, hineinzublicken. Ragni lag matt in ihrem Bett; Kallem hatte sie eben gefragt, ob sie nicht ein bißchen Erleichterung spüre. Undeutlich sah sie Karl, sein großes, erschrockenes Gesicht. Sie dachte daran, daß sie ihn ausgelacht hatte; sie hatte durch Kallem gehört, wie er in seiner Angst ohne Hut und Mantel davongestürmt war. Und sie gab Kallem ein Zeichen, Karl hereinzulassen. Sie lächelte ihm zu, hob sogar ein wenig — ein ganz klein wenig — die Hand. War es, um zu danken? Er wagte sich näher heran; heute wollte er ihre Hand fassen; noch mehr wollte er — er wollte sich über sie beugen; in seinen Augen glomm es auf. Kallem, der rechts von Ragni stand, sah es, sah zugleich, daß die Hand, über die Karl sich beugen, die er vielleicht küssen wollte, das Taschentuch hielt; hastig sagte er: "Laß, Karl!" Karl richtete sich auch wieder auf und sah sie beide an; aber wieder glomm es wunderlich in seinen Augen auf, und wie der Blitz hatte er sich über Hand und Taschentuch gebeugt und beide geküßt. Eh noch Zeit war, ein Wort zu sprechen, stand er wieder aufrecht, — stand da, wie einer, der zum Kampf gerüstet ist oder eine große Tat vollbracht hat. Ragni lag da, mit Augen ohne Hoffnung, ohne Verständnis; sie verstand seine kriegerische Haltung, seinen erhabenen Vorsatz nicht; desto besser aber seine erschreckende Unberechenbarkeit. Und Karl war schon zur Tür hinaus.
Wenn es seine Absicht war, mit ihr zu sterben, so hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und unter andern Umständen hätte es komisch wirken müssen, besonders wenn man bedachte, daß sie nach ihrem Anfall eben wieder frisch zurecht gemacht worden, und daß das Taschentuch ganz frisch war. Aber Kallem dachte bloß daran, wie törichte Menschen doch die beste Absicht ins Schlechteste verkehren können: für sie war es ein Schreck gewesen.
Sobald er konnte, suchte er Karl auf. Der hatte sich gerade zum Ausgehen angezogen. "Wo willst Du hin?" sagte Kallem. Karl antwortete nicht; er war im Innersten aufgewühlt; er wollte einfach hinaus! Kallem zog ihn mit sich ins Zimmer, stellte sich vor ihn hin und blickte ihm fest ins Auge; dann legte er den Arm um seinen Hals. Da brach Karl in Tränen aus. Er sei ein unmöglicher Mensch, klagte er, überflüssig, fertig, bevor er überhaupt angefangen habe, untauglich zu allem. Lange gelang es Kallem nicht, ein Wort dazwischen zu werfen, geschweige denn, ihn zu trösten; seine Erbärmlichkeit, seine Unwürdigkeit seien zu groß; er habe auch gar kein Talent. Seine letzte Komposition, seinem eigensten Leben entsprungen, wie keine andere, das wahrste, was er zu schaffen imstande war, habe er heut Vormittag gespielt; und da sei sie ihm einfach komisch, furchtbar komisch vorgekommen! — Aha! dachte Kallem. Da liegt der Hase im Pfeffer!
Und so war's. In ihrer Gegenwart fühlte er auch unwillkürlich ihr Urteil.
Kallem merkte, was für ein Mißgriff es gewesen war, ihn hierherkommen zu lassen. Mit Schrecken dachte er daran, was Ragni seinerzeit mit ihm hatte ausstehen müssen. Ihm selber machte es jetzt nicht geringe Mühe, ihn im Gleichgewicht zu halten.
Eines Tages — sie hatte eben nach Karl gefragt — sagte er zu ihr: "Sicher hast Du mehr Schererei mit ihm gehabt, als ich gewußt habe?" Sie schloß die Augen, öffnete sie wieder und lächelte.
Karl ging nicht mehr zu ihr hinauf, bat auch nicht mehr darum. Spielen konnte er in all seiner Selbstquälerei nicht; Kallem mußte ihn geradezu zwingen, ihm ein paar von seinen kleinen Stücken vorzuspielen. Er tat es nur bei geschlossenen Türen; aber Ragni hörte es doch und sagte zu Kallem, sie seien gut, was auch er fand. Dieses Lob machte Karl wieder froh; und so leise gewann er wieder ein bißchen Selbstvertrauen; nach und nach wurde er umgänglicher.