Sobald Kallem um sich her ein bißchen Ruhe geschaffen hatte, kam er selber an die Reihe. Sein mannhaftes Kämpfen hielt nicht immer stand, und Karl gingen endlich doch auch die Augen dafür auf, daß es noch andere Menschen gab, die litten, und daß man sich auch um andere kümmern konnte. Und nun schlug er vollständig um, lebte nur noch für Kallem, war voller Aufmerksamkeit, voller Sorgfalt. Ein Trostmittel, das nie fehlschlug, wandte er am häufigsten an: von Ragni sprechen, sie bis ins einzelne schildern. Er konnte ein feines Bild von der Eigenart ihres Wesens, ihres Talentes geben, eine Handlungsweise, ein Wort von ihr künstlerisch darstellen; und die Vergötterung, mit der er das tat, war gerade, was Kallem brauchte; er brauchte die leuchtende Wärme des Mitgefühls; denn mit ihrer zunehmenden Entkräftung brach auch er zusammen. Sie konnte nicht einmal mehr den Kopf auf dem Kissen halten; bald glitt er zur einen, bald zur andern Seite; ihre Augen hatten etwas Übersinnliches, das alles verklärte, was sie ansah; ihre schmalen, stimmlosen Lippen waren offen vor Atemnot; wie sie so dalag, in dem weißen Zimmer, dem weißen Bett, in dem weißen Nachtgewand, glich sie einem federlosen Vögelchen, das in einem verlassenen Daunennest nach Luft schnappt. Oft, wenn Kallem ihr Zimmer verließ, weil er seinen Schmerz nicht mehr beherrschen konnte, oder weil er am Rande seiner Kraft, war es Karl, der ihn zur Ruhe brachte, der das rechte Wort fand, oder auch ganz allmählich ihn in einen endlosen Lobgesang auf sie hinüberleitete.

Sie vermochte nur wenig zu sprechen, hatte auch keine Lust dazu; aber aus allem, was sie sagte, ging hervor, daß sie sich nicht einen Augenblick lang über ihren Zustand täuschte, wie etwa andere Lungenkranke es tun. Eines Tags machte sie Kallem ein Zeichen, er möge sich tiefer herabbeugen. "Kristen Larssen!" flüsterte sie. "Dort, in der Ecke." Dann lächelte sie und fügte nach einem Weilchen hinzu: "Jetzt fürcht' ich mich nicht mehr vor ihm." Ein andermal schickte sie nach Kallem, bloß um ihm zu sagen: "Du sollst niemand gram sein — meinetwegen!" Sie nannte keinen Namen. Kallem drückte ihre durchsichtige Hand; ihr Blick umfloß sie wie ein ganzer Himmel von Güte. Zuweilen versuchte sie, noch ein Lächeln hinzuzufügen, das sie doch nicht mehr besaß. Wenn sie seine Tränen sah, winkte sie ihm, er solle sich bücken, und fuhr ihm mit den Fingern durchs Haar. Einmal, als er ihr in dieser Stellung dankte für alles, was sie ihm gewesen war, von der ersten Begegnung an bis jetzt, versuchte sie ihn an den Haaren zu zupfen; so etwas solle er bleiben lassen.

Fortan wurde zwischen ihnen kaum noch ein Wort gesprochen. Nur noch ihre Augen und Hände sprachen. Sie waren eins in ihrem Schmerz und besaßen nichts mehr, was unausgesprochen war. Für die Dankbarkeit, die sie empfanden, für das Grauen, das sie vor dem Scheiden hatten, gab es ja auch keine Worte. Die Stunde nahte.

Eines Nachmittags hörten sie Sissel klingeln, klingeln, klingeln. Sigrid stürzte hinauf, Kallem, Karl; Karl blieb vor der Tür stehen. Er hörte, daß sie wieder einen Hustenanfall hatte, einen entsetzlichen. Er begriff nicht, daß sie überhaupt noch so viel Kraft hatte; jeder Hustenausbruch zerriß ihm die Brust, schnitt ihm ins Fleisch, zerbrach ihn; ihr Schmerzgestöhne dazwischen trieb ihm den Schweiß auf die Stirn; er konnte nicht lauschen und wagte auch nicht, zu gehen. Das mußte ihr Letztes sein. Er hörte Sigrid weinen, hörte sie rufen: "Frau Doktor! Frau Doktor!" Und gleich darauf: "Sie stirbt!" Da öffnete er die Tür. Das erste, was er sah, war Blut. Da wurde ihm schlecht, und er fiel in Ohnmacht.

Als er erwachte, lag er auf seinem Bett. Sigrid saß davor und weinte. Das war das erste, was er begriff. Dann fiel ihm das andere ein und er fragte: "Ist sie tot?" — "Der Herr Doktor glaubt, daß es bald zu Ende ist."

Später durften sie zu ihr, alle beide. Sie lag im Bett, als schliefe sie, weiß wie die Bettücher, in denen sie lag. Kallem hielt ihre Hand. Sein Gesicht sahen die Eintretenden nicht; aber von Zeit zu Zeit ein Zusammenzucken der Schultern; und sie hörten ihn stöhnen. Auf der andern Seite stand Sissel. Seltsam, wie verschiedene Grade des Schmerzes es gab! Obgleich auf ihrem kräftigen, offenen Gesicht viel Mitgefühl lag — es war doch das einer Fremden; meilenweit entfernt von Kallems stummer Verzweiflung sah sie es mit an. "Ist sie tot?" flüsterte Sigrid. Sissel schüttelte den Kopf. Und Ragni hörte die Frage; sie blickte auf. Mit ihrer allerletzten Kraft wollte sie ihnen noch einmal etwas Liebes erweisen — sie versuchte — man konnte nicht sagen zu lächeln — dazu war sie nicht mehr imstande — aber ihnen noch einmal Kunde von sich zu geben. Erst Sigrid und Karl; dann aber ausschließlich Kallem. Bald darauf war sie tot.

Die andern gingen; Kallem blieb.

Als er hinunterkam, fand er niemand. Karl war auf sein Zimmer gegangen; Sigrid saß mit Sissel in ihrer Kammer. Leer die Küche, leer die Stuben, leer das Studierzimmer. Er hatte ihr versprochen, etwas zu lesen, was sie geschrieben hatte — es lag unter Karls Brief. "Nachher!" stand darauf. Aber er konnte jetzt nicht, überhaupt nicht, solang sie noch im Hause war. Er stellte sich vor ihren Bücherständer und sah ihn an; auch der war ein Bild von ihr. Wie oft hatte er da gestanden und gelächelt, wenn er die Büchertitel las! Jetzt fiel sein Auge auf die "Wildente" von Ibsen. Bei seiner Größe konnte er das Buch gerade so weit von oben herunter sehen, um zu bemerken, daß zwischen den letzten Blättern eine Lücke war. Er zog das Buch heraus. Wirklich, sie hatte die Blätter, auf denen Hedvigs unglückliche Geschichte abschließt, — wie sie sich erschießt und was darauf folgt — herausgeschnitten! Herausgeschnitten! Als habe es so nicht kommen dürfen!

Nichts hätte ihn tiefer ergreifen können. Er warf sich aufs Sofa und schluchzte wie ein mißhandeltes Kind. Ja, sie war zu fein gewesen und zu furchtsam. Die Welt, in der wir kämpfen, ist noch zu roh. Sie muß erst besser werden, bis solche Wesen mitleben können. Sie hatte versucht, aus der Welt herauszuschneiden, was sie nicht mochte, — nun war sie selber herausgeschnitten worden.

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