Er leuchtete von Glaubenskraft, als er nach Hause kam und berichtete. Wenn das Stärkste in ihm einmal aufwachte, so war er wie kaum ein anderer; aber es kam so selten dazu.
Josefines Zustand wurde besorgniserregend. Frische Luft und regelmäßigen Schlaf entbehren, Woche um Woche, — den Appetit verlieren durch die unaufhörliche Spannung — das war fast genug, um selbst kerngesunde Naturen wie die ihre zu brechen. Tuft sprach heimlich mit Kent darüber; aber es war nichts zu machen, wenn sie nicht selber wollte.
Während er jede ihrer Bewegungen überwachte, mußte er ihr, gegen seinen Willen, eines Tages mitteilen, daß Ragni nicht hier, sondern im Friedhof des Nachbardorfs beerdigt werden sollte. Darin offenbarte sich doch des Schwagers Groll, ja Abscheu auf die denkbar stärkste Weise. Zweifellos war dieser Entschluß gegen die Gesellschaft im allgemeinen, am meisten aber gegen sie beide gerichtet.
Was Josefine fühlte, erfuhr Tuft nicht; ihm selbst ging es nahe. Ein einziges Mal verriet sie, wie ungeduldig sie geworden war. Er hatte sich über den Jungen gebeugt und kam ihm dabei etwas zu nah; Edvard stöhnte und schob ihn mit der Hand von sich. "So laß doch das ewige Rauchen!" sagte sie erbittert. Er wandte sich nach ihr um: "Das werd' ich auch!" antwortete er sanft. Als er sich dann wieder aufrichtete, fügte er bekümmert hinzu: "Heute steht es nicht gut mit ihm!" — "Nein", erwiderte sie still; die Art, wie er das aufgenommen hatte, beschämte sie.
Der Doktor wurde geholt. Er war an diese plötzlichen Botschaften gewöhnt, daher nahm er sie mit Ruhe auf, und er besaß die unschätzbare Gabe, diese Ruhe auch andern mitzuteilen. Sofort schien es den Eltern, als esse der Junge mit mehr Appetit und sei freundlicher gegen die Großmutter. Viermal am Tag kam sie herüber, und die Art, wie er sie empfing, galt als Barometer.
Die Großmutter war oben im Krankenhaus gewesen und hatte von dort Kallem und Karl Meek mit Ragnis Leiche wegfahren sehen. Der Sarg war weiß und stand auf einem schwarzen Schlitten; vorn neben dem Kutscher saß Sigrid; Kallem und Karl fuhren in einem Breitschlitten hinterdrein. Das war das ganze Gefolge.
Der Bericht über Ragnis letzte Fahrt kam ihnen überraschend. Und daß Karl Meek dabei gewesen war, er ganz allein! Bedeutete das, Kallem hege keinen Argwohn gegen ihn? Oder, was wahrscheinlicher war: er habe vergeben? Wollte vielleicht die Tatsache bemänteln und ihr so diesen letzten Dienst erweisen? Wer doch auch so gut sein könnte!
In der Nacht darauf kam Josefine zu ihrem Mann herunter, als er schon schlief. Ihr Haarknoten hatte sich gelöst; mit dem großen, hohläugigen Gesicht, von dem das schwarze Haar abstand, den Augen, die starr über die Lampe wegstierten, die sie trug, sah sie aus wie eine Besessene oder eine Nachtwandlerin. Er richtete sich im Bett auf und wollte aufstehen. Sie hielt ihn mit der Hand zurück und sagte eintönig: "Ich muß mit Dir reden, Ole; ich kann nicht schlafen. Diese Frau, die Frau meines Bruders, wird uns unsern Jungen nehmen."
Er fühlte, wie ihm alles Blut zum Herzen strömte. "Was sagst Du da?" flüsterte er.
"Wir sind zu hart gewesen, wir beide. Jetzt müssen wir bezahlen; und mit weniger begnügt sie sich nicht." — "Liebste Josefine, Du bist ja ganz außer Dir. Wir wollen uns doch nach Hilfe umsehen ...!" Und er sprang aus dem Bett. — "Ja, Hilfe suche ich! Alle, die beten können, müssen mir jetzt beistehen! Hörst Du, Ole!"