Josefine gegenüber erwähnte der Pastor nichts; aber zu Kent äußerte er, es sei jedenfalls ein Glück für seinen Schwager; vielleicht werde er jetzt ein freier Mann und würde die Schwingen regen.
Josefine hatte eine andere Auffassung; das sah er daran, daß sie sich völlig in sich selbst zurückzog. Kaum, daß er dann und wann ein paar Worte von ihr zu hören bekam.
Eines Nachmittags, lange Zeit nachher, als sie auf ihrem Bett lag und nachsann, wie ihr Bruder Ragnis Tod ertragen würde, sah sie ihn plötzlich. Sie dachte sich erst nichts dabei; aber das Bild wurde seltsam deutlich. Sie sah ihn, so lang er war — auf dem Sofa seines Studierzimmers liegen, sie sah den ganzen Raum, die Gardinen, die Bücherregale, die Bücher, den Schreibtisch, die zwei Tische, einen großen Lehnsessel, verschiedene aufgeschlagene Bücher, beschriebene Papiere bogenweise nebeneinander, ... alles sah sie, jedes Blatt, jeden Buchstaben, — und ihn selber, in einem braunen Anzug, den sie nicht kannte. Und dabei war sie nie in dem Studierzimmer gewesen, seit es möbliert war, und hatte die Möbel nie gesehen, auch nicht die Gardinen, die Teppiche; aber sie zweifelte keinen Augenblick, daß es genau so war, wie sie es sah. Zu jeder andern Zeit würde das einen seltsamen Eindruck auf sie gemacht haben; aber jetzt wurde alles verdrängt durch sein Aussehen. Er war so ganz verzehrt von Kummer! Je genauer sie ihn ansah, desto schlimmer wurde es. In einer solchen Verzweiflung sah sie ihn, daß es sie packte, wie nichts in ihrem Leben, nicht einmal des Vaters Tod sie gepackt hatte. Sie sah, wie er sich herumwarf und laut aufweinte, sah, wie er die Hände zusammengekrampft vors Gesicht hielt, sah zuletzt bloß noch ihn, den Jammer dieser Augen unter der Brille und den buschigen Brauen, und eine große Öde um ihn her. In kaltem Schweiß gebadet, wachte sie auf, so matt, daß sie kein Glied rühren konnte. Fortan lebte sie wie unter dem Druck einer unklaren Angst, die ihr den Schlaf raubte. Galt es ihrem Bruder oder ihrem Kinde? Dort neben ihr lag der kleine Edvard, atemlos, hustend, wie ein schon weit Entfernter. Seine hohe Stirn schien unbewohnt; seine Augen sahen ins Leere; seine Hände — das waren nicht mehr die derben Bubenfäustchen, nicht mehr lebendig.... Zuweilen stürzte sie an sein Bettchen, bloß um ihn wieder zu haben, und war's auch nur in einem flüchtigen Blick! Ja, ja ... da war er! Aber ... Gott im Himmel! — Wenn sie ihn hergeben mußte? Und in diesem Leid fühlte sie den Schmerz des Bruders mit, fühlte sich eins mit ihm. Das Schicksal des Jungen verknüpfte sich ihr mit dem Schicksal Ragnis. In wachen Nächten und bangen Tagen flössen die beiden so unauflöslich ineinander, daß sie beide für sie eins wurden.
Bisher war ihr Gottesgefühl eigentlich nur Freiheitsdrang und eine nie versagende Wahrheitsliebe gewesen. In der Angst wurde es ihr zum Schicksal, zum unbeugsamen, mystischen Schicksal. Alles erschreckte sie; sie sah in allem Zeichen und Vorbedeutungen. Der Junge schien nur auf der kranken Seite liegen zu können; sonst schmerzte es ihn so, daß er laut jammerte, ... und jedesmal, wenn sie ihm dabei helfen mußte, kam ihr das ganz unbegreiflich vor. Sie schob ihm Luftkissen unter; seine einzige Antwort bestand in herzzerreißenden Bitten, sie möge ihn doch ruhig liegen lassen. Sie wußte nicht mehr, was richtig war und was falsch. Nicht einmal an seine Beine durfte sie mehr rühren; er zog die Knie herauf, das eine über das andere ... lauter unerklärliche Einfälle, durch die sie sich gänzlich überflüssig oder sogar lästig vorkommen mußte. Ob das bedeutete, daß sie sich an den Gedanken gewöhnen mußte, daß sie im Grund ganz überflüssig war?
Schließlich mußte sie das ja aufreiben. Schon die Angst vom einenmal zum andern, wenn sie ihn anrühren mußte, wäre genug gewesen. Aber die Gedanken, die dabei mit unterliefen, machten sie geradezu verrückt. Sprechen konnte sie mit niemand darüber. Die Sache mit den Beinen hauptsächlich kam ihr so ganz mystisch-widersinnig vor, daß sie sich förmlich ängstigte vor ihrem Jungen; er gehörte nicht mehr ihr. Erst später, und ganz zufällig, entdeckte sie eine Anschwellung um die Knöchel. Das — so hatte sie immer gehört — war der Anfang vom Ende. Sie vermochte sich kaum die Treppe hinunterzuschleppen ins Studierzimmer, wo der Pastor in einer Rauchwolke saß. Er sah sie, bleich, entsetzt in ihrem Nachtkleid vor sich stehen. "Was ist denn, Du?" Er hörte ihren Bericht, ging mit ihr hinauf, sah ebenfalls die Schwellungen, fiel vor dem Bett auf die Knie, den Kopf in die Hände gedrückt: er betete. Die kurzen, hastigen Atemzüge des Kleinen, die glänzenden und doch gänzlich gleichgültigen Augen, mit denen er seinen Vater ansah, — das schrie förmlich zu ihr über des Vaters Kopf weg. Auch sie hätte beten mögen; aber im selben Augenblick schob der Junge den Vater mit der Hand weg; der Tabakgeruch störte ihn. Und damit schob er sie weg vom Gebet.
Doktor Kents ruhiges Lächeln, sein stilles, bestimmtes Urteil, daß die Krankheit noch dieselbe sei wie damals, als er zuerst die Entzündung entdeckt hatte, daß nichts Schlimmeres hinzugekommen sei, und die Anschwellung sicher nur von der unglücklichen Lage der Knie herrühre, erleichterte sie beide so, daß Josefine vor Freude weinte. Die Untersuchung des Urins bestätigte seine Diagnose.
In dieser Nacht schlief Josefine wieder besser als seit langer Zeit; trotzdem fühlte sie sich matter als vorher.
Wieder verging eine Zeit; da kamen eines Abends der Pastor und Doktor Kent mit einer gewissen Feierlichkeit herauf. Josefine lag in den Kleidern auf dem Bett und richtete sich empor, um aufzustehen; aber Kent und der Pastor baten sie, sich wieder hinzulegen. Doktor Kent erzählte, gestern sei Frau Kallem gestorben. Beide Männer blickten Josefine an; sie schloß die Augen. Eine Weile tiefes Schweigen. Als aber mehrmals ein Zucken über ihr Gesicht lief, sagte Tuft hastig: "Unter diesen Umständen ist es für Edvard nur gut, Josefine. Natürlich geht es ihm jetzt nahe; aber später wird alles gut werden. Er wird daran wachsen." Josefine wandte den Kopf ab. Ihre Augen blieben geschlossen; aber dann brachen die Tränen hervor.
Im selben Augenblick fühlte er, was er da gesagt hatte, war etwas Eingelerntes; ja, er hatte sich einer Roheit schuldig gemacht. Während der Krankheit seines Jungen, im angsterfüllten Zusammenleben dieser letzten Zeit war er ein anderer geworden. Diese Worte aus einem früheren Dasein — eben weil sie in dieser Stunde fielen, auf ihren brennenden Schmerz hin — weil sie über ihrem eigenen kranken Kind fielen — gewannen selbständiges Leben, wurden ihm zu einem stummen Gefolge — "Sendboten Gottes".
Bis diese Worte fielen, hatte Josefine in der Stille mitgebetet, wenn der Pastor betete; nun tat sie es nicht mehr. Sie hatte dasselbe Gefühl, wie in der ersten Zeit ihrer Ehe, wenn er so maßlos war und doch zugleich von ihr forderte, daß sie mit ihm fromme Lieder singen solle. Damals hatte er nichts gemerkt; heute fühlte er es sogleich. Aber gerade darum verlangte ihn nach einer Gemeinschaft, vor allem im Gebet für sein krankes Kind. Er wandte sich an die Freunde der Betstunde; deren war er sicher. Die ganze schmerzliche Abrechnung dieser Tage, das Zittern um das Leben des Kindes, seine freudlose, wunde Liebe, all das wirkte zusammen zu einer starken Erschütterung. Er bat sie alle, mit ihm zu beten, er stürmte Gottes Barmherzigkeit; wenn er nur einer höheren Gemeinschaft mit Gott würdig befunden wurde, so war die Prüfung nicht zu hart.