Nun gings ans Werk. Zwischen den Rippen auf der rechten Seite wurde ein acht Zentimeter tiefer Einschnitt gemacht. Mit stumpfen Instrumenten bohrte Kallem tief hinein, kam bis an den Rippenrand und sägte ein kleines Stück heraus; der Eiter strömte aus der Wunde.

In diesem Augenblick wurden alle von einem wilden Schrei im Hintergrund aufgeschreckt. Josefine hatte blitzschnell die Tür aufgerissen, sah die weißen Operationsmäntel, sah Kallem voller Blut in der Brust ihres Kindes wühlen, — und stürzte kopfüber zu Boden.

"War die Tür nicht abgeschlossen?" fragte Kallem. Sissel kam von innen gelaufen, der Pastor von außen, und zusammen trugen sie sie hinaus. "Achten Sie auf den Puls!" wurde der Diakonissin zugeflüstert. "Und schließen Sie die Tür zu!" — "Und Sissel —?" — "Muß draußen bleiben!"

Man hörte Josefine bald darauf an der Tür; aber niemand achtete ihrer. Eine Drainröhre wurde in die Brusthöhle eingeführt, diese wurde ausgespritzt und vorsichtig ein Gazeverband darum gelegt. Die Röhre mußte ein paar Tage liegen bleiben und die Zimmertemperatur gleichmäßig auf 15 Grad gehalten werden. Bald darauf zog Kallem sich samt seinen Instrumenten ins nächste Zimmer zurück und war verschwunden, bevor noch irgend jemand, der nicht der Operation beigewohnt hatte, wußte, daß er fertig war.

Die Großmutter, die Ärmste, war wieder hinaufgegangen, um an der Tür zu horchen, als Sissel, die jetzt im Zimmer war, öffnete und etwas unter der Schürze davontrug. Im Vorbeigehen erzählte sie schnell, es sei alles vorüber. Die Großmutter wagte sich hinein; aber als sie das blasse Kind sah, verlor sie alle Herrschaft über sich selbst; sie ging schnell wieder hinaus und erreichte ihr Haus mit Mühe und Not.

Dieses Petrefakt von der Meeresküste, pietistisch plattgedrückt, in die Nordwand des Hauses eingemauert, war für gewöhnlich gänzlich unzugänglich; der einzige Mensch, mit dem sie eine Art Gemeinschaft zu haben schien, war der Knabe. Ihr ganzes Haus war seine Spielstube; alles, was er nur wollte, durfte er ihr hineinschleppen; sie schleppte es wieder hinaus; sie hatte ja nichts anderes zu tun, als hinter ihm her aufzuräumen. Man hätte denken sollen, er müßte deswegen an ihr hängen; aber es war eigen: seit er krank war, mochte er die Großmutter gar nicht mehr sehen. Das klare Wesen der Mutter hatte, bei aller Strenge, seine Phantasie gefangen genommen; die Nachgiebigkeit der Großmutter, mit all ihrer Hinterhältigkeit und ihren Verboten, mit all den Gebeten, die er auswendig lernen sollte, und all den biblischen Geschichten, die er nicht verstand, hatte ihn gequält. Nun er matt und krank war, durfte sie überhaupt nicht mehr reden. Ein Jammer ist es mit diesen alten Leuten! Auch ihr Sohn vernachlässigte sie, seit Josefine wieder zugänglicher war. Wäre nicht die Diakonissin gekommen — die Operation wäre vielleicht vor sich gegangen, ohne daß die Alte darum gewußt hätte.

Einige Stunden später schlich sie sich wieder hinauf, lauschte draußen, hörte nichts, dachte, es sei vorbei und wagte sich hinein. Sissel saß da und nickte; aber sie sah gleich auf. "Lebt er?" fragte die Großmutter. "Ja", antwortete Sissel, nur ebenso laut, daß man es hörte; größer schien auch ihre Hoffnung kaum. Die Großmutter konnte nicht mehr; sie ging. Aber schon etliche Stunden darauf war sie wieder da. Er lebte noch immer. Diesmal hatte sie ihre Brille mitgebracht und ein altes, liebes Buch; Sissel konnte schlafen; sie würde hier sitzen bleiben, bis es zu Ende war. Sissel sagte ihr, was zu tun sei, und legte sich dann auf Josefines Bett.

Erst um sechs Uhr abends streckte der Pastor den Kopf zur Tür herein. Erst jetzt wagte er, Josefine auf einen Augenblick zu verlassen. Er sah seine Mutter dasitzen, mit ihrer Brille und der alten Postille; er trat näher und forschte in ihrem Antlitz wie in einer Schrift: "Er lebt!" las er darin. Sie nickte, wie vorhin Sissel, — im selben Sinne. Vor dem leichenblassen, schlafenden, schlaffen Gesicht des Jungen schauderte er zurück und ging.

Ganz, ganz still war das Haus. In der Küche, die abseits lag, hörte man leise reden; überall waren die Türangeln geölt, überall lagen wieder Läufer und Teppiche. Allstündlich kam der Pastor, immer auf den Zehenspitzen; und immer derselbe Bescheid: bis jetzt lebe er noch. Alle kamen und gingen, lautlos, als wandelten Gespenster. In dem Fremdenzimmer, wo Josefine lag, und in seiner Nähe gab es keine Worte mehr, nur noch Zeichen.

Die Nacht war womöglich noch schweigsamer. Großmutter saß nicht mehr am Bett, sondern Sissel; in der Küche brannte das Feuer, und irgend jemand wachte da immer, für den Fall, daß etwas sich ereignen sollte. Auch der Pastor wachte und ging ab und zu. Aber gegen drei Uhr schliefen er und die Küchenwache ein. Als die Großmutter gegen vier kam, schlief auch Sissel. Großmutter setzte sich wieder an ihren Platz. Nirgends ein Laut, bis gegen sieben Uhr. Großmutter sah nach dem Ofen und gab dem Kranken die Medizin; atmete der kleine Edvard leichter? Oder täuschte sie sich?