Gegen sieben Uhr ging langsam die Tür auf. Sie glaubte, es sei ihr Sohn; aber es war Josefine, die hereintrat. Im Zwielicht sahen ihr großes Gesicht unter dem wirren Haar, ihre wilden Augen noch entsetzlicher aus; die Alte, die längst für ihren Verstand gefürchtet hatte, erschrak. Aber Josefine blieb an der Tür stehen; sie hörte Sissels feste Atemzüge, aber nicht die des Jungen; da wagte sie nicht weiterzugehen. Das sah die Großmutter und nickte ihr ermunternd zu. Ein paar Schritte vorwärts — und die Mutter sah ihren Jungen — zum Erschrecken blaß, ohne jedes Lebenszeichen. Aber Großmutter nickte wieder; da wagte sie sich weiter vor. Die Gardinen waren noch zugezogen, deshalb sah sie nicht deutlicher; aber jetzt schien ihr doch, als atme er! Sie kniete nieder. Atmete er wirklich leichter, oder...? Sie hatte sich so verrannt in ihren Glauben an das Todesurteil, daß sie gar nicht hörte, was sie hörte. In äußerster Spannung lauschte sie, überlegte, hielt den Atem an, und erst, als sie die Gewißheit hatte, daß er leichter atmete, ließ sie den eigenen Atem unwillkürlich mit voller Gewalt über das Gesicht des Jungen hinströmen. Der warme Hauch weckte ihn; er schlug die Augen auf und sah seine Mutter an, und es schien, als besinne er sich. Ja, es war die Mutter; sie war wieder da! Seine Augen wurden lebhafter, klarer, als man sie seit Wochen gesehen hatte, und sie blickten in die ihren, bis Josefines Augen von Tränen überflössen.

Kein Wort sagte er, kein Glied regte er aus Furcht vor den alten Schmerzen; und ihr war, als müsse ihm der Lebensgeist entfliehen, wenn er es tue oder wenn sie ihn anrühre oder anrede. Ja, sie dachte sogar, sie atme zu laut, atmete leiser, bewegte keine Hand, wandte nicht den Kopf. Und in dieser bewegungslosen Stille war ihr, als seien Flügel ausgebreitet über ihnen beiden. Der Augenblick glich dem, da sie ihn geboren, da sie den ersten kleinen Laut seiner lebendigen Stimme gehört hatte. Jetzt begann das Leben zum zweitenmal, jetzt, in diesen ersten, scheuen Atemzügen. Seine Augen waren wie Licht im Schnee. Nicht satt konnte sie sich sehen an ihrem frischen Glanz; sie beide schwebten miteinander, als ob es nimmer enden solle.

Aber dem Jungen wurde die Macht ihrer Augen zu schwer; er gab sich der Sicherheit ihrer Nähe hin und schloß die Augen wieder, öffnete sie noch ein paarmal, um sich zu vergewissern, ... ja, sie war noch da, und dann schlief er ein.

Eine Weile darauf stand sie im Studierzimmer. Draußen war heller Tag; herein damit! Sie zog die Gardinen auf; der Tag füllte den hohen Raum mit dem Leben des Lebens, füllte ihre eigene Seele bis in den verborgensten Winkel; sie stieß die Tür zum Fremdenzimmer auf und stellte sich in die Öffnung.

Da lag Tuft, breit und stark, mit ausgestrecktem Arm, das dichte Haar, die hohe Stirn noch glänzend vom gestrigen Schweiß, um den Mund ein Lächeln. Jetzt weckte das Licht ihn halb aus dem Schlaf. "Ole!" sagte sie. Er öffnete die Augen weit, kniff sie aber gleich wieder zu. Im Geist ordnete er, was er da mit einem Blick gesehen hatte, und zugleich hörte er aus all dem Licht heraus Josefines Stimme: "Er lebt!"


Am Sonntag sprach in der Kirche von der Kanzel herab ein Mann aus dem heraus, was er gelernt hatte.

Darüber nämlich, was für uns alle das Größte ist.

Der eine vergißt es in seinem Strebersinn, der andere in seinem Kampfeseifer, ein dritter in seiner Verranntheit und ein vierter über seiner eigenen Weisheit, ein fünfter in seinem Alltagstrott, und alle haben wir es mehr oder minder verkehrt gelernt. "Denn fragte ich nun Euch, die Ihr mir zuhört, so würdet Ihr alle, just weil ich von dieser Stätte aus frage, mir gedankenlos antworten: 'Das Höchste ist der Glaube'."

"Ich aber sage Euch: wahrlich er ist es nicht! Sitz am Bett Deines Kindes, das daliegt in Atemnot, am Rande des Todes; oder laß Dein Weib, aufgerieben von Angst und Nachtwachen, dem Kinde nachgleiten bis an diesen äußersten Rand — da lehrt Dich die Liebe, daß das Leben das Höchste ist. Und nie wieder von diesem Tag an werde ich Gott oder Gottes Willen zuerst in einer Formel, in einem Sakrament oder in einem Buch oder einer Bibelstelle suchen, als sei er vor allem hier oder dort; nein, vor allem im Leben, in dem Leben, das der Tiefe der Todesangst abgerungen ist, im Sieg des Lichts, in der Inbrunst der Liebe, in der Gemeinschaft der Lebenden ist Gott. Gottes vornehmstes Wort an uns ist das Leben; unsere höchste Gottesverehrung die Liebe zu den Lebenden. Dieser Lehre, so selbstverständlich sie ist, bedurfte vor allen andern ich. Diese Lehre hatte ich aus verschiedenen Gründen und auf mancherlei Weise abgelehnt — am stärksten in letzter Zeit. Aber niemals wieder soll das Wort mir das Vornehmste sein, ebensowenig die Zeichen; nein, das Größte soll mir sein die ewige Offenbarung des Lebens. Niemals wieder will ich festfrieren in einer Lehre; die Lebenswärme soll meinen Willen lösen. Niemals wieder will ich Menschen richten nach Dogmen und nach der Gerechtigkeit vergangener Zeiten, wenn sie nicht den Maßstab der Liebe unserer Zeit tragen. Niemals, so wahr ein Gott lebt! Und das, weil ich an ihn glaube, an den Gott des Lebens, und an seine unablässige Offenbarung im Leben!"