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Am selben Nachmittag erschien bei Tuft ein seltener Besuch. Es klopfte leise an, und auf das erste "Herein" zeigte sich niemand. Auf das zweite wurde die Tür bedächtig geöffnet von Sören Pedersen, und hinter ihm tauchte nach langem Zögern und in großer Verlegenheit Aase auf.
Sie wollten nichts Geringeres als dem Herrn Pastor für die heutige Predigt danken. "Denn niemand, Herr Pastor, kann leben ohne Gott; wenigstens wir ungelehrten Leute nicht. Es geht nicht, es geht ganz einfach nicht. Und so kommen wir wie der verlorene Sohn — d. h. Aase wäre da wohl die verlorene Tochter — (komm nur näher! Na, so mach', was Du willst!) und bitten Sie, ob Sie nicht zu Gott um Gnade für uns beide beten wollen, Herr Pastor!" Und Tuft tat es mit einer Inbrunst, wie nur er sie in ein Gebet zu legen vermochte. Sören sagte dann, sie wollten jetzt gleich zu Herrn Doktor Kallem gehen. "Ganz gewiß ist er der beste Mensch auf der ganzen Erde, jedenfalls hier in der Stadt. Aber in diesen Dingen ist er im Irrtum, Herr Pastor. Es gibt ganz sicherlich einen Gott und auch Geister, und das wollen wir ihm jetzt sagen."
Tuft selber hatte beschlossen, an diesem Nachmittag noch Kallem aufzusuchen. Er war ihm dankbar, und es drängte ihn, zu bekennen, daß ohne das Unrecht, das sie an Ragni begangen hatten, nicht einmal die Erlebnisse dieser Tage ihm zur Erkenntnis der Lebenswerte verholfen hätten. Vor allem wollte er Josefine rechtfertigen, indem er ihre Schuld auf sich nahm. In der geschäftigen Dogmen-Postkutsche, in der er getrabt war wie ein Postpferd mit Säcken voll Papier beladen, hatte sie mitfahren müssen, ob sie nun wollte oder nicht. Und durch dies Unrecht war sie mißtrauisch und hart geworden.
Als er sich eine Stunde später auf den Weg machte, stand ihre gemeinsame Kindheit merkwürdig lebendig vor ihm. Damals hatte er Missionär werden wollen; jetzt würde er es vielleicht im Ernst werden. Die Evolutions- und Entwicklungslehre auch ins Religiöse zu übertragen, das war eine Mission wert, und sie gedachte er auf sich zu nehmen. Der kleine Dogmengott vergangener Zeiten und seine Priester mußten überwunden werden wie die Götzen und Wundertäter der Heiden. Und hatte er später in theologischem Machtbegehr davon geträumt, Bischof zu werden — nun wohl! Hier war ein gefahrvolles Bistum — aus leicht erklärlichen Gründen — frei in Norwegen.
Auf der Treppe zum oberen Eingang wartete Sigrid, als Pastor Tuft mit langen Schritten über den Hof gesteuert kam. Sie war schwarzgekleidet und trug ein schwarzes Tuch über dem lichtgelben Haar. "Herr Doktor ist nicht zu Hause!" sagte sie in ihrer stillen Art. Er machte sofort Kehrt und ging entschlossen nach dem Krankenhaus hinauf. Dort stand Mutter Andersen, ebenfalls in Schwarz und einer Haube mit schwarzen Bändern. "Tragen Sie noch immer Trauer um Ihren Mann?" — "Nein, jetzt um Frau Kallem." — "Ist Doktor Kallem hier?" — "Nein, er ist vor einer Weile nach Hause gegangen."
Da irrst Du! dachte Tuft und schlug den Weg nach der Landstraße ein; er konnte inzwischen eine tüchtige Promenade machen.
Es waren viele Spaziergänger unterwegs; sie grüßten ihn voll freudiger Teilnahme, das war zweifellos. Mutter Andersens strenges Gesicht hatte einen Schatten über ihn geworfen; aber vor der Milde der andern zog sich der Schatten zurück. Wieder überkam den Pastor der stürmende Mut, den er vor einer Weile noch gehabt hatte, und der den meisten Neubekehrten eigen ist. Dicht beim Krankenhaus begegnete er Sören Pedersen und seiner Frau; auch sie wollten sich an diesem lichten Sonntagabend voll Frühlingsverheißung einen kleinen Spaziergang leisten. "War er zu Hause?" fragte Tuft. "Ja, Herr Pastor", erwiderte Pedersen höchst aufgeräumt. "Na, was hat er denn gesagt, der Doktor?" — "Es hat mir gefallen, was er sagte, Herr Pastor. Es gibt zwei Arten von Menschen, sagte er; die eine glaubt nur das, was sie weiß; die andere tut das auch, aber das, was sie glaubt, läßt sich nicht beweisen — wenigstens für niemand, als sie selber." — "Er hat recht." Tuft lachte und eilte weiter. Aber sowie er allein war, überfiel ihn Markus 16, Vers 16; das lag noch von seiner "rechtgläubigen" Zeit her im Hinterhalt und lauerte ihm auf. "Wer aber nicht glaubet, der wird verdammt werden!" Gott respektiert also nicht "zwei Arten Menschen". Tuft setzte sich eifrig zur Wehr; vom neunten Vers bis zum sechzehnten Kapitel ist alles ein späterer Zusatz, von dem die ältesten Handschriften nichts wissen. Wenn diese Stelle unecht ist, so enthält keins der drei Evangelien eine Stelle, die auch nur annähernd so furchtbar wäre. Und das vierte, das sie enthält, hat damit sich selbst "verdammt". Nein — das Leben ist alles — und der Glaube ist der wunderbare Weg zur Erklärung des Lebens, d. h. zu Gott. Auf diesem Wege werden wir dereinst die höchste Gemeinschaft mit ihm erlangen, wenn nicht hienieden, so doch im Jenseits. Der Glaube soll uns nicht zum Gericht werden, sondern zum Führer. Menschen um ihres Glaubens willen zu verdammen, mochte in entschwundenen Zeiten als Wahrheit gelten; in unserer Zeit stößt es ab. Gott offenbart sich unserem Verstand auf höhere Weise. Wieder schritt er eilig über den Hofraum.
Aber wieder kam Sigrid auf die Treppe: "Herr Doktor ist nicht zu Hause." Die verschleierten Augen wichen den seinen aus; aber sie blieb unbeweglich stehen, das Gesicht dicht eingerahmt von ihrem Tuch. Das Haus hinter ihr war wie ein Geheimnis, eine geschlossene Gemeinschaft, etwas in sich Treu-Gefestigtes, von dem er ausgeschlossen war.
Jetzt begriff er.