"Ich weiß, ich füllte meinen Platz nicht aus; aber nun, da es zu Ende geht, ist mir, als schade auch das nichts mehr. Du hättest Nachsicht gehabt mit mir, wie lang es auch gedauert hätte; das weiß ich ja gewiß."

"Liebster, wenn ich Dir auch alles sagen wollte, was von Dank und Bewunderung für Dich in mir ist — Du würdest es nicht begreifen; so selbstverständlich war es Dir, daß alles Frohe in Deinem Leben von mir kam. Und das ist auch in meinem Leben das Schönste gewesen."

"Aber Du liest das ja erst, wenn ich nicht mehr im Sessel neben Dir sitze, und da ist nichts, was die Erinnerung an mich besser in Dir wachhalten könnte, so wie ich sie in Dir lebendig wissen möchte, als ein großes unendliches

ich danke Dir!"

Das war die Ehe, der sie den Namen Ehe hatte absprechen wollen! Sie, Josefine, im Vergleich mit ihrer eigenen!

Sie glitt hernieder vom Stuhl, auf die Knie. Sie schluchzte, schluchzte — und zwang sich, still zu sein, damit niemand sie hier finden solle, zusammengekauert, zusammengebrochen unter der Schmach ihres Verbrechens. Ihre Hände tasteten um Ragnis Handschrift, ihr Kopf sank auf die Hände: "Vergib! Vergib!" flüsterte sie, und sie wußte, daß niemand, niemand sie höre, und daß niemand, niemand ihr vergeben könne.

Und blitzschnell erfaßte sie, daß Ragni auch in ihrer ersten Ehe rein gewesen, daß sie auch in ihr verleumdet worden war. Die Schriftstücke über diese Ehe, wie sie zustande gekommen war, — sie brauchte sie nicht, sie konnte sie nicht lesen. Mit fiebernden Händen packte sie alles zusammen — Ole sollte es lesen. Jetzt mußte er ihr helfen; es galt ja ihr Leben. Sie war mitschuldig des Mordes, des Mordes an einer ganz Unschuldigen! Nicht durch Worte oder Hetzereien; gesagt hatte sie nichts; aber gerade durch ihr Schweigen, gerade dadurch, daß sie Ragni vom ersten Tag an von sich gestoßen hatte — gerade dadurch war die Ärmste rettungslos verloren gewesen; das hatte sie getroffen wie der Blitz; das hatte sie betäubt, schreckerstarrt zu Boden geschlagen. Das Urteil, das sie in ihres Bruders Augen gelesen hatte, das Todesurteil, — sie hatte nicht falsch gelesen! — nur galt es nicht ihrem Sohn, ihr selber galt es. Sie verdiente den Tod!

Entsetzen packte sie; der Schweiß brach ihr aus wie nach einem betäubenden Schlag.... Jetzt war es da!

Ja, jetzt war es da, wovor sie Jahr um Jahr erschauernd gebangt hatte, — etwas über alle Maßen Grauenhaftes, das sie zu Staub zermalmen würde. Nichts war sie gewesen; nichts hatte sie gewollt, nichts geleistet; und dabei hatte sie getrotzt und verurteilt und das höchste Spiel gespielt!

Jetzt war es da! Sie hatte geglaubt, die Sache mit dem Jungen sei das Äußerste gewesen; nein, erst jetzt war es da, jetzt, seit sie wieder ein frohes Zusammenleben mit ihrem Mann und festen Boden unter den Füßen gewonnen hatte.... Jetzt traf es sie — und traf sie tödlich.