Sie eilte hinunter ins Studierzimmer, während Tuft noch aß, und legte den Brief auf seinen Tisch; Hut und Tuch hatte sie schon an; und nun lief sie mehr als sie ging zum Haus des Bruders. Nun galt es biegen oder brechen.
An einem Fußweg bog sie nach der Kirche ab; dabei dachte sie an Oles letzte Predigt. Wenn ihr Zusammenleben von Anfang an so freie Wahl, auf solche Ziele eingestellt gewesen wäre! Sie weinte und lief auf das fürchterliche Haus zu. Links hinter dem Laub erblickte sie auch die weiße Hauswand des andern, in dem Kule wohnte — das Mordinstrument! Nein, nein, nein! Sie hatte ihn nicht kommen heißen; sie hatte keinen Teil daran! Doch — sie hatte gehört, wie man davon sprach, und es für ganz gerecht gehalten. Einige hatten es als guten Witz aufgefaßt, andere wieder ernst, ja, religiös. Josefine erinnerte sich jedes Wortes, zu dem sie geschwiegen, jedes Gedankens, den sie im Stillen gehabt hatte.
Mord, Mord! Da gab es keine Vergebung, das wußte sie. Was wollte sie bei dem Bruder? Er hatte ihr Kind gerettet; darüber hinaus wollte er nichts mit ihr zu schaffen haben. Und dennoch — ihr Leben hing von jetzt an diesem Fleck Erde; sie mußte hin, und wenn es ihr Tod war! Und sie hastete weiter.
Ihr Leben war geschändet; sie konnte keinem ehrlichen Menschen mehr ins Auge sehen. Mit Kälte und Bosheit hatte sie ein völlig, völlig unschuldiges Menschenkind getötet — hatte ihres Bruders Heim zerstört! Wie sollte sie darnach noch weiter leben? Was wollte sie jetzt? Ihre gerechte Strafe suchen? Aber die konnte nur sie selbst sich auferlegen. Zuerst mußte sie ihn gesehen, ihn gehört, selber mit ihm gesprochen haben — ja — — denn sie hatte auch etwas zu sagen, — — er wußte ja gar nicht, wie sie ihn liebe, wie sie ihn immer geliebt hatte; — er kannte sie überhaupt nicht. Und sie weinte und hastete weiter.
Sie sah ihn im Garten zwischen dem Haus und den Nebengebäuden stehen, über irgend etwas gebückt, was er eben in der Hand hielt. Sie sah ihn — über die Johannisbeer- und Stachelbeerhecke weg, wo die höheren Obstbäume ein bißchen weiter auseinanderstanden. Ein Frösteln durchrann sie; aber sie schritt weiter. Bald war sie unter den Bäumen des Parks, und bog dann nach dem Hof ab; nur die Mauer der Stallgebäude war noch dazwischen; jetzt trat Josefine hervor.
In einem hellgelben, rohseidenen Rock, demselben vielleicht, in dem er vor zwei Jahren gekommen war, stand er da — die Ärmel aufgestreift, die Manschetten abgelegt — und wusch unter der Pumpe einen Reisekoffer; die vielen Zettel, die die verschiedenen Eisenbahnen übereinander daraufgeklebt hatten, mußten aufgeweicht werden. Wollte er verreisen? Er war sonnverbrannt und mager; im Profil erschien sein Gesicht noch schärfer. Jetzt hörte er ihre Schritte und blickte auf.
Blickte ihr in das verweinte, flehende Gesicht. Von ihrer einstigen farbenfrohen Kleidung keine Spur mehr; ein dunkles Sommerkleid; um die Taille einen Gürtel; auf dem Kopf ein breitrandiger Strohhut mit braunem Band; über dem Arm lose ein Tuch. Ihre Tränen brachen hervor. "Edvard!" rief sie verzweifelt; weiter kam sie nicht....
... Denn er hatte den Koffer fallen lassen und sich hoch emporgerichtet; eine Stimme, die in zwei Oktaven zu klingen schien, sagte: "Nie verzeihe ich Dir, Josefine!" "Edvard — so laß mich doch erklären ... —" Sie wandte sich dem Haus zu, voll Angst und Verzweiflung, so streng sah er aus. Er glaubte, sie wolle hineingehen.
"... Nie kommst Du über diese Schwelle!" Und er stemmte die Hände in die Seiten, als wolle er Wache halten.