Der muntere Buchbinder und Spielmann verrückt geworden? Also hatte er sich seiner Macht entzogen? Oder trank er wieder? War es Delirium? Nein, es war einfache "Verrücktheit" aus Angst vor Kristen Larssens Geist. Kallem ging sofort mit.

Der Himmel war bewölkt; eine dunkle Nacht. Aber ein frischer Nordwind begann die Wolken auseinanderzufegen. Er rüttelte auch die Bäume am Weg; das laubdichte Rauschen fragte und spürte so manches auf, während sie vorübergingen. War es nicht auch seltsam und wunderlich, daß Aune, der unter den Leuten den Glauben an Kristen Larssens Spukerei aufgebracht hatte, jetzt selber davonrannte, in sinnlosem Entsetzen — vor seiner eigenen Luggeschichte? Jeden Abend, sobald es dunkel würde, versicherte Sissel, erschiene ihm Kristen Larssen und wolle ihn in die Hölle mit sich nehmen! — "Aber liebe Sissel, es gibt ja gar keine Hölle!" — Im selben Augenblick hörten sie aus weiter Ferne einen Schrei, einen einzigen, endlosen, schneidenden Hilferuf. Wie ein Gespenst stieg er auf durch die Nacht — man sah ihn beinahe. "Das ist er!" rief Sissel und faltete die Hände. "Jesus Christus! Hilf!" schrie sie und fing zu laufen an. Kallem eilte ihr nach. "Ruhig, Sissel! So kommst Du bloß langsamer vorwärts. Ruhig gehen, ruhig! Hörst Du?" Sie gehorchte sofort, wandte sich aber leidenschaftlich zu ihm: "Wer anders als der Satan kann einen Menschen so hetzen?" fragte sie schweratmend. Da schlug in der Nähe ein Hofhund an; der Schrei hatte ihn aufgeschreckt; er kläffte unaufhörlich. Kallems Stimme überschrie den Hund: "Aune ist so wenig vom Satan besessen als der wütige Köter dort! Weißt Du, wie überhaupt die Leute den Satan erfunden haben? Sie glaubten, alles sei vollkommen erschaffen auf Erden; und da hatten sie niemand, dem sie Schuld dafür geben konnten, daß die Sünde in die Welt gekommen war."

Im selben Augenblick fiel der rasende Hund sie an. Sissel flüchtete zu Kallem. "So ein wütiger Pfaff!" rief der und bückte sich nach einem Stein. Da wich der Köter ein Stück zurück. Ein neuer Schrei — näher als der erste — ein Notschrei aus der letzten Kraft eines Menschen. Ein Schauder überlief sie; sogar der Hund stutzte. Aber dann setzte er, an ihnen vorbei, in einem großen Bogen auf den Spuk los. "Gott steh uns bei — jetzt hat er ihn!" weinte Sissel auf und stürzte vorwärts; dem Hund durfte der Besessene auf keinen Fall zwischen die Zähne laufen! Und dabei hörten sie den Köter bellen, bellen, als ob er eine wilde Bestie vor sich habe, die er im nächsten Augenblick zerreißen wollte. Jetzt liefen sie beide, so schnell sie konnten; Kallem war Sissel bald weit voraus. Aune konnte es kaum sein, der da in Gefahr war, aus solcher Nähe hatte der letzte Schrei nicht geklungen. Das rasende Tier war über den ersten besten hergefallen. Wer aber war das? Seit seiner Kindheit war Kallem nicht so gelaufen; er hörte am Bellen des Hundes, daß der Gegner sich wehrte, und lief mit erneuter Kraft. Bald sah er am Wegrand vor einem Gehölz etwas Großes, Schwarzes, und davor den Hund. Noch einmal durchschnitt ein Schrei die Nacht; ja, er kam von dort her! Was war das für ein großer, schwarzer Klumpen? Doch kein Tier?

Nein, ein Mann war es, ein großer Mann, der mit einem kleineren rang, und auf beide ging der Hund los. Der Große schlug nach ihm, sie drehten sich umeinander; und zugleich hielt der Große mit der Linken einen andern gepackt. Und nun erkannte Kallem den breiten Hut über den breiten Schultern; Tuft war es, der Aune festhielt, mit Riesenkraft; der Hund wollte auf Aune los, und Tuft stieß ihn jedesmal mit einem Fußtritt weg. Wer weiß — Aune mochte glauben, der Hund sei der Teufel und Kristen Larssens Gespenst halte ihn gepackt; denn der Unglückliche schlug um sich mit Händen und Füßen, sperrte sich, biß um sich, zerrte und riß, um loszukommen; jetzt warf er sich hintenüber und mit dem letzten heiseren Rest seiner Stimme kreischte er: "Hilfe! Hilfe!" War seine Angst vorher schon groß gewesen, so wurde sie erst recht groß, als er Kallem aus dem Halbdunkel herauswachsen sah: er warf sich zu Boden und brüllte. Der Hund packte ihn sofort am Bein; der Pastor zog beide Beine gleichzeitig in die Höhe; so rasend war die Bestie, daß sie Kallem nicht bemerkte, bis der ihr einen Fußtritt versetzte, der sie ein paar Meter weit wegschleuderte. Ein einziges kurzes Aufheulen, ein Schnappen — ein Arzt versteht zu treffen — und sie sahen und hörten nichts mehr von ihr; vielleicht war sie tot.

Jetzt nahm Kallem Aune beim Arm und der Pastor ließ ihn los. Er war wirklich übel zugerichtet, der Rock schleppte zerrissen hinter ihm her, der Ärmel hing ihm in Fetzen auf die Hand herunter, ebenso sein wollenes Hemd. Das Blut quoll ihm aus Biß- und Kratzwunden; aber er war so angst- und wutentflammt, daß er überhaupt keinen Schmerz fühlte. Kallem packte den armen Narren mit beiden Händen am Kragen, hob ihn zu sich empor und bohrte mit all seiner durch den raschen Lauf und die Gemütserregung noch gesteigerten Energie den Blick in die Augen des andern, bis sie ganz groß und dumm und glasig wurden; mit aufgerissenem Mund und schlaffen Gesichtsmuskeln hing der Kerl da, wie ein ausgenommener Hering. Als endlich Sissel atemlos und weinend anlangte, lag Aune unter den Bäumen im Gras und schlief. Die beiden Männer standen vor ihm. Kallem meinte, Aune könne da liegen bleiben; Tau würde nicht fallen, da es windig sei. Später würde man sie beide abholen. Er denke, er werde schon Herr dieser Verrücktheit werden.

Der Pastor hatte seinen Rock ausgezogen, sich das Blut abgewischt und wurde, so gut es ging, verbunden; dann gingen er und Kallem heimwärts.

Kein Wort mehr von Aune oder wie er auf ihn gestoßen war; aber kaum standen sie auf dem Weg, sagte Tuft klagend: "Da war sie auch nicht, Edvard! Da war sie auch nicht!" Und kurz darauf: "Jetzt weiß ich nichts mehr, nein, jetzt weiß ich nichts mehr! Daß Du sie hast von Dir stoßen können, Edvard!" Das laubschwere Sausen der Bäume wiederholte es, wiederholte unaufhörlich: "Daß Du sie hast von Dir stoßen können, Edvard!"

"Weißt Du, was sie geschrieben und neben die Briefe von Dir hingelegt hatte? Um meines Lebens willen gehe ich zu meinem Bruder!"

Kallem überrieselte es eisig. "Um meines Lebens willen!" sauste es tausendstimmig, und das Sausen umwand ihn, enger und enger, bis er kaum mehr Atem zu holen vermochte.

Der Morgen begann zu dämmern; Tufts heißes, verzweifeltes Antlitz war gen Osten gekehrt, als flehe er unaufhörlich: "Gnade, Gnade für sie!" Er schritt aus, so schnell er konnte; er wußte nicht, wo er sie suchen sollte; aber er mußte gehen, gehen, gehen; — und Kallem mit.