"Ach, die Angst, die Angst!" jammerte er wieder. "Erinnerst Du Dich noch der Sturmnacht in unserer Kindheit, Edvard? Wir glaubten, die Welt würde untergehen. Weißt Du noch, wie Du Dich gefürchtet hast, am Abend darnach auf den Klippen? Diese ganze Nacht haben auch nach mir die 'Meerungeheuer' gezüngelt! Die Angst, die Angst! Die Seelenangst vor der Sündenstrafe! Von Kindheit an peitscht sie alles Verständnis aus uns heraus, gerade wenn wir es am meisten nötig haben! Und wir laufen davon und verzweifeln, oder werfen uns vor Gott in den Staub. Das Angstdogma werden wir später vielleicht los, aber das Anererbte, das Eingeübte! Und eben wie ich darüber nachdachte, stolperte ich über den verrückten Kerl; er sprang auf — die Angst war in ihm — er glaubte, ich sei ein Gespenst und der Hund sei der Teufel! Und Josefine! Auch sie verzweifelt und läuft davon! Und Du, Edvard! Auch Du, auch Du stehst unter dem Eindruck dieser Angst, wenn Du das Herz hast, sie noch mehr zu peinigen, als sie selbst sich schon peinigt! Denn das ist das schlimmste bei dieser Angst — sie macht uns schlecht; wer selber geschreckt worden ist, lernt andere schrecken!" — Die Worte fielen schwer, wie seine Schritte schwer klangen; Kallem redete nicht; wenn er litt, war er stumm.

Der Sohn des Laienpredigers aber hatte von kindauf alles Erleben in Lehren umsetzen hören. Er verblutete in seinem Innern; aber er sprach die ganze Zeit. Kallem dürfe nicht an Josefine zweifeln; sie sei das ehrlichste, wahrhaftigste Geschöpf auf Erden. In dieser Sache sei sie von ihm irregeleitet worden. Voll innigstem Mitgefühl legte er die Geschichte ihrer Seele bloß, so wie er selbst sie sah, und bewies deutlich — wenn ihr Bruder sie jetzt von sich stieße, so könne sie nicht weiterleben.

Kallem warf dann und wann ein "Lieber Ole!" — "Hör' mal, Ole!" dazwischen — aber weiter kam er nicht. Denn selbst, als er den Schwager mit sich nach Hause nahm, um seine Wunden genauer zu untersuchen, redete Tuft unaufhörlich. Es war, als ob das Entsetzen, die Ungewißheit ihn übermannen würden, wenn er schwiege; und dann — Edvard sollte sie so sehen, wie er sie sah, und vor allem, er sollte ihr helfen! "Allen, die gefehlt haben, müssen wir helfen; und vor allem müssen wir denen helfen, die gegen uns gefehlt haben, sobald wir selber ihre Schuld einsehen! Gottes Vergebung besteht darin, daß er uns dann weiter hilft!" — Noch als Kallem ihn zur Tür begleitete, fuhr er in seiner Auseinandersetzung fort; seine Riesenkraft gab auch jetzt noch nicht nach. O Gott! Wenn sie vielleicht doch mittlerweile zu ihrem Kind und zu ihm zurückgekehrt wäre! Seine Hoffnung war freilich nur gering; aber er lief doch, so rasch er konnte.

Es wurde heller und heller. Kallem konnte nicht schlafen. Schließlich hielt er es gar nicht mehr aus. In einer Angst, größer als er seinem Schwager hatte zeigen wollen, wanderte er durch alle Zimmer, wieder und wieder, als müsse er das Haus durchsuchen. Denn es war ja wahr: auch er hatte nur geurteilt und verdammt.

Die Schwester hatte immer mehr an ihm gehangen, als er an ihr. Seitdem sie diesen Winter zusammen getanzt hatten, wußte er, daß ihre Liebe sich nicht verringert hatte. Ja, selbst als er sie geschlagen hatte — war sie da nicht zu ihm gekommen, um ihm Gutes zu erweisen? Ihr Ausfall gegen Ragni damals ... natürlich steckte da noch mehr dahinter als Dogmenblindheit, — Eifersucht! Eifersucht war es, weil er alles nur noch Ragni war und ihr nichts mehr. Er hätte die beiden Frauen zusammenführen können; daran war kein Zweifel möglich. Aber hatte er auch nur einen Finger deswegen gerührt?

Je mehr er in die Tiefe stieg, desto mehr schrumpfte sein Recht, streng zu sein, zusammen; er war ja mitschuldig! Die großen Augen der Schwester von gestern Abend, ... jetzt schauten sie ihn in der äußersten Not an, jetzt sah er sie! Ihr ganzes Leben lang hatte sie, unklar und scheu, wenn nicht die Leidenschaft einmal die Luft reinigte, eingezwängt in widernatürliche Lehren, trotzig auf ihrer Wahrhaftigkeit beharrend, ausgeschaut nach ihm, Jahr für Jahr, Monat für Monat, Tag für Tag. Und als er endlich kam, stieß er sie beiseite. Stieß sie beiseite um einer Frau willen, die seiner nicht würdig war — so wie sie die Sache auffassen mußte.

Arme, arme Josefine! Er war ihr tatsächlich nie etwas gewesen, hatte ihr nur wehgetan, und doch hatte sie sich so treulich nach ihm gesehnt!

Es wurde ihm schwül in den Zimmern; und eine Angst überkam ihn. Es trieb ihn hinaus, die Schwester zu suchen. Heller und heller wurde es; im Vorgefühl des Morgens schlug er die Verandatür zurück. Aber er hatte ja da draußen nichts zu schaffen; im Gegenteil, er mußte sie wieder schließen, wenn er ausgehen wollte. Er trat hinaus, um sie wieder zuzumachen, und blickte dabei zufällig zur Seite: von der Veranda gegen den Nordwind geschützt, auf Ragnis Bank unter den Fenstern seines Studierzimmers saß Josefine, ihr Tuch über den Knien. Sie sah ihn und kroch in sich zusammen wie ein flügellahmer Vogel, der sich nicht vom Fleck rühren kann und doch Angst hat, man könne ihn sehen. Und doch saß sie ja bloß dort, damit er sie sehen solle! Nirgends anders konnte sie sein; sie hatte es versucht! Er eilte die Treppe hinunter, auf sie zu. Da zitterte sie. "Ach nein, nein Edvard! Laß mich sitzen!" bat sie und brach in Tränen aus. Und noch als er ihren Arm faßte und sie emporhob, flehte sie, weich wie ein Kind: "Ach nein, Edvard, laß mich!" Weiter aber kam sie nicht. Sie fühlte, daß sie an seiner Brust lag, fühlte die Bewegung, die sein Innerstes erschütterte. Nein, er war nicht böse! Er würde sie doch vielleicht anhören! Und sie schlang ihre Arme um ihn, und ihre Tränen mischten sich mit seinen. So standen die beiden Geschwister, Kopf an Kopf, Wange an Wange; und alles Verwandte in ihren Nerven und ihrem Blut, das älteste und ursprünglichste in ihrem Fühlen, das heimisch-vertraute in ihrem Erinnern, bis auf den leisen Geruch ihrer Kleidungsstücke draußen im Flur bei Vater und Mutter, all das strömte jetzt zusammen im Verlangen, nimmermehr voneinander zu lassen.

Und dennoch — als er mit ihr der Veranda zuschritt, zögerte sie; sie wagte nicht, ihm dahinein zu folgen. Durch Tränen sah sie zu ihm auf; er zwang sie vorwärts, Schritt für Schritt; noch auf der Treppe zögerte sie. Aber er zog sie weiter, bis sie in der Wohnstube standen; hier schlang sie wieder die Arme um ihn, sank dann auf einen Stuhl und barg das Gesicht in den Händen; das ganze Zimmer lauschte lange ihrem Weinen; und er mit.

Endlich ging er zu ihr hin und strich ihr übers Haar; aber er wußte, nicht er war es, der das tat; sondern Ragni.