Liebe Bergliot, hat Deine Gesundheit darunter zu leiden, oder sind Deine Fortschritte infolge der Gesundheit unbefriedigend, dann mache kurzen Prozeß, das ist meine Meinung. Du bist jung und kannst es nachholen.
Wenn Du auf dem Wege warst, Dich zu verlieben oder zu verloben, dann könnte ich ja verstehen — teilweise wenigstens. Aber ich hoffe, das hättest Du uns doch gesagt. Ich hoffe, Du hast Dich frei gehalten, wie Du einmal übers andre versichert hast.
Also muß es unbedingt Schwäche sein, und da bedarfst Du des Ausruhens. Am liebsten möchte ich, Du besorgtest das auf der Askov-Hochschule, da könntest Du einen gründlichen dreimonatlichen Turnkursus durchmachen. Meines Erachtens würde nichts Dir so helfen wie das.
Und Du willst Dich besiegt geben, Bergliot? Schwarz sehen und Tinte spucken? Mut in der Brust, Mädel!
Dein bester Freund Vater.
Liebe, süße Bergliot, die Geschichte mit dem naseweisen Prinzen hat mich furchtbar geärgert. Du mußt doch einsehen, das ist keine Annäherung — durch einen Brief! Solche Leute haben irgendeinen, der ihr Konzert veranstaltet, und durch den Betreffenden oder die Betreffende erfolgt dann die Annäherung. Soll sie nicht durch so jemand erfolgen, sondern direkt, dann kommt man auch direkt, und ist man unverheiratet, mit der Person, die im Hause repräsentiert. Ich kenne Dich gar nicht wieder, daß Du auch nur einen Augenblick von dem fürstlichen Lümmel Notiz genommen hast. Du hättest zu Sansot (rue Clauzel 23) gehen sollen; er ist ein Franzose und ritterlich.
Die Sache mit den Amerikanern gefällt mir gut, wenn Du jedesmal ehrenwerter Leute und ehrenvoller Behandlung sicher bist. Du mußt Dich selbst vor der Öffentlichkeit behaupten lernen, und Du darfst nicht glauben, daß Du das kannst ohne lange Übung im öffentlichen Auftreten. Aber es darf Dir nicht zu viel Zeit wegnehmen und nicht zu große Toilette erfordern; denn sonst ist es nicht lohnend genug und viel zu früh; jetzt hast Du Deine Zeit nötig. Ja, liebe Bergliot, es freut uns ungemein, daß man also — und zwar Leute, die sich auf Gesang verstehen — Dich schon jetzt auffordert, vor den Amerikanern zu singen. Also hast Du Deine Zeit in diesem Winter gut angewandt. Ich verlasse mich darauf, daß Du in diesen Gesellschaften Dich freihältst von allem, was nach Absichtlichkeit oder Koketterie aussieht; so etwas liegt kaum in Deiner ehrlichen, schlichten Natur. Und ich bin überzeugt, daß die Besten dies auch sofort einsehen werden, und die anderen allmählich dahinter kommen. — Ganz gewiß hat Frau Lürig Recht darin, daß vier Monate ohne Gesang zu viel sein würden. Aber bist Du noch nicht so weit, daß Du anderthalb Monate ohne Lehrerin üben kannst, — ich meine durch Tonleitern die Stimme auf der Höhe und gleichmäßig erhältst, und Dir durch Einstudieren norwegischer Lieder ein schönes Repertoire zulegst? Darüber mußt Du sofort und bestimmt mit ihr reden, hörst Du! Darüber ins reine zu kommen, dürft Ihr nicht aufschieben, hörst Du!! Ich glaube nicht, daß es für Dich gut sein wird, bis Ende Juni zu bleiben; ich glaube es wirklich nicht. Das ist wichtig für Dich, weil die Gesundheit ein schwerwiegender Faktor ist in den Dingen, die Deine Studien zu einem hohen Ziel führen sollen. — Jennys Beschreibungen mußt Du buchstäblich nehmen, also genau so, wie sie es sagt; — denn das ist die Seite, die sie ärgert; die andre, die sie ergötzt, vergißt sie, — bis man in ihre Nähe kommt und sieht, wie vergnügt und frisch sie selbst ist. — Liebe, süße Bergliot, wie sehnen wir uns nach Dir; aber das darf Dich auch nicht einen Tag Deiner Übungen kosten! es gilt einzig und allein die Rücksicht auf Dich selbst, auf Deine Gesundheit. — Wieder kalte Tage, die das Fest der Schneeschmelze aufhalten! Wieder blitzende Keilereien mit Bruun; aber er ist jetzt zahmer. Ja, ich fühle mich nun hier daheim behaglich, so wie es nun einmal ist. Wenn bloß unsre öffentlichen Zustände gesunder wären. Aber auch das renkt sich wohl noch ein. — Wir haben aus dem Kutschwagen einen Char-à-banc gemacht und uns einen kleinen zweirädrigen Federwagen und einen großen dito (auch auf zwei Rädern) für Gepäck, den Wein und derartiges, angeschafft.
Dein Freund Vater.
19. Mai 1889.
Liebe Bergliot, ich denke mir, Frau Lürig und Du seid wieder gute Freunde, wenn Du diesen Brief bekommst. Das ist ja zu kindisch im Kern! An Lehrern oder Lehrerinnen soll Deine Zukunft nicht scheitern. Aber wenn es in Deinem Brief aussehen soll, als wollest Du gegen Deine Überzeugung nachgeben, nur um vorwärts zu kommen, so soll der Teufel den Wisch holen. Nein, gib da nach, wo Du unrecht hast, und meinetwegen auch in allerhand Dreck und Blödsinn und sonst was; aber nicht da, wo Du recht hast und es Deine Selbstachtung direkt angeht. Mag dies Erbe Deines innern Wesens Dir auch mancherlei zu schaffen machen, so hast Du doch auch Freude davon und seelische Entwicklung. Es ist ja etwas in Dir, das Du lernen mußt zu beherrschen. Und es ist schlimm, daß Du in Deiner nächsten Umgebung Streitigkeiten hast, wo Du Frieden haben solltest. Im Hause nämlich. Es ist auch schlimm, daß Du niemand hast, zu dem Du gehen kannst, und der jetzt für Dich eintreten könnte. Ich habe es Dir schon früher gesagt, und ich sage es Dir wieder, das ist falsch. Wir müssen alle so dastehen, daß wir gegebenenfalls Verteidiger haben. Aber Du verkehrst nicht mit Runebergs, nicht mit Sansots, nicht mit Tschernings, also mit keinem von denen, die Dir in unserm Namen Ratgeber und Beschützer sein könnten.