Lillehammer, 20. Mai 1889.

Liebe, süße Bergliot, Dein Brief vom 16. Mai hat einen Jubelsturm hervorgerufen heute; wir bekamen ihn noch im Bette, oben bei Lundes. Heute, das heißt Montag; wir sind gestern, Sonntag, um 11 Uhr hier angekommen, — so zeitig, daß eine kleine Deputation mit Blumen, die von Balberg aus uns entgegenkommen wollte, zu spät erschien; sie waren mit auf dem Solbakkefest gewesen und wollten ihre Dankbarkeit beweisen.

Tausend Dank für Deinen Brief! Mutter und Dagny sind beim Zahnarzt, und ich habe versprochen, Dir ein paar Worte zu schreiben.

Liebe, süße Bergliot, Du sollst in Licht und Hoffnung leben; Du sollst es gut haben. — Ich habe mich sehr gewundert, daß Du nicht mit bei dem Ausflug der skandinavischen Künstler nach Meudon warst. Ich wundere mich sehr, daß Du nichts über Thommessens schreibst, die lange Zeit in Paris gewesen sind. Am 17. Mai bekamen wir ein Telegramm von ihnen, und Dein Name war nicht mit dabei; also warst Du auch nicht da. Das geht aber doch nicht an, daß Du so ganz außerhalb lebst, wenn etwas Derartiges vor sich geht! Hast Du keine skandinavischen Freunde sonst als Cavlings? Hast Du zu niemand Vertrauen? Du bist so exklusiv.

Von Lundes die herzlichsten Grüße! Von allen, allen! Freude darüber, Dich bald wiederzusehen! Wonne darüber, daß es Dir gut geht! Herrliche Sommertage, prächtige Stimmung! Leb wohl!

Dein Freund Vater.

16. Juni 1889, morgens.

Ich wünsche Dir Glück, Du geliebtes Menschenkind! Alle Fahnen gehißt an dem herrlichsten Sommersonntag! Der Hahn kräht in dem hohen Gras, die Küken, die kleinere Brut, piepsen in neunstimmigem Chor in ihrem prächtigen Gelaß unter der Treppe zum Vorratschuppen, und die größere Brut auf dem Hofe draußen, beide unter der weisen Leitung ihrer Mütter; sechs Schweine singen Baß und Bariton weiter weg im Schweinegehege, Elster und Krähe machen einen Heidenlärm dicht davor; von Bö her Knall auf Knall vom Schützenfest; Erling ist Vereinsvorstand; die Schellen der Pferde ertönen vom Tal unten herauf, zwei Hengste halten oben im Stall die gute Laune aufrecht, sie wiehern um die Wette nach einer Stute, die den letzten Tag dort steht (sie soll unter der Obhut eines Hengstes auf die Weide); Großmutter geht herum und knickst „gratuliere“! Oline ist angekommen und huscht umher, stiller als ein Mäuschen, und räumt auf, Karen hat die Hälfte von Mutters sechs Paar Strümpfen aufgefressen und tut ganz geschwollen vor Scham und Reue, Dagny trappelt im Hemde umher mit staubigen Füßen noch von gestern, Erling streckt seine verbundenen Finger von sich und überlegt, ob er zu Amtmanns fahren und um Marit anhalten soll (Karoline ist gekommen); Petter reist hinter Keilhau her; — und Sonne und Fliegengesumme und Hahnenschrei und Stille und Flaggen — und

Dein Vater,
der schreibt.

Juni 1889.