Liebe Bergliot, wir sind ganz entsetzt, daß Du in dieser Sonnenhitze von Pontius zu Pilatus rennst nach Zeugnissen; im nächsten Brief bist Du wohl gar bei Präsident Carnot und Madame Marchesi gewesen. Vom Champ de Vincennes nach tour d’Eiffel und Mad. Viardot! Und Du behauptest, Du seiest nervös? Das glaube ich; das wird man von weniger! Allein die arme Madame Lürig läßt Du sitzen und sich die Nägel kauen. Und im übrigen heidi — in einem cours triomphal! Hast Du nie Deinen alten Drachen mit oder ihren Hund oder ihr Dienstmädchen? Läufst Du allein umher? Nein, es ist ja wahr, Mad.selle Breslau war ja einmal mit, und ein andermal eine geheimnisvolle englische Dame, und in Vincennes Cavling, jedesmal weranders! Ich hoffte, von Sansots zu hören; aber nicht ein Wort! — Du bist so betriebsam geworden, daß, wenn jemand mir erzählte, Du hättest vor Ambroise Thomas gesungen in Gegenwart des Schahs von Persien, ich es für ganz wahrscheinlich halten würde. Du endigst mal als Operndirektrice; der unternehmende Geist Deiner Mutter ist in Dir wiedergeboren, und sie hätte eigentlich das Bon marché oder Les grands magasins du Louvre leiten sollen. — Unsre Töchter werden sicher noch mal unsern Jungens die Butter vom Brote nehmen; denn nun glaub’ ich, auch Dagny wird Künstlerin, — entweder Schauspielerin oder Schriftstellerin, oder beides. Auch sie fängt an, diese nervöse Unverzagtheit an den Tag zu legen, die Du hast. — Ja, im Ernst — ich fange an, auch in Dagny so was zu ahnen. — Mein süßes Mädel, in ein paar Tagen bist Du hier; und ist das Wetter wie jetzt, so kommst Du wie im Schlafe angeschwommen. Gib Dich nicht dazu her, den Leuten an Bord was vorzusingen, so daß wir den ganzen norwegischen Klatsch hören müssen, lang eh Du selber kommst! Mein Rat; aber tu Du, wie Du willst. Das Piano bereits in Lillehammer; jetzt schaffen wir es hier herauf, daß es dasteht, wenn Du kommst. — Arvesen hat angekündigt, daß ein amerikanischer Freund von Arve hierher kommt und Arve selber. — Ich freue mich nicht auf all den Klimbim. Je älter ich werde, desto weniger. Im übrigen ist die Luft so voll Elektrizität, daß ich kaum arbeiten kann. — Mutter berichtet wohl von Erlings Unfall. Mir imponiert es mächtig, daß er es wagt, sich einem scheu gewordenen Pferd entgegenzuwerfen und es zum Stehen zu bringen. Dazu gehört ein Mut, wie ihn nicht viele haben; und denk Dir, er hatte sich dabei an dem anderen Pferde die Hand so abgeschunden, daß er mit dem roten Fleisch das tolle Tier anpackte, das ihm mit dem Wagen auf einem Rad entgegenkam! Tapferer Bengel! Ja, wenn dies also der letzte Brief ist, ehe Du kommst, — Dank für all Deine Montagsplaudereien, liebe, süße Bergliot! Und mach’ die entsetzliche Hitze dafür verantwortlich, daß Du wieder nichts bekommst als Unsinn.
Dein Freund Vater.
Ich habe nicht von Erling berichtet, weil ich nicht zuhause war und es nicht gesehen — sondern bloß gehört habe und nicht genau weiß, wie es zuging.
22. September 1889.
Wahltag in Paris; wenn er bloß gut abläuft.
Lieber, lieber Schatz, Du mußt doch nicht immer die wechselnde Laune eines anderen Menschen so tragisch nehmen, wie Du’s bei Madame Marchesi getan hast, oder es so auffassen, als sei nun alles, was ein anderer sagt, auch seine endgültige Meinung. Du mußt von Dir selbst wissen, wie leicht Deine eigne Meinung wechselt nach Deinen eignen Stimmungen, und selbst die stärksten Menschen sind nicht immer so neutral, so selbständig unbeeinflußt, daß ihr Urteil völlig ihr eignes ist. Stell’ Dir vor, Du kommst bei Madame Marchesi an die Reihe nach einer Stimme, die wie ein Meer von Klang ist? Dann hast Du ja eine „kleine“ Stimme; stell’ Dir vor, daß dieses Meer oder etwas andres Privates sie geärgert hat, — dann sagt sie Dir, daß Du „eine kleine“ Stimme hast. Das hast Du ganz und gar nicht. Zu den „großen“ gehört sie nicht; aber sie wird (wenn sie nie forciert, nie bis zur Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angespannt wird, sondern immer in vollem Wohlklang ist) sich überall groß genug anhören, sei es in der Oper oder im Volkskonzert; ihre intensive Klarheit wird es schon mit weit größeren Stimmen aufnehmen können.
Auch ich, wenn ich die Stimme zum erstenmal hörte und von allem Persönlichen in ihr und in Dir absähe, würde sagen, ganz unbedingt sagen: es ist eine lyrische Stimme, keine dramatische. Kannst Du Dich erinnern, wie ich Dir sagte, Madame Marchesi würde zweifellos den Versuch machen, sie für die feinsten Sachen auszubilden? Und Du würdest deshalb jedenfalls zwei Jahre bei ihr singen müssen statt einem? — Sei ganz sicher, — an dem Tage, an dem sie Dich frei von der Leber weg hat singen hören oder überhaupt Dich richtig erfaßt hat — wenn auch nur als Persönlichkeit — wird sie ihre Ansicht ändern. Vorläufig ist es ja auch ganz gleichgültig für Dich, was sie über Deinen zukünftigen Beruf denkt. Richte Du Dich ein, wie es Dir nach Deinem eigenen Gefühl am besten erscheint; nimm Unterricht in Plastik usw.
Die Hauptsache ist ja doch, daß Du Dich vervollkommnest in der Gesangskunst, und das kannst Du am leichtesten, am allseitigsten (jedenfalls was das Technische betrifft) als „lyrische“ Sängerin. Dein Temperament, Deine ganze Veranlagung weisen Dich auf den Weg zur Oper; und den betrittst Du, wann Du selbst es willst, — hast Du erst die ganze Kunst, die ganze, ganze Kunst bis ins Feinste und Letzte weg. Und dahin mußt Du kommen!
Selbst das ärgert Dich, daß sie will, Du sollst ganz im kleinen anfangen. Natürlich geschieht das deshalb, um die Fehler in Deiner Stimme zu packen. Es sind Töne da, die Du nicht so frei nimmst wie andre Töne, die Du quetschst; z. B. mit dem „l“, in das Du ein „i“ oder was Ähnliches hineinbringst, ehe Du es nimmst. Übrigens habe ich nie von einem Musiklehrer gehört, der nicht von seinen Schülern verlangt hätte, sie sollten wieder von vorn anfangen; da ist sicher auch viel Wichtigtuerei mit im Spiel!
Du mußt es bei Dir selbst fühlen, Bergliot, was wir, die Dich hören, wissen: daß in Deiner Stimme etwas ist, das durch seine Klarheit, seinen Ausdruck, seinen Liebreiz bezaubert oder „vertrollt“, wie es auf norwegisch heißt. Und auf dem Ankergrund dieses Bewußtseins sollst Du Deine Arbeit befestigen, daß niemand daran rütteln kann. Du sollst Dich ruhig und sicher rüsten für Deine Fahrt —, wohin sie führt, wird sich schon zeigen. Daß Du aus Deinen ganz besonders schönen Mitteln gemacht hast, was sich daraus machen läßt, darauf kommt es an; denn dadurch hast Du selber Sicherheit und wir anderen Gewißheit. Wenige müßten sich so glücklich und arbeitsfreudig fühlen wie Du, Bergliot.