Liebe Bergliot, nun also der Brief war schon heiterer. Mad. Marchesi hat Dich nicht umgebracht, Deine Stimme ist nicht eingerostet, Du selbst bist nicht in die Seine gesprungen, Paris ist auch nicht untergegangen. Das letztemal sah es recht trübe aus. Es wäre doch sehr nett, wenn es wenigstens etwas gäbe, was fest bestehen bliebe, selbst wenn Deine Laune zum Teufel geht. Aber wenn die ganze Welt aus den Fugen gehen soll, so oft die Marchesi den Mund verzieht, so kann mir die Welt nur leid tun. Wenn Du nur z. B. Dir selber klar würdest, daß Deine Stimme von einem Klang und einer Reinheit erster Klasse ist, so ließe sich ja der Gedanke ertragen, daß sie nicht groß ist oder an augenblicklicher Schwäche leidet. Und wenn es feststände, daß Du seltene dramatische Schwungkraft und Illusion in Dir hast, so wäre es ja wohl möglich, mit der Entscheidung der Frage: wozu? zu warten, bis die Stimme völlig ausgebildet ist. Selbst wenn es etwas länger dauern sollte: die vollständige Ausbildung der Stimme ist das Erste.
Auf Zweierlei bin ich sehr gespannt jetzt: findest Du, daß Du Fortschritte machst, etwas lernst, das Dir ganz besonders vorwärts hilft, Fehler ablegst, Neues aufnimmst, — und ferner auf den Preis! Du mußt Dir doch einmal darüber klar werden, was der Spaß kostet. — Erling und Anna sind gestern abend gekommen, und Freitag, den 11., soll die Hochzeit stattfinden, so gibt es viel zu tun hier; darunter mußt auch Du leiden. Alles soll umgekrempelt werden; wir glaubten, es sollte am 14. sein; also Mutter ist böse und hat keine Zeit zum Schreiben. Anna ist wirklich lieb, so ganz unberührt; sie müßte für eine ganz bedeutende Entwicklung empfänglich sein, und es ist eigentlich eine Sünde, daß das alles nun in der Sorge ums tägliche Brot aufgehen soll, — wenn wir auch das Unsrige dazu tun werden, daß es nicht so wird.
Du wolltest die Frauenzimmer in der Rue Labic (oder wie sie heißt) aufsuchen, nur ein Frühstück im Hause, nur ein Zimmer; erkundige Dich! Das Paar meldet seine hohe Ankunft telegraphisch. Sie möchten gern irgendwo in Ternes wohnen; Du hast freie Hand, Vorsehung zu spielen.
Wir haben einen neuen Ochsen aus Telemarken, eins der schönsten Tiere, das man je hier gesehen hat, 130 Kronen, 1½ Jahr alt. Ullmanns Knecht hat ihn gebracht. Dann haben wir unsern eignen Ochsen und eine Färse verkauft — ohne daß das den Preis für das Biest aus Telemarken eingebracht hätte. — Mutter, Erling und Anna sitzen und schreiben die Einladungen zur Hochzeit. Bloß Annas Eltern, Fyksens, Pfarrers, Börresens, Even Toft und Kätnerleute von hier. Lundes und Mejdells aus Lillehammer und mein Bruder mit Frau aus Xania. Die Neuvermählten fahren Freitag um 5 Uhr von hier nach Lillehammer ins Victoria-Hotel — ha! wie Bergliot schreibt! — Wir haben das allermildeste Wetter. Wir pflügen für nächstes Jahr im voraus und lassen den Stall und den Schweinekofen inwendig bewerfen, ebenso Karens Raum (oben neben Erlings), und eins wird wärmer als das andre. Alle Gebäude instand zur Übergabe außer der Einrichtung des Kuhstalls.
Hier ist ein solcher Wirrwarr, daß das Schreiben gar keinen Sinn hat.
Dein Freund Vater.
Sonntag, 13. Oktober 1889.
Liebe Bergliot, das Haus ist noch immer voll von Gästen; Peter und Laura, Sigurd und Lina, Frau Mejdell, Frau Lunde und Elisabeth Konow sind alle hier.
Daß Du es entgelten mußt, das kann nicht anders sein. Du mußt einen Ersatz dafür in Erlings und Annas Besuch diese Woche sehen. Morgen abend (Montag) reisen sie von Kristiania ab.
Also am Hochzeitstag war gutes Wetter mitten in der Regenzeit. Gutes Wetter, klarer Himmel für die Flaggen. Am Abend vorher waren Sigurd und Lina gekommen und Peter und Laura und Arvesen; so daß das Haus in Festlichkeit erwachte; und die Flaggen verkündigten es sofort; auch Bö hatte geflaggt.