Um halb eins kamen die Gäste, alle in Wagen mit zwei Pferden, Fyksens und Annas Eltern, Konows, Amtmanns, Börresens, der Landrichter und Lundes. Ohne Verzug ging es zur Trauung. Hier im Arbeitszimmer war alles hergerichtet (das beschreibt Mutter). Die Leute vom Gut waren auch da, und als die beiden treuherzigen, lieben, jungen Menschen sich erhoben und „Ja“ sagten, da brachen wir alle, die ihnen die nächsten sind, in Tränen aus, und ich weine jetzt wieder, während ich das schreibe. Die Handlung war feierlich, nicht ein unwahres Wort dabei. Und der alte Mejdell so rührend, und stellte die Fragen an Erling wie an einen Sohn, mit „Du“ und mit solcher Wärme und Teilnahme! Und Anna war so unglaublich niedlich in ihrem schwarzen Atlaskleid und so freudig und so gerührt. Und das waren wir samt und sonders. Wir waren mit einemmal eine Gemeinschaft.
Keines von uns vergißt den Tag; er hinterließ eine Stimmung, von der wir noch heute zehren. — Aber ich muß Dir noch vom Essen erzählen, es war so angeordnet, daß jede einen Tischherrn hatte (Inga, Elisabeth, Cäcilie Mejdell und Dagny die Kätner), da sagte Ole Dokken, wie er so dasaß, mit einemmal zu seiner Dame, Inga, so daß es alle hörten: „Nee, nu muß ich ’n bißchen raus“, und damit ging er ab und kam kreuzvergnügt und harmlos wieder herein. Seitdem heißt es hier im Hause: „Nee, nu muß ich ’n bißchen raus!“ jedesmal, wenn einer aufs Örtchen muß. Und dann muß ich Dir erzählen, daß das Tintenfaß, das beim Unterschreiben des Kontrakts benutzt wurde und ebenso die Feder (eine Goldfeder mit Diamantspitze) meine Jubiläumsgeschenke waren, und wir machten aus, Du und Dagny dürften sie auch benutzen. Und der Brautschleier war Mutter ihrer, und den sollt ihr, Du und Dagny, auch tragen.
Elisabeth, Inga und Dagny machen einen Heidenlärm über mir, ich kann fast nicht schreiben. Nein, ist diese Inga eine Perle! So ein gediegener, verständiger, guter, entzückender Mensch! — Na, ich weiß ja, Du erfährst alles mündlich, also will ich lieber einen langen Spaziergang machen mit Peter und Sigurd, anstatt mit Dir zu schwatzen heute. Mir ist auch so weinselig im Kopf. Dein letzter Brief gab ein Bild davon, daß Du Dich über Deine Fortschritte freust. Erzähl’ etwas von Deinen Klassenkameraden, und wie es dort zugeht. Singt Ihr Euch gegenseitig vor? Wie lange dauert es dann? Ihr müßt also mehrere Stunden hintereinander da sein?
Dein bester Freund, Dein Vater
B. B.
Aulestad, 19. Oktober 1889.
Liebe Bergliot, Deinen nächsten Brief mußt Du nach Kristiania richten, denn gleichzeitig mit diesem reisen Deine Mutter und ich dorthin. Ich habe einen so herzlichen Brief von Grieg bekommen, und dann will ich mir die Ausstellung ansehen und „Olaf Trygvason“ hören, und sehen, was in aller Welt Thommessen vorhat, und noch so allerhand andres. Übrigens ist es eine Schande, daß ich meine unterhaltsame Arbeit unterbrechen muß. Deine Erkältung hat mich erschreckt. Zwei Dinge verbiete ich Dir, nämlich, Dich zu verloben und Dich zu erkälten. Denn beides ist unmöglich, wenn man es nicht selbst will. Durchaus unmöglich. Das ist auch das erste Mal, daß Du von Erkältung schreibst und eine Sängerin muß lernen, sich nicht zu erkälten, und streng befolgen, was sie durch Erfahrung darüber gelernt hat. Wer von seiner Kehle leben will und doch sich erkältet, dem gehören Prügel. Das ist meine Meinung. Ich bin das ganze Jahr nicht erkältet.
Björns großer Erfolg in Kopenhagen hat uns und alle möglichen Menschen erfreut. Ein voller Triumph! Die da drinnen (in Kristiania) wissen nichts davon, daß wir jetzt kommen. — Wir freuen uns rasend. — Lies nun endlich Letourneau von Anfang bis Ende. Wenn Du diese Dinge kennst, so kommst Du eher zum Ergebnis der Geschichte als eine Menge Menschen, die Weltgeschichte zum Abiturium studiert haben. Und möchtest Du es lieber auf norwegisch haben, weil es Dir unangenehm ist, es auf französisch zu lesen, so sollst Du es sofort haben. Versprich mir das! Aber wo bleiben die zwei Bücher, die ich Dich bat zu kaufen? Bei denen eilt es sehr mit dem Lesen, sieh zu, daß ich sie bekomme, nicht beide auf einmal, aber eins nach dem andern. — Hier oben sind sie dabei, den Bauplatz zu graben, Bauplatz, Bauplatz, Bauplatz! Übrigens hübsch, daß man weiß, da werden sie wohnen! — Sage Erling und Anna, daß sie nicht lange wegbleiben dürfen, lieber ein andermal wieder fort, wenn vielleicht wir auch fort sind. Du mußt ein bißchen von ihnen erzählen; sie kommen wohl nicht dazu, selbst viel zu schreiben. Sag’ Erling, daß wir im Handumdrehen große Ersparnisse machen. Dem Baumeister geben wir 3 Kronen täglich bei eigner Beköstigung, und er macht für uns die Akkorde mit den anderen. Wir streichen eine ganze Menge von dem, was der Architekt hingeschmiert hat; will man es später nachholen, so ist immer Gelegenheit dazu. Wir legen Schieferboden in den Kellern anstatt Ziegel, legen keinen Zinkboden im Badezimmer, bauen keine Veranda, richten es aber so ein, daß einmal eine gebaut werden kann, wenn es gerade paßt. Und die Fensterrahmen erneuern wir nicht; das kann auch ein andermal geschehen. Wir graben auch keine Abflußrinnen durch die Keller; der Grund ist vorzüglich, und das sind überflüssig angeordnete Dinge. Wir mauern die Keller nicht aus; das wird rasend kostspielig und ist sicher ganz unnötig. Auf diese Weise sparen wir viele tausend Kronen. Und der Baumeister steht dafür ein, daß das Haus auch ohne das gut und schön wird. Das hier mußt Du den „Jungen“ vorlesen und ihnen sagen, daß wir alle Tage von ihnen reden, und sie, sobald sie sich losreißen können, wieder zu Hause haben möchten. — Ich habe mich gefreut, in Deinem letzten Brief einiges von der Klasse und dem Unterricht zu lesen; Du solltest Dich darin üben, mehr derartiges zu sehen und wiederzugeben; es wird Dir selbst Freude machen, es zu können; denn Du hast zweifellos Anlage; aber es gehört Übung dazu. — Es hat mir dieser Tage Spaß gemacht, von der Begegnung zwischen dem deutschen Kaiser und dem russischen zu lesen. In der zierlichsten Form die entschiedenste Werbung und die entschiedenste Ablehnung. Und beide dachten bei jedem Wort, das sie sagten, an Frankreich, obwohl der Name nicht genannt wurde. Wenn Du die Reden gelesen hast, so verstehst Du, was ich meine.
Wir haben einen langen Brief von Ejnar gehabt und haben ihm wieder lange Briefe geschickt und die Zeichnungen vom Haus, hübsch ausgeführt, und einen Deiner Briefe und Sansots letzten Brief und noch allerhand sonst. — Mit Inga und Dagny geht es ausgezeichnet. Diese Inga ist prächtig. Ich habe ihnen zum Frühjahr eine Spritztour nach Kristiania versprochen. Dagny soll wenigstens einmal im Jahre nach Kristiania, ins Theater usw. Wenn wir sie doch nach Paris schicken könnten! Du mußt wirklich Deine alten Leute von uns grüßen; ich freue mich so sehr darüber, daß Du bei guten, gebildeten Menschen bist, die Dich gern haben. Und wie ich mich freue, daß Du so gut schläfst! Mehr als darüber, daß Du arbeitest! — Ist ja wahr, Du mußt Erling erzählen, daß „Han“ ein ausgelernter Dieb geworden ist. Er muß zweifellos aus einer Diebsfamilie stammen. Nicht allein, daß er hier stiehlt, darauf spannt, wenn die anderen gegessen haben und der Tisch unbeaufsichtigt ist, und dann auf den Hinterpfoten herumgeht, mit den Vorderpfoten auf den Tisch, die Teller abschleckt, alles nimmt, was ihm zusagt; sondern er geht auch auf andere Höfe und stiehlt; auf einem Gehöft erwischte er einen Ziegenkäse, auf einem andern fraß er eine Schüssel kalten Brei aus, Frau Börresen stahl er Fleisch, — und so die Runde herum, zum Schrecken der Leute. Das wird noch sein Verhängnis werden, armes Tier. — Erzähle, daß hier jetzt gedroschen ist. Wenig, aber vorzüglich. Der Kleesame ist völlig mißraten; wir haben ihn nicht einmal durch die Maschine gehen lassen. Tausend Grüße von uns allen!
Dein Freund Vater.
Ich schicke kein Buch.