Cavlings. Er ist ja in Kopenhagen, und ich weiß seine Adresse nicht.
Liebe Bergliot, ich habe eine arbeitsreiche Woche hinter mir, es geht nun flott mit der Erzählung. Und mitten in der Arbeit mußte ich mich über Dich freuen, mein keckes Mädel, daß Du es das erstemal, wo Du aufgetreten bist, so gut gemacht hast. Cavling strich Dich natürlich zu sehr heraus; aber es war so gutherzig und warm geschrieben, daß ich es den andern nicht vorlesen konnte, sondern es Keilhau geben mußte. Die Namen der beiden Damen, von denen Du schreibst, daß die eine mit Dir, die andre mit Madame Lürig gesprochen hat, kann ich nicht lesen. Du mußt ein einziges Mal versuchen, deutlich zu schreiben. — Herrgott, Bergliot, Du solltest bloß wissen, was es heißt, etwas Schönes über seine Kinder zu lesen, und dabei sicher zu sein, daß es wahr ist. Das übertrifft alles, was man überhaupt lesen kann. — Nun fängst auch Du an, uns diese Freude zu bereiten. — Propstens sind vor kurzem hier gewesen; die Mädels sind nach Bergen gereist, um unter die Haube gebracht zu werden, und ich habe ihn bös geneckt. — Sonst keine Neuigkeiten von hier, außer daß N. N. vor die Tür gesetzt ist. Sie hatte eine Nasenspitze, die trippte gerade ins Essen hinein, und darüber entzweiten sich Karen und sie, und noch hundert andre Dinge kamen dazu, und schließlich wurde sie ganz unmöglich. Wir setzten den Koffer und die Kommode und die Tasche und das Weibsbild und die Trippnase auf einen Langschlitten und fort damit, adieu! — Große Freude im ganzen Hause. Großer Spektakel mit Geschichten über sie, seit sie weg ist. — Ich habe nichts gehört, ob Du jetzt Darwin liest. Ich schickte Dir das über die Vererbung; das solltest Du nach Dir Frau Runeberg lesen lassen; es wird ihr großes Vergnügen machen, und Du könntest gleichzeitig herzlich für den Brief danken. Glaube mir, der war reizend. — Jetzt sind wir des Abends vom Whist zum Boston übergegangen, und weiß Gott, die Mädelchens sind dabei ebenso pfiffig wie wir! — Heute wurde Peters Mutter begraben; der Sarg wurde hier gemacht, und die Pferde gingen von hier, so daß die ganze Gesellschaft von Baklien aus in Schlitten zur Kirche fuhr, alle Dienstboten und Kätner. Und die Mädelchens kamen mit ihren Handschlitten zur Kirche hinauf, und weil der Leichenzug nicht rechtzeitig kam, schlitterten sie den neuen Weg hinunter bis nach Solhejm; und dann saßen sie bei der Leiche auf bis oben und fuhren vor dem ganzen Leichenzug noch einmal hinunter! Keilhau und Erling mit zurück, wo große Gesellschaft war, und sie spielten Whist mit Fedje und Peter (der vielleicht außer Erling der beste Whistspieler in Gausdal ist) und kamen um 7 Uhr heim und waren sehr erbaut von der Fahrt und der Gesellschaft. Aber es sieht so aus, als ob Peters jüngstes Kind (3 Wochen alt) ebenfalls dran glauben muß, also gibt es noch ein Begräbnis. Auch Mathias’ Frau, die Ingeborg, stirbt gewiß bald. Wir haben ihm mit Geld und Essen und Kleidern für die Kinder helfen müssen, obwohl er das größte Anwesen des Gutes, vielleicht des ganzen Kirchspiels hat; es geht rückwärts, wenn die Frau krank liegt. Also, Ihr taugt doch zu etwas, Ihr Frauensleute, selbst wenn ihr uns nicht vorsingt. Ja, Du bist doch unsre einzige herrliche Bergliot, Du! Oh, wie ich Dich lieb habe, ganz gleich, zum Teufel, ob Du eine berühmte Tochter wirst oder nicht.
Grüße Mad. Lürig und Deine alte Dame. Du kannst Geld für die Uhr geliehen bekommen.
Dein Freund Vater.
Liebe Bergliot, hast Du den „Professor“ gelesen? — Falls nicht, so schicken wir Dir das Buch, und Du es Ejnar! Dank für alles, was Du mir schickst! Es freut mich erstens an und für sich, und dann, weil es von Dir kommt und zeigt, daß Du selber Anteil nimmst und willst, daß auch wir Anteil nehmen. Ich lese noch immer täglich „Le Temps“. Fertig mit „Le rêve“, nachgemachte, gut nachgemachte Legenden-Poesie, aber unwahrscheinlich. Ja, liebe Bergliot, wenn Du jetzt Sehnsucht hast, so vergiß nicht, daß in ihrer unklaren Arbeitszeit das alle haben, und am meisten diejenigen, die ihrer Arbeit wegen sich abschließen müssen. Die Belohnung kommt später. Sei nicht ungeduldig. Aber sag’ uns alles, was sich Dir in den Weg stellt, zeichne alle Wolken, die Dir dräuen, selbst nur momentan; schon sie abzeichnen zu können, ist der halbe Weg, sie los zu werden.
Dein Freund Vater.
Liebe Bergliot, Dank, tausend Dank für Deinen Brief! Die Stelle über Hanka als Mezzosopran war allerliebst! Sag’ ihr von mir, daß sie einen Mann heiraten muß, der um ein Viertel größer ist, und der die Liebhaberpartien singt, sonst kann sie sich auf keiner Bühne sehen lassen. — Was Du über die Aussprache des Französischen schreibst, ist richtig. — Du mußt auch noch lernen, das Norwegische auszusprechen. Wer einen herzlichen Eindruck machen will, muß die Worte genau so sagen, wie wir selbst sie sagen, wenn wir am natürlichsten sind.
Hier zu Hause ist es so gemütlich. Voller Winter, Schnee, Schnee, Schnee; in diesem Augenblick dichter Schneefall bei nebligem Wetter, als wären grauweiße Gardinen vor den Fenstern draußen. Herrlich in der warmen, behaglichen Stube. — Möglich, daß Björn und Peter, vielleicht L. Holst zu Weihnachten herkommen. Denk nur, wenn Du es wärst! Denk nur, wenn Du wieder Schlitten fahren kannst! Wenn Du Deinen Gesangskursus hinter Dir hast (mutmaßlich in anderthalb Jahren), dann kannst Du wohl ein Jahr lang Ferien machen; oder soll’s gleich losgehen? — Ich stimme für Ferien und Allotria ein Jahr lang, damit Du zu Kräften kommst. Aber alles zu seiner Zeit; — Schlittenfahren mußt Du, Mädel, und frische norwegische Winterluft einatmen so bald als möglich; denn das ist das Köstlichste, was wir haben, die Winterluft! Ebenso wie das Land im Schnee das Schönste auf der Welt ist. Aber die Menschen, Du, wie die kalt sind und starr! Genau wie eine nicht durchgearbeitete Stimme, so ist der ganze Mensch. Ich leide Herzensqualen vor Sehnsucht nach Wärme und Glauben an irgend eine Kraft in ihnen. Herzensqualen. Ich warte von Jahr zu Jahr; aber hie und da ein kleines Aufflackern, dann weg, erloschen, trocken, nichts. — Leb’ wohl, liebe Bergliot, leb’ wohl!
Dein Freund Vater.
Liebe Bergliot, nur ein paar Worte. Dies ist die Parnell-Woche gewesen; alle Zeitungen schreiben, alle Leute reden von nichts als Parnell, den man seit länger als einem Jahr beschuldigt, zusammen mit seinen Freunden heimlich auf seiten derer zu stehen, die die Sache Irlands mit Mord und Raub verteidigen, während er öffentlich sich als der Mann gäbe, der streng auf dem Boden des Gesetzes stünde. Nun liegt die ganze Verleumdung (und die Times, die sie angezettelt hat) im Schmutz! Alles war Lug und Trug!